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Deutscher ESC-Vorentscheid

Eurovision Song Contest: Malik Harris soll die deutsche ESC-Ehre retten

Gewinner des deutschen ESC-Vorentscheids: Malik Harris.

Mit einem Mix aus Pop und Rap will Deutschland beim Eurovision Song Contest (ESC) seine Serie von Misserfolgen beenden: Der 24-jährige Sänger Malik Harris setzte sich am Freitag im ESC-Vorentscheid „Germany 12 points“ in der ARD mit seiner Midtempo-Nummer „Rockstars“ gegen fünf Konkurrenten durch. Er löste damit das Ticket zum ESC-Finale am 14. Mai im italienischen Turin. In dem „dreiminütigen Therapiegespräch“ (Harris) geht es um Selbstzweifel, Ängste und Hoffnung.

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Harris, aufgewachsen in der Nähe von Landsberg am Lech, zählt Ed Sheeran, Macklemore und Eminem zu seinen Vorbildern. Er war schon mit James Blunt auf Tour. Ob ihm das etwas nützen wird vor 200 Millionen TV-Zuschauern vom Nordkap bis nach Südspanien ist freilich offen.

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Die Frage, wer Deutschlands Durststrecke beim europäischen Popspektakel beenden soll, geriet zur Nebensache an diesem Fernsehabend. Die ARD hatte um 20.15 Uhr eine Ukraine-Sondersendung mit Ingo Zamperoni ins Programm genommen und auch den Vorentscheid danach halbherzig zum europäischen Solidaritätsevent umgewidmet. Schließlich stehe auch die Eurovisionssause „wie kein anderes Event für die Verbundenheit der Länder Europas und für ein friedliches Miteinander“ (ARD).

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Ukrainische ESC-Gewinnerin Jamala sorgt für bewegenden Moment

Zu Gast war deshalb auch Sängerin Jamala, die 2016 für die Ukraine den ESC gewonnen hatte. Was sie von ihrer viertägigen Flucht per Auto mit ihren Kindern aus ihrem Heimatland berichtete, war tief bewegend. „Um fünf Uhr morgens hörte ich eine Explosion“, erzählte sie. „Und mein Mann sagte: Der Krieg hat begonnen.“ Sie sang „im Namen der Kinder und Frauen“ ihren Song „1944″. Die ganze Welt solle hören: „Es darf so nicht sein. Was in der Ukraine passiert, darf nicht sein.“ Es war der einzige berührende und echte Auftritt des Abends.

Thomas Herrmanns: „Die sind alle so nett“

Sechs weithin unbekannte Künstler hatte der NDR zuvor ins Rennen geschickt – allesamt eher vom biederen Formatradiogeschmack geprägt. Das war, was den ESC-Auswahlprozess angeht, ein klarer Rückschritt. Denn Europa verlangt es beim ESC nach Originalität, nach Haltung und herausragenden Zeitgeistsongs. Kurz: nach Wagnissen, nicht nach Konsens. Für diese Erkenntnis genügt ein Blick auf die Sieger der jüngeren Zeit: Jamals Gewinnersong „1944″ war ein politischer Schmerzensschrei, Salvador Sobrals leise Ballade „Amor Pelos dois“ ein paneuropäischer Zaubermoment aus Portugal, Nettas „Toy“ ein ausgelassenes Partyspektakel des offensiven Andersseins aus Israel. Und die charismatischen Vorjahressieger Måneskin aus Italien lieferten mit „Zitti E Buoni“ eine hoch originelle, elektrisierende Powerrockoper. Prognose: Da wird man mit mittelgutem Mainstreampop nicht weit kommen.

Auf gleich elf Sendern lief die Show gleichzeitig. Das neue ESC-Team der ARD freilich orientiert sich sehenden Auges an Auswahlkriterien, die sich – mit den beiden Ausnahmen Lena (Platz eins im Jahr 2010) und Michael Schulte (Platz vier im Jahr 2018) – seit 15 Jahren als untauglich erwiesen haben. Bei den letzten sechs Events landete Deutschland fünfmal unter den letzten Fünf und zweimal ganz hinten. Daraus müssten sich allmählich doch irgendwelche Schlüsse ziehen lassen. „Die sind alle so nett“, sagte Studiogast Thomas Herrmanns. Und beschreibt damit ungewollt präzise das Problem.

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Der Irrglaube, der ESC sei ein Mainstream-Popevent, hält sich hartnäckig. Er ist ein Zeitgeist- und Sympathiefestival, eine Feierstunde des Auffälligen und Mutigen. Das geht ab und zu spektakulär schief (polnische Butterfässer, jemand?) und immer mal blendend auf. Es gewinnt, wer den Ton der Zeit trifft und den Kontinent für 180 Sekunden elektrisiert. Das wird nicht gelingen mit NDR-2-Musik. Musikalisch war diese Show ein Rückschritt in die Mittelmäßigkeit, eindeutig gestaltet von Radioleuten, die ihrem Gehör alle Ecken und Kanten abtrainiert haben. Für die Kandidatenauswahl fühlten sich diesmal die ARD-Popwellen zuständig. Das war ein strategischer Fehler.

Wenige Highlights im deutschen ESC-Vorentscheid

Der ARD gelang es nicht, im Vorfeld größeres Interesse zu wecken – und das, obwohl man sogar die paar Minuten vor der 20-Uhr-„Tagesschau“ opferte, um die diesjährigen ESC-Bewerber zu präsentieren. Felicia Lu Kürbiß’ (26) Titel „Anxiety“ blieb ein schnell vergessenes Standardwerk. Sänger Eros Atomus (21) konnte sich mit mittelschnellem Folkpop („Alive“) und Mumford-and-Sons-Stimme nicht durchsetzen. Das Koblenzer Duo Maël & Jonas versuchte mit „I Swear To God“ vergeblich, einen Schuss Garagenrock-Fröhlichkeit zu verbreiten.

Auch die Midtempo-Nummer „Soap“ von Sängerin Emily Roberts blieb ausstrahlungsarm, ebenso wie Nico Suave & Team Liebe mit ihrem leider allzu pathetisch-oberflächlichen Nabelschauappell gegen „Negativität“. Und das, obwohl sie den Text ihres „Seid doch mal gut drauf“-Aufrufs namens „Hallo Welt“ eigens noch einmal auf die Nachrichtenlage in der Ukraine umgemünzt hatten.

Moderatorin Barbara Schöneberger mühte sich nach Kräften, der Show Feuer unterm Hintern zu machen („Ich setze mich mal hier drauf, hoffentlich hält der Tisch“). Doch auch der ESC-Veteranin war anzumerken, dass der ESC höchstens das zweitwichtigste Thema dieser Sendung war.

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„Ich bin heute auch wegen der Völkerverständigung da“, sagte Sofagast Bülent Ceylan lapidar. Es war ein doch eher krampfiger Versuch der ARD, den Vorentscheid in irgendeine Beziehung zum Krieg zu setzen. Das hat die Ukraine wahrlich nicht verdient.

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