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  • ESC 2021: Song aus Deutschland „I Don‘t Feel Hate“ könnte peinlich werden

Deutscher ESC-Beitrag von Jendrik: Das könnte peinlich werden

  • Der deutsche Beitrag für den ESC 2021 ist ein Song gegen den Hass.
  • Doch es fällt schwer, das Lied nicht zu hassen.
  • Für die Veranstaltung im Mai kann der Trash-Faktor von Vorteil sein – oder ein riesiges Desaster.
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Hamburg. Schon zu Beginn der Pressekonferenz wird klar, wohin die Reise geht: Jendrik Sigwart sitzt am Mittag zwischen Plexiglasscheiben und NDR-Verantwortlichen und begrüßt sein nicht sichtbares Publikum vor den Bildschirmen mit einem euphorischen „Heeeeey“. Bühne? Kann er schon mal.

Tatsächlich scheint es für den 26-jährigen Hamburger nichts Schöneres zu geben, als nun endlich selbst zum ESC zu fahren, und das merkt man auch. Jendrik plappert in einer Tour, und als endlich sein Song „I Don‘t Feel Hate“ präsentiert wird, hält es ihn kaum noch auf dem Stuhl: „Ich liebe den Song, ich find den witzig. Hier zu sitzen, mit diesem Logo im Hintergrund und dieses Video zu sehen – hilarious!“

Über Wochen hinweg hatte sich der Singer-Songwriter nahezu penetrant an den NDR herangeschmissen, bis ihn dieser letztendlich tatsächlich zum Casting einlud. Mit Freunden hatte er im Sommer ein Musikvideo gedreht, in Dutzenden Tiktok-Videos unter dem Motto „How to make eine Bewerbung für den ESC“ begleitete er seinen Weg.

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Eine Jury wählte dann aus 153 Kandidaten mit insgesamt 323 Songs tatsächlich den 26-Jährigen Hamburger aus. Ein Interpret, der wirklich voll und ganz hinter der Idee des ESC steht – zunächst einmal eine gute Voraussetzung. Das Ergebnis all dessen lässt sich nun allerdings vor allem mit einem Wort beschrieben: überdreht. Zu überdreht?

Kein Raum für Interpretationen

Der deutsche Beitrag für den ESC 2021 beginnt mit Ukulelen-Gesang, dazu wird geflötet. Im dazugehörigen Musikvideo hängt Jendrik auf einer Couch inmitten eines Waschsalons, während er die folgenden Zeilen trällert: „I don‘t feel hate, I just feel sorry, you feel so very clever whenever you find another way to wear me down“ („Ich fühle keinen Hass, es tut mir nur leid für dich. Du fühlst dich so schlau, wenn du einen anderen Weg findest, mich zu zermürben“). Und weiter: „So you can wiggle with that middle finger it‘ll never wiggle back to you“ („Du kannst also mit diesem Mittelfinger wackeln, aber er wird niemals zu dir zurückwackeln“)

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Tatsächlich gehören diese Textzeilen lyrisch noch zu den originelleren. Im Verlauf des Liedes wird deutlich spürbar, dass hier kein professioneller Songwriter am Werk war, und auch keiner mehr Korrektur gelesen hat. Viele Zeilen wirken platt und stellenweise wie eine Übersetzung aus dem Google Translator, manche hinken hart. „I really don’t care that you want to bash me“ („Es ist mir wirklich egal, dass du mich schlagen/verprügeln willst.“). Wirklich, ist es das?

Die gesamten Lyrics lassen kaum Spielraum für eigene Interpretationen, die Message des Songs wird dem Hörer mit voller Wucht in die Ohren geschossen. Jendrik singt von einer fiktiven Person, die ihn beleidigt, schlägt und mobbt, was er jedoch nicht an sich heranlässt: „Don‘t you dare to get angry, when you realize those word just don‘t hit me“ („Wag es ja nicht, wütend zu werden, wenn du feststellst, dass mich deine Worte nicht treffen“).

