ESC 2021: Geplatzte Auftritte, positive Tests – wie Corona den Songcontest überschattet

  • Die Corona-Vorgaben beim ESC sind streng – aber das Virus hat trotzdem zugeschlagen: ESC-Sieger Duncan Laurence ist positiv.
  • Sein Auftritt beim großen Finale am Samstag fällt aus. Und auch die mitfavorisierte Gruppe aus Island muss im Hotel bleiben.
  • 3500 Zuschauende aber dürfen in die Arena. Ist das eine gute Idee?
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Es sind Bilder wie aus einer anderen Zeit: jubelnde Menschen, Schulter an Schulter, ohne Maske, ohne sichtbare Sorgen. Sie sitzen in der Ahoy Arena und feiern und singen, als gäbe es kein Gestern und kein Morgen. 3500 Zuschauende dürfen unter strengen Auflagen die Generalproben, Halbfinalshows und das große Finale des Eurovision Song Contest live in der Arena verfolgen. Die Tickets wurden ausschließlich an getestete niederländische Fans verkauft. Offiziell handelt es sich nach einem Beschluss des niederländischen Kulturministerium von Ende April um ein „fieldlab experiment“, also ein Modellprojekt. Mulmig ist trotzdem manchen.

Die etwas zynisch wirkende Kalkulation ging so: Hätten Ende April mehr als 900 Patientinnen und Patienten auf den niederländischen Intensivstationen gelegen, hätte die Regierung keine Zustimmung für ESC-Livepublikum erteilt. Am Tag vor der Entscheidung waren es jedoch 813. Und die Politik gab grünes Licht. Man wolle testen, hieß es, ob eine solche Massenveranstaltung auch in Zeiten der Pandemie gefahrlos möglich sei, trotz aller Tröpfchen in der Windmaschine. Die Frage freilich wird lauten: Schön und gut – aber was, wenn nicht? Wenn das Experiment schiefgeht? Aktuell liegt die Sieben-Tage-Inzidenz in den Niederlanden bei mehr als 200. Das ganze Land ist Hochinzidenzgebiet.

Bilder wie aus alten Zeiten: In der Rotterdamer Ahoy Arena dürfen 3500 Zuschauende die Shows des ESC live verfolgen. © Quelle: imago images/ANP
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Der ESC-Zirkus hat sich strenge Regeln auferlegt, damit das größte Musikspektakel der Welt – das 2020 noch komplett ins Wasser fiel – überhaupt über die Bühne gehen kann. Die Zahl der freiwillig Helfenden wurde auf 650 reduziert, üblich sind bis zu 1000. Die Delegationen aus 39 Ländern dürfen sich nur auf dem Eventgelände und im Hotel aufhalten. Und alle 48 Stunden ist für jeden ein frischer Corona-Test fällig, sonst funktioniert der elektronische Zugang beim Check-in nicht mehr. Dafür wurde eigens ein Testzelt mit 30 Kabinen neben der Arena errichtet. Taxi oder U‑Bahn fahren ist nicht erlaubt. Wer für den ESC akkreditiert ist, darf nur den offiziellen ESC-Shuttleservice nutzen. Und an einem Tischkicker im Presse­zentrum hängt ein Schild: „Maximal zwei Spieler/-innen sind erlaubt.“

Der Sieger von 2019 darf nicht auftreten

Alle 3500 Besucherinnen und Besucher brauchen einen Corona-Test, der nicht älter ist als 24 Stunden. Sie müssen sich registrieren und sich einige Tage nach Besuch der Show erneut untersuchen lassen. Mund-Nasen-Schutz ist Pflicht auf dem Weg zum Sitzplatz und auch zur Toilette. Während der Show aber darf er abgenommen werden.

Da wusste er noch nichts von seiner Corona-Infektion: Der niederländische ESC-Sieger von 2019, Duncan Laurence, bekommt im ersten Halbfinale am Dienstag eine Auszeichnung für eine Milliarde Streams seines Hits „Arcade“. © Quelle: imago images/ANP
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Seit Probenbeginn am 6. April sind die ESC-Teilnehmenden – Crew, Künstler und Künstlerinnen, Helfende, Technikerinnen und Techniker, die Presse, Delegationsmitglieder – insgesamt 24.000-mal getestet worden, meldete die Veranstaltungs­leitung. 16 dieser Tests fielen bisher positiv aus. Zuletzt erwischte er den ESC-Sieger von 2019, den Mann, dessen Sieg überhaupt erst dafür sorgte, dass Rotterdam Gastgeber des Songcontest ist: Duncan Laurence.

