Italien rockt und siegt – und Deutschland leidet: So war der Eurovision Song Contest

  • Rock on, Europe! Die Krone des europäischen Pop geht an Italien. Mit dem Hardrocksong „Zitti e buoni“ siegte die Band Måneskin beim 65. Eurovision Song Contest.
  • Und Deutschlands Pechsträhne geht weiter: Sänger Jendrik landete auf dem vorletzten Platz.
  • Die Show in Rotterdam zeigte vor allem: Nach anderthalb Jahren Pandemie ist die Sehnsucht nach positiv-emotionalen Erlebnissen riesig.
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Am Ende weinen eben manchmal auch die ganz harten Kerle: Mit dem feurigen Hardrockepos „Zitti e buoni“ (Still und fügsam) hat die ganz und gar nicht stille und fügsame Rockband Måneskin aus Italien den Eurovision Song Contest 2021 gewonnen. Mit 524 Punkten landete die Gruppe am Ende nur 25 Punkte vor der Französin Barbara Pravi mit ihrem spartanisch inszenierten, berückend gesungenen Chanson „Voilà“. Auf Platz drei stand am Schluss der wunderbar verrätselt-androgyne Schweizer Gjon’s Tears mit seinem schmerzensreich-schwarz-weißen Liebesepos „Tout l’univers“ (432 Punkte). Italien galt als Favorit. Italien kam, sah und siegte.

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Mit Rockband Måneskin zum Sieg: Italien gewinnt Eurovision Song Contest
1:54 min
Es ist erst der dritte Eurovision-Song-Contest-Sieg für Italien überhaupt. Die Siegerband heißt Måneskin und der Song „Zitti e buoni“.  © Reuters

Ein neuer Nackenschlag für Deutschland

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Und Deutschland? Muss einen weiteren ESC-Nackenschlag einstecken. Der Hamburger Sänger Jendrik Sigwart (26) nahm am Ende ganze drei Mitleidspunkte nationaler Jurys mit – zwei aus Österreich, einen aus Rumänien. Vom europäischen Publikum kamen exakt 0 (in Worten: null) Punkte für ihn. Das bedeutete am Ende Platz 24 von 25. Nur England, das Mutterland des Pop, schnitt noch schlechter ab: null Punkte. Letzter Platz. Das hiesige ESC-Elend setzt sich also fort: Bei den letzten sechs Song Contests war Deutschland nun zweimal Letzter und dreimal Vorletzter. „Ich habe mich sehr wohlgefühlt mit mir“, sagte Sigwart nach seinem Auftritt trotzdem in galgenhumoriger Gelassenheit. „Ich bin happy.“

Drei Punkte, Platz 24: Die ESC-Bilanz für den deutschen Sänger Jendrik Sigwart fiel bitter aus. Gefeiert wurde trotzdem. © Quelle: Peter Dejong/AP/dpa

Die charismatischen Italorocker von Måneskin dagegen, zuvor Sieger des traditionsreichen Musikfestivals von San Remo, sicherten Italien den insgesamt dritten ESC-Triumph. Zuletzt hatte sich 1992 Sänger Toto Cutugno in Zagreb mit dem Titel „Insieme“ den Sieg geholt. Die Band, die über die Bühne irrlichterte wie Freddie Mercury in seinen besten Tagen, ist nach dem dänischen Wort für „Mondschein“ benannt (die Bassistin Victoria De Angelis ist Dänin). Maneskin zeigten in Rotterdam ein überhaupt nicht ironisch gemeintes, glühend rotes Latzhosenspektakel, bei dem sie keine Gefangenen machten.

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Platz zwei für Frankreich: Sängerin Barbara Pravi mit ihrem Chanson „Voilà“. © Quelle: imago images/ANP

Es war ein sehr stabiler ESC-Jahrgang mit geringer Quarkdichte und originellen Höhepunkten. Wegen positiver Corona-Tests fielen der Auftritt des ESC-Siegers von 2019, Duncan Laurence, sowie die Performance des isländischen Sextetts Dadi og Gagnamagnid aus, stattdessen lief ein Probenvideo. Am guten Abschneiden änderte das nichts: Island kam mit seiner nerdig-stabilen Elektropopnummer inklusive sympathischer Pixelpullis und 360-Grad-Keyboard als Favorit der Herzen auf Platz vier (378 Punkte). Was für ein sympathischer Haufen fröhlich-erratischer Verrückter im besten Sinne. Es dürften auch ein paar Corona-Mitleidspunkte im Spiel gewesen sein.

