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„Exit“: Norwegisches Drama um das luxuriöse (Doppel-)Leben von vier Bankern

  • Die tolle norwegische Neo-Serie „Exit“ zeigt das toxische Potenzial von vier egomanischen Brokern aus Oslo.
  • Es geht um entfesselte Männlichkeit und Hedonismus im entfesselten Kapitalismus.
  • ZDFneo sendet am 5. Juni alle acht Folgen von 23.35 Uhr bis 4.05 Uhr am Stück – oder ab 6. Juni in der Mediathek.
Jan Freitag
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Broker – heute kaum zu glauben – war mal ein ehrbarer Beruf. Aktiengeschäfte galten seit dem Börsengang der Telekom vor 25 Jahren ja nicht nur als rentabel, sondern auch als cool. Koks, pardon: Schnee von gestern: Nach den Banken- und Finanzkrisen, Offshore- und Cum-Ex-Skandalen lassen sich Broker nun gern verleugnen, damit niemand ahnt, womit sie ihr Geld verdienen. Es sei denn, sie verdienen so viel davon wie Adam Veile.

Geld macht nicht satt, sondern hungrig

Mit Anfang 20, erzählt der norwegische Börsenmakler einem Filmemacher, hat er drei Firmen aufgebaut und so gewinnbringend verkauft, dass sein Business mit Ende 30 daraus besteht, aus Geld noch mehr Geld zu machen und daraus wiederum so viel, dass sein Drittwagen aus Zuffenhausen ist, seine Villa von Rem Koolhaas, sein Haar zurückgegelt und seine Gier nach immer mehr, mehr, mehr noch größer als sein Mangel, daraus Befriedigung zu erlangen. Geld, lehrt die famose Neo-Serie „Exit“ von der ersten bis zur 250. Minute, macht eben nicht satt, sondern hungrig.

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Wie hungrig, schildert Showrunner Øystein Karlsen am Beispiel von vier Freunden in Oslo, die durch Hedgefonds steinreich geworden, aber mit dem Erreichten nie zufrieden sind. Um der Langeweile ihrer Luxusexistenzen mit Haus, Boot, Frau, Pool, Porsche zu entfliehen, haben sich der kontrollsüchtige Adam (Simon J. Berger), der cholerische Jeppe (Jon Øigarden), der schwächliche William (Pål Sverre Hagen) und der flatterhafte Henrik (Tobias Santelmann) ein Paralleluniversum erschaffen, wo sie ihre Allmachtsfantasien mit Nutten, Koks und Gewalt ausleben.

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Die menschliche Verrohung wird absurd

Als Henrik zum Auftakt von Drogen, Libido, Egoismus getrieben durchs geheime Partyapartment tigert und ein Callgirl mit dem Messer verletzt, ist die Eskalationsspirale schon zu erahnen. Am Ende jeder halbstündigen Folge aber wird die menschliche Verrohung so absurd, dass der amoralische Rausch zusehends zweifelhaft erscheint – wäre er der Wirklichkeit nicht so nahe. Die skandinavische Version von Bret Easton Ellis Achtziger-Exzess „American Psycho“, verstörend drastisch verfilmt mit Christian Bales als Achtzigerjahre-Broker, beruht nämlich auf den Gesprächsprotokollen echter Finanzjongleure von 2017.

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Mit welcher visuellen Wucht das Quartett der gewöhnlichen Welt da draußen den Mittelfinger ihrer grenzenlosen Selbstüberschätzung zeigt, ist demnach surreal, aber nicht irreal. Wenn William 200 Hummer für die kleine Gartenparty seiner Familie besorgt, einen Gast krankenhausreif schlägt, von dubiosen Gläubigern erpresst wird und nach einem Suizidversuch im Koma liegt, wo ihm Jeppe aus Spaß Speed in die Nase bläst, zeugt das also weniger von Øystein Karlsens blühender Fantasie; es ist wahrhaftiger Ausdruck einer Koinzidenz, die unsere Zivilisation gerade bestandsgefährdet: entfesselte Männlichkeit plus entfesselter Hedonismus im entfesselten Kapitalismus.

Die toxische Dreifaltigkeit

Um das Risiko dieser toxischen Dreifaltigkeit für Mensch und Natur zu verdeutlichen, spielen die Frauen der vier Protagonisten tragende Nebenrollen. Allen voran Hermine (Agnes Kittelsen), die von Adam psychisch wie physisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich so unterdrückt wird, dass er ihr verschweigt, sterilisiert worden zu sein und den vergeblichen Kinderwunsch lieber auf ihre seelischen Probleme schiebt. Dieser misogynen Manipulation zuzusehen, verursacht körperliche Schmerzen.

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Umso mehr allerdings sorgt es für Erlösung, wenn einige der Verantwortlichen am eigenen Größenwahn zu scheitern beginnen. Allein schon die Aussicht, ihnen beim drohenden Kollaps beizuwohnen, erhöht daher die Vorfreude auf Staffel zwei. Sie ist bereits fertig. Fraglos ebenso lausig synchronisiert wie die erste, aber dennoch fast zwingend sehenswert.

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