Laurence war im ersten Halbfinale am Dienstag noch live vor 3500 Zuschauenden aufgetreten. Nach seinem Auftritt habe er erste Symptome verspürt und sich erneut testen lassen, teilte sein Management mit – mit positivem Ergebnis. Der Niederländer wollte sich am Samstag im großen Finale eigentlich feiern lassen und neue Musik präsentieren. Nun fällt sein Liveauftritt als Special Guest aus. „Es ist einer der traurigsten Tage in meinem Leben“, sagte er. „Ich war so vorsichtig, wir waren alle so vorsichtig, aber unglücklicherweise können solche Dinge trotzdem passieren.“

Die Geheimfavoriten aus Island müssen im Hotel bleiben

Überhaupt spielen Notfallvideos eine nicht unwesentliche Rolle bei diesem Pandemiecontest 2021. Jede Delegation musste im Vorfeld ein Back-up-Musikvideo produzieren, das notfalls als Einspieler für den Wettbewerb taugt. Auch das isländische Sextett Daði og Gagnamagnið, dessen minimalistisch-cleveren Elektropopsong nicht wenige in der ESC-Bubble zu den Mitfavoriten zählen, wird im Hotelzimmer bleiben, wenn Resteuropa feiert: Nach mehreren positiven Fällen in der Delegation wurde am Mittwoch das Bandmitglied Jóhann Sigurður Jóhannsson positiv getestet.

Nur im Hotelzimmer dabei: Das isländische Sextett Daði og Gagnamagnið darf nach einem Corona-Fall nicht auf die Bühne. Stattdessen wird eine Probenaufzeichnung zu sehen sein. © Quelle: imago images/ANP
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Wie es zu der Infektion kam, ist der Truppe ein Rätsel, wie Sänger Daði Freyr auf Twitter schrieb: „Wir waren die ganze Reise über äußerst vorsichtig.“ Die sechs Gruppenmitglieder entschieden: alle oder keiner. Und so zeigte die Europäische Rundfunkunion als ESC-Veranstalter auch im zweiten Halbfinale am Donnerstag eine Probenaufzeichnung von Daði og Gagnamagnið vom 13. Mai. Mit Erfolg: Island qualifizierte sich für das Finale. Doch auch dort wird nur die Konserve zu sehen sein.

Auch ein polnisches Delegationsmitglied hatte sich zuvor als coronapositiv erwiesen. Polen und Island sind im selben Hotel in Rotterdam untergebracht. Und weil dort auch die Delegationen aus Rumänien und Malta ihr Domizil haben, ließ die EBU sicherheitshalber auch deren Delegationen komplett durchtesten – ohne positiven Befund.

„Alles richtig und alles falsch zur gleichen Zeit“

In normalen Jahren ist der ESC eine XXL-Party, die weite Teile der Gastgeberstadt erfasst. Das Eventgelände und der Back­stage­bereich werden zum Schauplatz unzähliger Verbrüderungsszenen und feuchtfröhlicher Treueschwüre. Das ist dieses Jahr anders. „Was ein bisschen zu kurz kommt, ist das Kennenlernen der anderen Künstler“, sagte auch der deutsche Kandidat Jendrik Sigwart dem Redaktions­­Netzwerk Deutschland (RND). „Das fällt leider komplett aus, weil wir uns ja alle an die Corona-Regeln halten müssen. Da gibt’s leider keinen Kontakt, das ist sehr schade.“

Royaler Besuch: Königin Maxima setzt sich am Donnerstag zu den 2500 Zuschauenden in der Ahoy Arena in Rotterdam, um die ESC-Proben zu verfolgen. © Quelle: imago images/ANP

Trotz der strengen Regeln in der ESC-Blase irritiert manchen deutschen Gast die Sorglosigkeit in der Stadt: „Wenn man hier ankommt, hat man den Eindruck, dass die Menschen alles irgendwie lockerer sehen, obwohl die Inzidenzzahlen deutlich höher sind als in Deutschland“, sagte der ESC-Fan, Arzt und Journalist Lothar Zimmermann dem SWR. „Ich musste mindestens fünf Leuten ausweichen, die getrunken hatten und High Five mit mir machen wollten. Es fühlt sich alles richtig und alles falsch zur gleichen Zeit an.“

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Kein Zweifel, dass sich eine andere Organisation, die kurz vor einem Massenspektakel steht und noch deutlich mehr Menschen in die Arenen lassen möchte, in diesen Tagen ganz genau ansieht, wie sich die Lage beim ESC in Rotterdam entwickelt: die Uefa.

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