Es lebe die Sünde! Dritte Staffel „Babylon Berlin“ startet im Januar

  • Die teuerste deutsche Serie aller Zeiten geht weiter.
  • Sky zeigt im Januar 12 neue Folgen von „Babylon Berlin“.
  • Bei der Premiere im Dezember feierten zahlreiche Stars die Zwanzigerjahre.
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Berlin. Es gibt einen Ort, an dem in Berlin noch ein bisschen der Glamour von gestern zu spüren ist, die Welt der tiefen Teppiche, kristallenen Lüster, Messingzierleisten und Garderobenschilder aus simuliertem Blattgold. Natürlich ist das alte Gaslaternen-Berlin tot, aber im Zoo-Palast lebt es weiter, wenigstens ein bisschen. Seit 100 Jahren steht an dieser Stelle in Berlin ein Lichtspielhaus, Fritz Langs „Metropolis“ hatte hier 1927 seine Welturaufführung, auch Friedrich Wilhelm Murnaus „Faust“ von 1926. Und hier feierte die neue Staffel der Mammutserie „Babylon Berlin“ am Montag (17. Dezember) Premiere. 1500 Gäste. Blitzlichter. Lächeln. Alles ganz so, als wäre „Babylon Berlin“ nicht bereits ein Welterfolg.

Eine „Weltpremiere“? Für eine dritte Staffel? Mit Starschaulauf, rotem Teppich und dem ganzen Zinnober? Das ist ungewöhnlich. Aber es gibt Gründe genug, diese teuerste deutsche Serie aller Zeiten so oft wie möglich zu feiern. Die internationalen Kritiken sind überwiegend schwelgerisch. In mehr als 100 Länder ist „Babylon Berlin“ verkauft, darunter die USA, Australien und China. „Das war gar nicht schwierig“, sagt Produzent und Vermarkter Jan Mojito an diesem Abend. „Niemand in der Welt, der diese Serie gesehen hat, hat sie nicht gemocht. ,Babylon Berlin’ hat in der neuen, internationalen Serienwelt Maßstäbe gesetzt.“

Neue „Babylon Berlin“-Folgen ab 24. Januar

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Es ist ein Familientreffen. Fritzi Haberlandt rauscht in engelhaft glitzerndem Weiß durch das Foyer. „Ich bin so froh, dass es weitergeht, und dass die Sache wieder einen solchen Sog entwickelt“, sagt sie dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). „Wir haben letztes Wochenende mit dem Team alle zwölf neuen Folgen am Stück gesehen – das war großartig. Ich bin einfach stolz, zu diesem Projekt dazuzugehören.“ Haberlandt spielt auch in Staffel drei eine schroffe Kriegerwitwe, die sich nach Liebe sehnt.

Die ersten 18 Folgen des bombastischen Bilderbogens „Babylon Berlin“ liefen vor immerhin zwei Jahren beim Pay-TV-Sender Sky (und vor mehr als einem Jahr in der ARD). Auch die zwölf neuen Episoden werden ab dem 24. Januar zuerst bei Sky zu sehen sein. Im Ersten werden sie ab Herbst 2020 ausgestrahlt. In der ARD-Mediathek werden alle Folgen schon einige Wochen vorher abrufbar sein.

„Wie eine ständig wachsende Krake“

Neben Haberlandt und den Hauptdarstellern Liv Lisa Fries und Volker Bruch sind fast alle Schauspieler aus den ersten beiden Staffeln wieder mit von der Partie – darunter Benno Fürmann, Lars Eidinger, Mišel Matičević, Hannah Herzsprung, Leonie Benesch, Christian Friedel, Thomas Thieme, Udo Samel, Karl Markovics, Jeanette Hain, Jördis Triebel und Godehard Giese. Kaum minder prominent liest sich die Liste der Neuzugänge: Ronald Zehrfeld, Meret Becker, Sabin Tambrea, Hanno Koffler, Martin Wuttke, Trystan Pütter, Peter Jordan, Caro Cult, Saskia Rosendahl und Bernhard Schütz. Nicht mehr dabei ist allerdings – nach dem Serientod seiner Figur – Peter Kurth.

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Es wird der Tag kommen, an dem wird jeder deutsche Schauspieler, der diese Berufsbezeichnung zu Recht trägt, in „Babylon Berlin“ aufgetaucht sein. Mit Ausnahme von Matthias Matschke („Pastewka“, „Professor T.“) – bisher jedenfalls. Er ist als Zaungast im Zoo-Palast. „Ja Mensch, ich weiß auch nicht, wie das passieren konnte!“, scherzt er. „Irgendwie bin ich der Einzige heute hier, der nicht bei ,Babylon Berlin‘ dabei ist?!“

Es sind alle da, die da sein sollten, natürlich auch die drei Regisseure Tom Tykwer, Henk Handloegten und Achim von Borries. „Wie eine ständig wachsende Krake“ sei so eine Serie, sagte Tykwer kurz vor dem Dreh von Staffel drei dem RND. Die neue Staffel sei „noch überbordender“. Die neuen Folgen wurden von Oktober 2018 bis Frühjahr 2019 überwiegend in Potsdam-Babelsberg und Nordrhein-Westfalen gedreht. Das Joint-Venture der öffentlich-rechtlichen ARD mit dem Bezahlsender Sky war eine Pioniertat. „Ich bin ein Fan seit der ersten Idee – seit Tom Tykwer gesagt hat: ,Das kann man nicht bezahlen, aber das muss man machen’“, sagt ARD-Programmchef Volker Herres. Auch der scheidende NDR-Intendant Lutz Marmor ist bester Stimmung: „Es waren viele skeptisch, was die Zusammenarbeit der ARD mit Sky angeht – aber nach den ersten beiden Staffeln ist diese Kritik verstummt.“

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Der neue Fall: Ein Mord in Babelsberg

Worum ging’s nochmal bei „Babylon Berlin“? Es ging um den traumatisierten Weltkriegsveteran Gereon Rath (Volker Bruch), der als Polizeikommissar in Berlin eine schmuddelige Sexfilmaffäre aufklären soll – und in ein Netz aus politischen Intrigen, Machtkämpfen und Mordanschlägen gerät. Ihm zur Seite stand die ehrgeizige Gelegenheitsprostituierte Charlotte Ritter (Liv Lisa Fries), die ihren Körper nachts an schwitzende Moppel verkauft, um das Rattenloch, in dem ihre Familie haust, bezahlen zu können. Sie träumt davon, als Kriminalistin in die Männerdomäne der Verbrechensbekämpfung aufgenommen zu werden.

Es war ein furioser Ritt durch vermeintlich goldene, in Wahrheit aber wacklige und düstere politische Jahre – und als dramaturgischer Bonus spiegelt sich in „Babylon Berlin“ auch noch der aktuelle Aufstieg der rechten Populisten. So bekommt das Drama aus der jungen Republik etwas bestürzend Neuzeitliches.

Was erwartet die Zuschauer nun in Staffel drei? Es liegt strenge Geheimhaltung über dem Fortgang der Dinge. Aber den groben Rahmen zu beschreiben ist erlaubt: Die neue Staffel führt Rath – getreu der Buchvorlage „Der stumme Tod“ von Volker Kutscher – in die glitzernde, junge Filmwelt von Babelsberg. Dort wurde eine Starschauspielerin von einem Scheinwerfer erschlagen. Ein Unfall? Oder Mord? Unterstützt wird Rath wieder von Charlotte Ritter. Sie ist inzwischen Kriminalassistentin und büffelt für höhere Weihen. Parallel beginnt der Aufstieg der Nazis. Die Folgen spielen allesamt im Jahr 1929, dem Jahr des weltweiten Börsencrashs.

Intermezzo im Paternosteraufzug

Am Morgen der Premiere saß Charlotte-Darstellerin Liv Lisa Fries noch in Zivil in einem Berliner Hotel. Hochzufrieden sei sie mit der Fortsetzung, sagte sie da. Wieder spielt sie ihre Berliner Frühfeministin mit der burschikosen Chuzpe einer Großstadtpflanze, die gar nicht einsieht, dass sie vor den Kerlen kuschen soll.

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Kleiner dramaturgischer Retro-Scherz zu Beginn: Wie in den ersten Minuten von Folge eins begegnen sich Gereon Rath und Charlotte Ritter bei einem Intermezzo am Paternoster. Charlotte hat die Hände voller Bücher, Bruch streicht ihr eine vogelwilde Locke aus dem Gesicht – frische Nahrung für die Hoffnung, dass diese zwei sich doch noch kriegen mögen. Irgendwann in drei bis fünf Staffeln, wenn „Babylon Berlin“ im Vergleich zu „Brigitte Bardot“ längst das größere „BB“ geworden ist.

Regisseur Tykwer ist voll des Lobes für seine beiden Hauptdarsteller: „Man lässt Liv Lisa Fries sofort in sein Herz und geht mit ihr mit. Sie und Volker Bruch mit ihren unterschiedlichen Energien sind ein tolles Tandem. Das ist ein Yin und Yang, das sich da entwickelt hat. Das kommt nicht aus den Büchern. Das kommt von den beiden.“

Stürmischer Beifall für das Prestigeprojekt

Im Saal sitzt die halbe Berliner Kreativszene. Und feiert das Prestigeprojekt mit stürmischem Beifall. Und so viel darf man verraten: Die neuen Folgen weichen keinen Millimeter von der dichten, tiefen, farbigen Pracht der ersten beiden Staffeln ab. Die große Leistung von „Babylon Berlin“ besteht darin, die Zeitläufe zu verdichten, ohne in Klischees zu flüchten oder die Story aus dem Auge zu verlieren. Es geht um viel mehr als den viel zitierten „Tanz auf dem Vulkan“ vor Börsencrash und Nazi-Zeit: Es geht um Weltentschlüsselung, menschliche Abgründe, großes Entertainment.

Wie lang geht das noch so weiter? „Ich denke, dass die Bücher von Volker Kutscher sicher noch mehrere Staffeln hergeben würden“, sagte der scheidende Sky-Deutschland-Chef Carsten Schmidt dem RND. Jede Folge kostet knapp 2,5 Millionen Euro. Degeto-Chefin Christine Strobl findet: „Die Zeit ruft danach, aus Deutschland Geschichten zu erzählen, die in die Welt gehen. Ich bin megastolz.“

Die Hauptstadt zelebriert die Zwanzigerjahre

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Nicht nur wegen „Babylon Berlin“: Die Zwanzigerjahre des 20. Jahrhunderts, deren Beginn sich 2020 zum 100. Mal jährt, erleben einen regelrechten Nostalgieschub. Die Erinnerungskultur an die brodelnde, tolerante, wild feiernde Metropole Berlin in der Weimarer Republik boomt. In den Tanzschulen geht es um Swing, Charleston und Lindy Hop, in Dussmanns Kulturkaufhaus liegen die Tische voll mit „Zwanziger“-Literatur und -Bildbänden. Im Admiralspalast feiert am Donnerstag das Musical „Berlin Berlin“ seine Premiere. „Cabaret“ ist ein Dauerbrenner. Die Zwanziger leben. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis ein Berliner Partyunternehmer das Moka Efti neu eröffnet. Und sei es nur für ein paar Wochen. Die, die hier an diesem Abend feiern – Lars Eidinger in einer roten Strickjacke, wie nur er sie tragen darf – wären gewiss die ersten Gäste.

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