Endet die Castingshow-Ära zugunsten neuer Ernsthaftigkeit?

20 Jahre Castingshows haben die Republik geprägt. Und werden es weiterhin tun - nur anders.

20 Jahre Castingshows haben die Republik geprägt. Und werden es weiterhin tun - nur anders.

Berlin/Darmstadt. Tausende junge Frauen wollen Deutschlands nächstes „Topmodel“ werden, Hobbysänger lassen sich für ein bisschen Ruhm demütigen: 20 Jahre Castingshows haben die deutsche Gesellschaft verändert. Doch auch die Vorzeigeformate wie Heidi Klums „Germany’s Next Topmodel“, „Deutschland sucht den Superstar“ und „The Voice of Germany“ kämpfen mit sinkendem Interesse, zumindest bei den absoluten Zuschauerzahlen im linearen Fernsehen. Das Finale von „The Voice Kids“ hatte vor Kurzem so wenige Zuschauer wie noch nie. Ist die klassische Castingshow also mittlerweile ein Phänomen von Gestern?

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Ausreichende Marktanteile im breiter gewordenen Bewegtbildmarkt lassen die Sender an den Formaten zwar festhalten. ProSieben etwa feiert die aktuellen „Topmodel“-Folgen als „die erfolgreichste Staffel seit Jahren“, doch der Zuschauerschwund im klassischen Fernsehen ist im Vergleich zu den besten Zeiten deutlich, und bei DSDS ist bekanntlich sogar der prägende Oberjuror Dieter Bohlen raus.

Es geht nicht allein um die Show sondern auch ums Können

„Ich denke nicht, dass das Casting-Zeitalter komplett vorbei ist“, sagt Katrin Döveling, Professorin für Kommunikationswissenschaften und Medienkommunikation in Darmstadt. „Die Casting-Landschaft hat sich jedoch verändert und andere Formen des Tele-Darwinismus flimmern nun in die deutschen Wohnzimmer.“

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Formate wie „Kitchen Impossible“ und „Die Höhle der Löwen“ zeigten, dass es nicht mehr nur allein um Show und Bühnenpräsenz gehe, sondern auch ums Können, sagt Döveling. „The show must go on. Aber anders.“ Gerade in Zeiten von Corona habe sich zudem das Freizeitvergnügen noch einmal stark verändert. „Vor allem junge Menschen sind nun noch mehr online, posten in sozialen Medien. Da hat man wenigstens noch das Gefühl, wenn man schon sonst isoliert ist, teilhaben zu können.“

Schon vor zehn Jahren gab es Abgesänge auf die vielen Casting-Formate. Der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen rief damals die „Casting-Gesellschaft“ aus, überall sei die Sucht nach Aufmerksamkeit allgegenwärtig. Millionen Menschen wollten endlich „stattfinden“ und Promi werden, dafür sei ihnen auch der Preis nicht zu hoch, vor einem Millionenpublikum verhöhnt zu werden.

Viele Siegerinnen und Sieger sind längst vergessen

Mutter der modernen Castingshows war in Deutschland ab Herbst 2000 das Format „Popstars“ bei RTLzwei, aus dem die Frauenband No Angels hervorging. Es folgte „Deutschland sucht den Superstar“, das auf dem britischen Vorbild „Pop Idol“ beruht. Wettbewerbsformate wie „Das Supertalent“ (RTL), „Star Search“ (ProSieben), „Die deutsche Stimme“ (ZDF), „The next Uri Geller“ (ProSieben), „X Factor“ (Vox), „The Voice of Germany“ (ProSieben/Sat.1), „Germany's Next Topmodel“ (ProSieben) oder auch die von Stefan Raab organisierte und mit Lena erfolgreiche Talentsuche für den Eurovision Song Contest 2010 folgten daraufhin. Doch schon Formate wie Heidi Klums „Queen Of Drags“ mit Männern in glamourösen Frauenklamotten floppten in jüngster Zeit.

Unter anderem Olivia Jones (2.v.r.) hat Bill Kaulitz, Heidi Klum und Conchita Wurst in der ersten Staffel von "Queen of Drags" als Stargast unterstützt. Der Show fehlt es an Erfolg.

Unter anderem Olivia Jones (2.v.r.) hat Bill Kaulitz, Heidi Klum und Conchita Wurst in der ersten Staffel von "Queen of Drags" als Stargast unterstützt. Der Show fehlt es an Erfolg.

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Viele Siegerinnen und Sieger all dieser Shows sind längst vergessen. Dennoch: In der Geschichte des Fernsehens knüpften die modernen Castingshows der vergangenen zwei Jahrzehnte an eine Tradition von Talentwettbewerben in Deutschland an. Schon in den späten 50er und frühen 60er Jahren zeigten sowohl ARD und ZDF als auch das Fernsehen der DDR Shows, in denen Kandidaten ihr Talent unter Beweis stellten.

Von 1972 bis 2017 gab es außerdem die vom Moderator Udo Werner ins Leben gerufene legendäre Kölner Talentprobe am Tanzbrunnen - eine als gnadenlos verschriene Open-Air-Veranstaltung am Rhein.

Die Kritik an den TV-Castings in den letzten Jahren zielte keineswegs auf die gewissenhafte Talentsuche, sondern auf die Ausnutzung der Formate als sogenanntes performatives Realitätsfernsehen. Damit ist Reality-TV gemeint, das ins echte Leben der Teilnehmer eingreift.

Shows wurden zu oft zu einem Mix aus Soap, Comedy und Drama

Castingshows wurden sehr oft zu einem Mix aus Soap, Comedy und konstruierten Dramen zurechtgeschnitten. Konflikte mit Jurymitgliedern oder Mit-Kandidaten wurden wichtiger als die Musik, das Modeln oder Sonstiges. Das Publikum wurde zum Voyeur und Zeuge moralischer Grenzverletzungen. Das passiert nach wie vor, jedoch mit weniger Zuspruch. Millionen scheinen es leid zu sein.

Parallel dazu scheint sich eine neue Lust auf Seriosität entwickelt zu haben. Gerade in Zeiten der Pandemie punkten moralischere Formate wie zum einen natürlich Nachrichten, Talkshows, Dokus, aber auch Satire wie die „heute-Show“ und das neuerdings monothematisch und sehr politisch gehaltene „ZDF Magazin Royale“ mit Jan Böhmermann.

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Die Darmstädter Kommunikationswissenschaftlerin Döveling meint: „Die neue Ernsthaftigkeit ist gesellschaftlich angekommen. In der postmodernen TV-Landschaft, in der jeder seine Nische sucht, kommen auch Garten-Dokus und Koch-Sendungen gut an. Es sind Themen, die realistisch sind.“ Zugleich seien es Sendungen mit hohem Identifikationspotenzial, denn jeder esse und koche, liebe Genuss oder träume vom Grünen. „Wir wollen nach wie vor mitfühlen und mitfiebern. Wir alle wollen und brauchen aber auch mehr Sicherheit und weniger Inszenierungswettbewerb.“

dpa/RND

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