Entdeckung der Einsamkeit: Peter Weirs Serie „Solos“ bei Amazon Prime Video

  • Peter Weirs stargespickte Anthology-Serie „Solos“ (ab 25. Juni bei Amazon Prime, mit Helen Mirren, Anne Hathaway, Morgan Freeman) erzählt vom Alleinsein in einer retrofuturistischen Zukunft.
  • Das klingt erst mal nach mittlerer bis großer TV-Betrübnis.
  • Dennoch gelingt es dem australischen Regiemeister und Showrunner, keine schlechte Laune zu erzeugen.
Jan Freitag
|
Anzeige
Anzeige

Im Zeitalter der Distanzkommunikation hat die Einsamkeit völlig neue Erscheinungsformen entwickelt. War sie einst untrennbar mit dem Alleinsein verbunden, so kann man heute unter Millionen von Leuten leicht isoliert sein. Davon erzählen Abertausend Geschichten über vereinsamte Greise im Altersheim, Abertausend Geschichten verkapselter Kids an Spielkonsolen, Abertausend Geschichten abgetauchter Wutbürger beim Hassposten.

Und jetzt erzählt davon eine Anthology-Serie, die ab diesem Freitag (25. Juni) auf Amazon Prime vom Bildschirm brüllt, wie leise tosender Lärm sein kann und wie lärmend Totenstille.

Anzeige

Entwickelt von Peter Weir verbindet „Solos“ das, was der Titel verheißt: Nur lose verbunden durch den australischen Showrunner, zeigen wechselnde Regisseure – darunter Weir selbst – sieben Charaktere, die eine nicht näher spezifizierte Zukunft im eigenen Saft notgedrungener Monologe schmoren lässt.

Anzeige

Tom Mackie streitet mit Klon, Helen Mirren mit Bordcomputer

Da wäre Tom Mackie als todkranker Tom, der sich für 30.000 Dollar klonen lässt und mit der Kopie knapp 30 Minuten über den Sinn einer Nachbildung für die Nachwelt streitet. Da wäre Helen Mirren als silberhaarige Peg, die sich als Teil eines wissenschaftlichen Experiments in den Weltraum schießen lässt, wo sie mit dem Bordcomputer die Stationen ihres Lebens diskutiert.

Anzeige

Da wäre zudem der grandios gereifte Morgan Freeman als dementer Rentner Stuart, dem ein Mann von der Krankenkasse (Dan Stevens) in hinreißend schöner, aber vermutlich nur animierter Meereslandschaft verloschene Erinnerungen auf die Festplatte lädt und dabei der eigenen Vereinsamung gewahr wird. Da wäre des Weiteren Anne Hathaway als nervöse Forscherin Leah, die im Rumpelkeller ihrer Mutter angeblich Zeitreisen erprobt und sich dabei im eigenen Geist verirrt.

Menschlich gesehen sind Weirs Helden noch in den Neunzigerjahren

Da wären also ein gutes Dutzend Hollywoodstars der Oscarklasse, die mehrheitlich nach Peter Weirs Drehbüchern zwar ständig im Gespräch sind, allerdings entweder mit sich oder den Platzhaltern der digitalen Gegenwart von morgen. Dem Schöpfer grandioser Werke inneren Emigrationen vom „Club der toten Dichter“ bis hin zur „Truman-Show“ geht es also ersichtlich darum, wie die Individuen der materialistischen Massengesellschaft wohl kommunizieren, wenn ihnen zwar die Masse abhanden kommt, aber nicht das Material.

Die technische Grundausstattung der sieben Einzelgänger ist demnach schon 22. Jahrhundert, ihr Menschliches hingegen noch irgendwie Neunziger. Wenn Mirrens Peg mutterseelenallein mit einer unveränderten Version von Stanley Kubricks Sechzigerjahre-Alexa „Hal“ über den ersten Kuss beim Schulball redet, der zur Zeit seines Meisterwerkes „2001“ passiert sein dürfte, verbindet sich der Retrofuturismus zweier Generationen zum Ein-Personen-Stück der Extraklasse, dem auch jüngere Kollegen dieser Schauspielikone in nichts nachstehen.

Sie alle – Uzu Aduba („Orange Is The New Black“) ebenso wie Freeman, Constance Wu („Crazy Rich“) nicht weniger als Hathaway – verausgaben sich in ihrer spektakulär effektreduzierten One-Man/Woman-Show, als würden sie die Kontaktarmut ihrer seltsam nostalgischen Realfiktion am eigenen Leibe spüren.

Ergreifend, tiefgründig: Diese „Solos“ erzeugen nie schlechte Laune

Und wie skurril das Dasein dieser selbstisolierten Charaktere auch wirkt: Sofern uns der Klimawandel demnächst nicht den Saft abdreht, deutet wenig darauf hin, dass sich der künftige Mensch in eine grundsätzlich andere Richtung entwickelt als vollvernetzte Echtzeit-Avatare unserer analogen Existenz.

Das Stream-Team Die besten Serien- und Filmtipps für Netflix & Co. ‒ jeden Monat neu.

Wie gut, dass Peter Weir jeden seiner fleischlichen Cyborgs irgendwann übers Furzen reden lässt; als wolle er damit sagen, unsere Körper würden zwar bald digital überplant, aber nie vollends künstlich. Und auch, wenn diese sieben Solos ein bisschen deprimierend klingen: Am Ende sind sie viel zu ergreifend und tiefgründig verkörpert, um davon schlechte Laune zu kriegen.

  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen