Eric Stehfest macht Psychotherapie im TV: „Es geht hier um Leben und Tod“

  • Ex-Junkie, Ex-Soap-Star und Bestsellerautor Eric Stehfest macht eine Psychotherapie – und lässt sich dabei filmen.
  • „Eric gegen Stehfest: In Therapie“ (ab Montag, 3. Mai, bei TV Now) heißt das ungewöhnliche Fernsehprojekt.
  • Im Interview erklärt der 31-Jährige den radikal offenen Schritt.
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Ist es die Kapitulation vor der Idee eines privaten Lebens, oder sollten wir nicht alle viel offener mit Tabuthemen umgehen – so wie Schauspieler und Autor Eric Stehfest? Der 31-Jährige macht seine eigene Psychotherapie öffentlich – in Form des Fernsehformats „Eric gegen Stehfest: In Therapie“ (Montag, 3. Mai, TVNOW). Die radikale Offenheit hat ihm beim Heilen zahlreicher Lebenswunden geholfen, sagt er. Im Interview erklärt der ehemalige Unterhaltungspromi („Dancing on Ice“), welche Verantwortung die Öffentlichkeit für „ihre“ Prominenten trägt und wie man resilienter gegen öffentliches Angriffe sowie private Abstürze werden kann.

Zwölf Doku-Folgen sollen zwölf Therapiesitzungen abbilden. Tatsächlich sind die Therapieausschnitte aber eher kurz – der Rest ist eine Doku über Ihr aktuelles Leben. Wäre es sonst zu spröde geworden?

Natürlich kann man sich über die Gewichtung von Therapieausschnitten und anderen Szenen streiten, aber ich finde, wir haben da eine gute Balance gefunden. Wir gehen im Film ja immer zu jenen Orten meines Lebens, die gerade im Therapiegespräch abgebildet werden. Insofern bleibt die Doku eng am Thema dran. Nur die Perspektive wechselt. Dazu kommt, dass man sich als Patient in Therapie auch immer in einer bestimmten Rolle befindet. Hätte man mich nur im Therapiegespräch gesehen, wäre die Erzählung sicher nicht authentischer gewesen.

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Nun ist Psychotherapie normalerweise ein privater und geschützter Raum. Warum haben Sie diesen Raum öffentlich gemacht?

Ich werde im Grunde seit meiner Kindheit von der Kamera oder Zuschauern, die auf eine Bühne blicken, begleitet. Es ist Teil meines Lebens, das Private öffentlich zu machen. Insofern war der Schritt nicht so abwegig. Was mich aber auf die Idee des Formats gebracht hat, war die Tatsache, dass ich in den letzten Jahren im Rahmen eines Projekt-Cafés mit vielen Jugendlichen gearbeitet habe, die Suchterkrankungen hatten oder haben. Die Missbräuche erlebt haben und Suizid-Gedanken kennen. Was ich dabei immer wieder erlebte, war, wie groß deren Angst vor einer Psychotherapie war. Wegen meiner Suchterkrankung befand ich mich schon früher mal fast ein Jahr lang in Therapie. Ich weiß, wie viel dieser Schritt leisten kann. Deshalb möchte ich auch ein Stück weit dafür werben.

„Geliebte Menschen anders zu sehen, davor fürchten sich viele Menschen“

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Warum haben so viele Menschen Angst vor Psychotherapie?

Ich glaube, dass der Begriff mit einem falschen Mythos belegt ist. Viele denken immer noch, da passiert etwas Schreckliches – dem ist aber nicht so. Die größte Angst vieler Menschen ist die vor Veränderung. Deshalb nehmen sie das Leben hin, wie es ist. Vielleicht weil sie so erzogen wurden, dass man die Dinge zu ertragen hat. Das Thema ist unabhängig vom Geschlecht zu sehen. Wer zur Therapie geht, ändert so ein bisschen die Position im eigenen Leben. Auch die Position der anderen Menschen in der eigenen Familie. Geliebte Menschen wie beispielsweise die eigene Mutter, den Vater oder Geschwister plötzlich anders zu sehen, davor fürchten sich viele Menschen – weil ihnen dann die alte Stabilität zu fehlen scheint. Doch diesen Weg musste ich gehen, weil ich mich und mein Verhalten verändern wollte.

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Die Dinge neu zu sehen, das hört sich jetzt gar nicht so schlimm an. Wo genau sitzt also die Angst?

Da geht es ja um ganz alte und stabile Bilder. Wie man die Eltern sieht, wie man selbst ist. Durch Therapie werden diese Bilder verändert. Vielleicht hat man die Eltern oder andere Familienangehörige immer idealisiert – und dann ist es plötzlich nicht mehr so. Es sind oft große Schmerzen, die solche Perspektivwechsel auslösen. Viele haben mehr Angst vor diesen Schmerzen als vor den eigentlich viel schlimmeren Taten, die solche unbearbeiteten Traumata auslösen können – wie zum Beispiel eine Drogenkarriere oder sexuelle Gewalt.

Was hat sich konkret durch Ihre Therapie verändert?

Ich kann meiner Familie mit mehr Offenheit begegnen. Wir haben in diesem Projekt Erfahrungen aus meiner Vergangenheit aufgearbeitet. Und weil es so transparent, so deutlich für alle geworden ist, hat uns das näher zusammengebracht. Mit denen, die ich liebe, offener und ehrlicher umzugehen, brachte die Beziehung zu meiner Frau, zu meinen Kindern und meiner Mutter auf ein neues Level. Wir haben unsere Gefühle befreit und Frieden mit unserer gemeinsamen Vergangenheit geschlossen.

„Wir haben viel Zeit mit Heilen verbracht“

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Gewissermaßen war es ja auch eine Gruppentherapie. Sie waren zwar alleine in den Sitzungen, aber durch die ergänzenden Reisen und Kamerabegleitungen waren auch Ihre Mutter, Ihre Frau und Kinder stark Teil des Ganzen ...

Ja, so ist es. Weil alles sehr ehrlich ablief, konnten wir gemeinsam trauern, lernen – und nach vorne blicken.

Früher waren Sie Soap-Star und Teilnehmer bei diversen Promi-Showformaten. Vor ein paar Jahren haben Sie sich aus dieser Form der Öffentlichkeit zurückgezogen. Warum?

2018 bekam meine Frau einen Anruf vom LKA. Sie musste sich dort ein Video ansehen, auf dem sie vergewaltigt wurde. Sie hatte keine Erinnerung an den Vorfall, da sie mit K.-o.-Tropfen betäubt wurde. Dieser Schicksalsschlag hat uns als Familie komplett verändert. Ich habe mich an meine eigenen Erfahrungen mit sexueller Gewalt erinnert, die ich eigentlich verdrängt lassen wollte. Die Ereignisse damals haben uns in eine tiefe Krise gestürzt. Ediths Anwältin empfahl uns damals, nicht darüber zu reden – was konträr zu dem war, wie wir bis dato gelebt hatten: sehr offen, sehr laut, alles teilen. Der radikal ehrliche Austausch. Wäre ich damals nicht aus der Öffentlichkeit rausgegangen, hätte ich permanent lügen müssen. Das kam für mich nicht infrage, also gab es den Rückzug.

Wie haben Sie danach gelebt, was haben Sie gearbeitet?

Wir haben viel Zeit mit Heilen verbracht. Es gab einen Gerichtsprozess, auf den mussten wir uns vorbereiten. Ich habe mich sehr viel mit meiner Männlichkeit beschäftigt, auch meiner toxischen Männlichkeit. Ich habe mit den Jugendlichen gearbeitet, die Idee für dieses Therapieformat entwickelt. Ich konnte darüber nachdenken, warum es mir immer so schwerfiel, engere Bindungen einzugehen. Es brauchte auf jeden Fall diese Zeit. Und die begann, als ich bei „Dancing on Ice“ diesen Rückzug verkündete.

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„Unsere Zeit schreit danach, offener mit Tabuthemen umzugehen“

Ist die Therapie, die wir sehen, echt – und geht sie weiter?

Ja, Livia – die Therapeutin – ist eine niedergelassene Therapeutin, die wir aber ausgesucht haben, weil ich gerne eine Frau aus einem anderen Kulturkreis, eine Woman of Colour haben wollte. Ich fand es interessant, wie jemand vom Fach, aber auch jemand Fremdes auf diese deutsche Männergeschichte blickt. Außerdem war es so, dass ihre Methode nicht komplett in der Doku abgebildet werden konnte. Als ich ankam, haben wir erst mal eine halbe Stunde Atemübungen und eine Form der Meditation gemacht. Es ging darum, mich in einen Zustand zu versetzen, dass ich das überhaupt alles so erzählen konnte. Ich führe die Therapie nun auch ohne Kamera fort. Die Möglichkeit, einen völlig privaten Raum zu erhalten, wollte ich dann doch noch mal nutzen.

Haben Sie manchmal Angst, Ihr eigenes Leben in der Öffentlichkeit zu sehr zu durchleuchten, sodass es Ihnen oder Ihrer Familie schaden könnte?

Ich schütze meine Familie ja genau damit. In den letzten Monaten haben wir viele Menschen gesehen, die unter Angriffen und Cybermobbing gelitten haben. Es gab Tote durch Drogen und Selbstmord. Oft geht es in diesen Krisen darum, dass Dinge an die Öffentlichkeit gelangen, die geheim bleiben sollten. Wenn ich alles offenlege, biete ich sozusagen keine Angriffsfläche, dann bin ich total im Reinen mit mir selbst. Jene Arbeit, die ich gegenwärtig mache, lässt mich ganz ruhig werden. Ich komme in meinem Körper, meiner Seele an. Der ganze Prozess macht mich erst bereit dazu, mich selbst – und natürlich auch meine Kinder, meine Frau – zu schützen.

Ist das nicht eine sehr drastische Form der Selbstheilung?

Mag sein, aber es ist mein Weg. Es ist natürlich auch eine Art zu leben. Vor zehn Jahren hätte es mir vielleicht gereicht, einfach nur Schauspieler zu sein. Heute bekommt man fast nur noch Jobs aufgrund der eigenen Reichweite. Man muss permanent alle Kanäle bedienen, Instagram und so weiter. Das Leben findet ohnehin in der Öffentlichkeit statt – und dafür muss man sich gerade als öffentliche Person ein Konzept zurechtlegen, mit dem man gut und gesund leben kann. Unsere Zeit schreit danach, offener mit Tabuthemen umzugehen. Also mache ich einen Anfang – weil ich mehr Chancen als Risiken darin sehe.

„Ich könnte einen Drogenrückfall haben, der mich umbringt“

Aber ist das nicht die Kapitulation vor der Idee eines privaten Lebens?

Man muss die Welt der sogenannten Prominenten ein bisschen gesondert sehen, finde ich. Es wird heutzutage unheimlich viel gedreht. Das Geschäft mit Fernsehen, Streaming und sozialen Medien, das Inhalte in Form von Menschen braucht – es boomt. 70 oder 80 Prozent von dem, was produziert wird, ist totaler Schrott. Derlei Bilder werden Psychosen eher verstärken, als dass damit etwas Gutes passiert. In den Dingen, die ich mache, geht es um Offenheit, Ehrlichkeit und Wege der Heilung. Insofern beschreite ich da einen etwas anderen Weg, der hoffentlich auch ein wenig Schule macht.

Warum schaffen Sie es, in der Öffentlichkeit zu heilen, während andere darin zerbrechen?

Das ist ein sehr komplexer Vorgang, der nicht leicht auseinanderzunehmen ist. Manchmal reicht ein falscher Satz von der richtigen Person – und jemand wie ich könnte einen Drogenrückfall haben, der mich umbringt. Dass es nicht passiert, liegt vielleicht daran, dass ich schon ein paar heilsame Jahre hinter mir habe. Ich finde, wir alle müssen professioneller mit Öffentlichkeit und Prominenz umzugehen lernen. Dazu gehört unbedingt, dass wir uns um die Gesundheit dieser Menschen kümmern, die der Öffentlichkeit ja ein Stück weit dienen. Natürlich muss sich jeder um seine eigene Gesundheit kümmern – aber es ist auch ein Projekt für alle, die mit diesem Geschäft, dieser neuen Lebensart zu tun haben. Keiner kann diese Verantwortung abstreifen – denn es geht hier um Leben und Tod.

RND/Teleschau

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