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Sieger der Herzen: Die isländische Band Dadi og Gagnamagnid konnte wegen eines Corona-Falls nicht live auftreten – und holte mit einer Videoaufzeichnung am Ende Platz vier. © Quelle: imago images/ANP

Und die Fremdschämmomente? Gab es auch, gewiss. Was wäre diese paneuropäische Geschmacksexplosion ESC ohne ihre „Das meinen die nicht ernst, oder?“-Augenblicke. Unklar blieb, warum die Frisur der Israelin Eden aussah wie das schmiedeeiserne Schmuckelement eines Zaunes um ein hochherrschaftliches Anwesen (Platz 17). Oder warum die Russin Manizha („Russian Woman“) aus einem überdimensionalen begehbaren Kleid schlüpfte. Ein Symbol für das erlösende Abstreifen der russischen Vergangenheit? Oder für die Befreiung der Frau aus dem bunten Kokon männlichen Erwartungsdrucks? Optisch originell, aber doch eher sperrig – im Wortsinne. Der Lohn für die in rechtskonservativen Kreisen zu Hause heftig diskutierte Performance der starken Sängerin: Platz neun. Eher anstrengend waren auch die drei serbischen Kim Kardashians beim kollektiven Glamourheadbanging (Platz 15) und die seltsame Inszenierung des ukrainischen Beitrags „Shum“ der Gruppe Go_A mit Federkleid und strengem Lehrerinnenblick. Das passte so gar nicht zu dem hochkomplexen Song, der aber trotzdem eine eigenwillige Sogwirkung entwickelte und der Ukraine am Ende einen starken Platz fünf sicherte.

Der Sieger der Herzen hieß Island

Vor einem Jahr war der geplante Song Contest noch pandemiebedingt ins Wasser gefallen – erstmals in seiner Geschichte. Jetzt jedoch durften sogar 3500 Zuschauer die Show frisch getestet und ohne Mundschutz live verfolgen. Ein umstrittener Umstand, den auch der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach zuvor als „falsches Bild“ gegeißelt hatte. Es waren Szenen wie aus einem anderen Jahrzehnt: jubelnde und singende Menschen aus bis zu 3500 Haushalten in einem Raum, Schulter an Schulter. Das niederländische Kultusministerium hatte die Supersause rechtzeitig zu einem „Fieldlab Experiment“ für seuchensichere Großereignisse ausgerufen. Fast 30.000 Corona-Tests mussten auch die Künstler, Crewmitglieder, Delegationen und Journalisten in sechs Wochen Aufbau- und Probenzeit über sich ergehen lassen.

Was rund 180 Millionen Zuschauer sahen: jede Menge Stulpenstiefel, Lasergitter und Silberfetzenglitzerkleider, außerdem eine ganze Reihe von Oden an die weibliche Selbstermächtigung, darunter den Beitrag der 18-jährigen Sängerin Destiny aus Malta, deren „Je me casse“ (etwa: Ich verziehe mich) eine musikalische Backpfeife an miese Machos mit ihren dummen Anmachsprüchen war. Sie hatte sich sichtlich mehr erhofft als Platz sieben (255 Punkte). Schönster Comedymoment war zweifellos die Punktevergabe aus Island: Die Wertung von dort vergab der zum Kult gewordene „Jaja Ding Dong“-Mann aus dem ESC-Film „The Story of Fire Saga“ von US-Komiker Will Ferrell. Worum geht’s? Hier entlang bitte:

Es war kein normaler Song Contest. Wie ein weißer Elefant stand Corona im Raum, schwebte über allem, definierte die Abläufe und die Stimmung. Es war das erste multinationale Großereignis nach Ausbruch der Pandemie im Frühjahr 2020. Trotzdem gelang es der Europäischen Rundfunkunion (EBU) als Veranstalter, 180 Millionen Zuschauern vier Stunden der Leichtigkeit zu vermitteln, eine fröhliche Ahnung davon, dass die Lust auf Livespektakel, die Sehnsucht nach gemeinschaftlichen „Hach“-Momenten und kollektivem Erleben selbstverständlich nicht final versiegt ist, sondern ganz im Gegenteil brodelt und gärt.

Das deutsche ESC-Team hat den Anschluss an den Zeitgeist verloren

Warum scheiterte Deutschland erneut? Drei mögliche Gründe:

  • Offenbar stand dem pandemiemürben Kontinent der Sinn nicht nach Gaga. Stattdessen kamen die emotional glaubwürdigen und komplexen Titel von Italien, Frankreich, der Ukraine und der Schweiz weit – allesamt musikalisch anspruchsvolle und hochoriginelle Beiträge, die die Balance zwischen Ernsthaftigkeit und Entertainment auf viel modernere Weise hielten als Jendrik Sigwart mit seinem quietschbunten Ententanz. Auch das deutsche Publikum vergab seine Punkte vor allem an Acts, die das, was sie taten, ernst meinten: zwölf Punkte an Litauen, zehn an Frankreich, acht an Finnland und sieben an Italien.
  • Es ist kein Tanzwettbewerb. Der 26-Jährige hatte eine derart aufwendige Tanzperformance samt Steppeinlage zu absolvieren, dass er hörbar außer Atem war. Keine gute Idee bei einem Wettbewerb, der seine Wurzeln dann doch irgendwie in der Musik und im Gesang hat.
  • Es war ein sehr starker Jahrgang. Der ESC 2021 war mit Abstand der interessanteste Wettbewerb seit Jahren. Das musikalische Niveau war hoch – so hoch, dass Jendrik Sigwart mit einer doch eher konventionellen und wenig modernen Komposition einfach durchfiel. Das darf keine Entschuldigung sein. Das deutsche ESC-Team hat den Anschluss an zeitgenössische europäische Popmusik vollständig verloren.
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Dass niemand Deutschland liebt, ist schlicht nicht wahr. Mit einem guten Beitrag kann jedes Land gewinnen. Wenn man den ESC als Spiegel der kontinentalen Befindlichkeiten liest, stand Europa der Sinn einfach nicht nach Ironie und offensivem Quatsch – und sei die subtile Botschaft noch so wichtig. Die ESC-Fans dürstete es dagegen offenbar nach Versöhnlichkeit und musikalischer Tiefe, nach Lust am Gesellschaftsspiel mit den Klischees und nicht nach besinnungsloser Party mit Riesenhand und Stepptanz. Stepptanz! Ernsthaft?

Ein Fest der Musik und der Vielfalt

Es war ein Fest der Musik und der Vielfalt, dessen größter Erfolg schon darin bestand, dass es überhaupt stattfinden konnte. Denn der mächtigste Gegner in diesem Wettbewerb war nicht Polen, Spanien, Finnland oder Frankreich – sondern Corona. Mit seinem Hygienekonzept könnte das Event zur Blaupause für andere internationale Großereignisse werden. Gewiss wird man auch bei der Uefa ganz genau hingesehen haben, was in Rotterdam passiert. Es sind noch 27 Tage bis zur Fußball-Europameisterschaft.

Alle Ergebnisse des ESC 2021

Platz 1 / 524 Punkte: Italien mit Måneskin („Zitti e buoni“)

Platz 2 / 499 Punkte: Frankreich mit Barbara Pravi („Voilà“)

Platz 3 / 432 Punkte: Die Schweiz mit Gjon’s Tears „Tout l’univers“)

Platz 4 / 378 Punkte: Island mit Dadi og Gagnamagnid („10 Years“)

Platz 5 / 364 Punkte: die Ukraine mit Go_A („Shum“)

Platz 6 / 301 Punkte: Finnland mit Blind Channel („Dark Side“)

Platz 7 / 255 Punkte: Malta mit Destiny („Je me casse“)

Platz 8 / 220 Punkte: Litauen mit The Roop („Discoteque“)

Platz 9 / 204 Punkte: Russland mit Manizha („Russian Woman“)

Platz 10 / 170 Punkte: Griechenland mit Stefania („Last Dance“)

Platz 11 / 170 Punkte: Bulgarien mit Victoria („Growing up Is Getting Old“)

Platz 12 / 153 Punkte: Portugal mit The Black Mamba („Love Is on my Side“)

Platz 13 / 115 Punkte: Moldau mit Natalia Gordienko („Sugar“)

Platz 14 / 109 Punkte: Schweden mit Tusse („Voices“)

Platz 15 / 102 Punkte: Serbien mit Hurricane („Loco Loco“)

Platz 16 / 94 Punkte: Zypern mit Elena Tsagrinou („El Diablo“)

Platz 17 / 93 Punkte: Israel mit Eden Alene („Set me Free“)

Platz 18 / 75 Punkte: Norwegen mit Tix („Fallen Angel“)

Platz 19 / 74 Punkte: Belgien mit Hooverphonic („The Wrong Place“)

Platz 20 / 65 Punkte: Aserbaidschan mit Efendi („Mata Hari“)

Platz 21 / 57 Punkte: Albanien mit Anxhela Peristeri („Karma“)

Platz 22 / 50 Punkte: San Marino mit Senhit feat. Flo Rida („Adrenalina“)

Platz 23 / 11 Punkte: Die Niederlande mit Jeangu Macrooy („Birth of a New Age“)

Platz 24 / 6 Punkte: Spanien mit Blas Cantó („Voy a quedarme“)

Platz 25 / 3 Punkte: Deutschland mit Jendrik („I Don’t Feel Hate“)

Platz 26 / 0 Punkte: Großbritannien mit James Newman („Embers“)

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