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Wenige überraschende Momente

In den Strophen klingen Reime wie mit einer Brechstange herbeigetextet, manchmal kann aber selbst die nichts mehr richten. So heißt es in einer Zeile etwa: „I really don’t mind to be your rival. Cause for your kind it’s essential for survival. Yes, I did, and I feel sorry. I don’t feel hate, that’s the whole point of this song“ Hier wünscht man sich sehnlichst eine Textzeile wie „and you don‘t have to worry“ herbei – damit wäre zumindest schon ein kleines Problem des Songs gelöst.

Musikalisch macht der ESC-Beitrag derweil etwas mehr Spaß als textlich. Denn tatsächlich stößt man hier nach vier belanglosen Standardakkorden auf einige wenige überraschende Momente. Direkt nach dem Refrain folgt beispielsweise ein überraschend düsterer Break mit vielen Trompeten, im Video schießt an selber Stelle eine Ladung buntes Holi-Pulver aus den Waschmaschinen.

Man kann sich gut vorstellen, wie der Sänger und seine Crew an dieser Stelle auf der Bühne eskalieren. Später wird der Anti-Hate-Song mit einer trashigen Trompete und einer Stepp-Einlage abgerundet, was zu all dem Hokuspokus tatsächlich ganz gut passt.

Naive Message

Und eins muss man dem Interpreten ja lassen: Er hat all das gut gemeint. Auf Hass solle man nicht mit Hass reagieren, erklärt Jendrik die Message seines Liedes in der NDR-Pressekonferenz. Mit seinem Song wolle er Hater auf seine Weise belehren. „Steh drüber und zeige [der Person] auf einem anderen Weg, einem Weg von Liebe oder Respekt, dass das, was sie sagt oder tut, falsch ist.“

Doch so gut gemeint die Message ist, so naiv ist sie auch. Denn tatsächlich lässt sich Hass (weder im Netz noch da draußen) nicht mit einem bunten Ukulelen-Song wegsingen. Und nicht jeder hat die Kraft, über dem Hass zu stehen und ein launiges Lied drüber zu machen – geschweige denn würde das gegen ihn helfen.

Aber sehen wir den Song mal nicht als deepes Meisterwerk zum Zwecke der Weltverbesserung, sondern als das, was er ist: ein Beitrag für die größte Musik-Trash-Veranstaltung Europas. Und da, das muss man ihm lassen, passt er tatsächlich ganz gut rein. Aber ob es am Ende reicht?

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Schmaler Grat zwischen witzig und peinlich

Statt einem professionell produzierten Popsong einen Trash-Hit zu wählen, ist natürlich ein legitimes Mittel. Hat ja schon ein paar Mal funktioniert. Nach dem herausragenden und Corona zum Opfer gefallenen Beitrag von Ben Dolic im vergangenen Jahr ist „I Don’t Feel Hate“ qualitativ aber ein ziemlicher Schlag ins Gesicht.

Der Song selbst ist zwar mehr als eingängig, das macht ihn aber noch lange nicht zum Hit. In knapp drei Minuten macht sich textlich und größtenteils auch musikalisch eine solche Belanglosigkeit breit, dass nur das Musikvideo das übertünchen kann. Beim ESC fällt dieses Element aber weg.

Zudem sind der Song und sein Interpret so überdreht, dass das Stück im besten Fall witzig wirkt, im schlimmsten Fall aber eher peinlich. In der Welt, in der sich Jendrik bewegt (nämlich Tiktok), würde man wohl von einem „Cringe-Moment“ sprechen. Schwer vorauszusagen, ob sich Europa tatsächlich auf so eine Darbietung einigen kann, oder ob all das in einem riesigen Desaster endet.

„I Don‘t Feel Hate“ ist ein Lied gegen den Hass und mit gut gemeiner Message. Leider fällt es ziemlich schwer, den Song nicht zu hassen.

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