Nach über 40 Jahren: Ende von „Soko München“ im ZDF

  • Groschenromanautor Hasso Plötze schuf mit der ZDF-Vorabendserie „Soko München“ einen Dauerbrenner.
  • Am heutigen Dienstagabend läuft die letzte Folge.
  • Wegen einer angestrebten Verjüngung des Stammpublikums passte die Serie schon länger nicht mehr ins Senderkonzept.
Jan Freitag
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Wer nach Belegen fürs inhaltliche Elend öffentlich-rechtlicher Programme sucht, und das sind in der populistisch aufgewühlten Re­pu­blik nicht wenige, wird am 2. Januar 1978 fündig. Um 17.50 Uhr lief damals der erste Fall einer Krimiserie, die Fernsehgeschichte schrieb, 43 Jahre später jedoch für den Niedergang des alten Leitmediums steht wie kaum ein anderes Format. „SOKO München“, einst unter der Dienststellennummer 5113 bekannt.

Die Zahl der Polizeikommissare auf dem Bildschirm war seinerzeit noch niedrig. Im Ersten ermittelte der „Tatort“, im Zweiten „Derrick“, Erik Ode war längst Pensionär, „Stahlnetz“ Geschichte – da erfand der Groschenromanautor Hasso Plötze – bei Bastei zuständig für „Jerry Cotton“ – die Vorabendserie im ZDF und damit einen Dauerbrenner, der läuft und läuft und läuft und läuft. Zumindest bis heute. Mit Folge 675 verliert das Delta fiktionaler Kommissionen nämlich seinen Quellfluss, und das (natürlich) mit Knalleffekten am laufenden Band.

Kein voyeuristischer skandinavischer Gewaltporno

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Zu Beginn erschießt Kriminaloberkommissar Morgenstern einen Mann, am Ende trägt Kriminaloberkommissarin Schwaiger Bombengürtel, dazwischen gerät ihre Einheit ins rechtsterroristische Visier. Nur für Kriminalhauptkommissar Bauer erfüllt sich leider nicht den Traum aller TV-Polizisten und wird aus der Rolle gesprengt, sondern verabschiedet sich in aller Seelenruhe von seinem Team. Dazu gibt es Schaumwein im Sonnenschein plus Panoramablick über die bayerische Landeshauptstadt.

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„SOKO“ ist eben „SOKO“, kein voyeuristischer Gewaltporno aus Skandinavien, in dem es mit jeder übel zugerichteten Leiche nur noch schlimmer wird. „SOKO“ ist seriöse Polizeiarbeit mit überschaubarem Blutfluss. „Klare Strukturen, Realismus, Authentizität”, nennt der scheidende Einsatzleiter Gerd Silberbauer im Interview als Gründe, warum sein KHK Bauer trotz Streamingdiensten und Smartphones auch 13 Jahre nach Dienstantritt noch immer dreieinhalb Millionen Zuschauer pro Einsatz anlockt. Hinzu komme dank Ablegern in Leipzig, Köln und Wismar, Kitzbühel, Stuttgart und Wien ein „Lokalbezug, der für noch höhere Identifikation und Verbindung mit dem Zuschauer” sorgt.

Bayerns Platzhirsche Biedermeier der betulichen Art

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Alles richtig, alles aber auch ein argumentativer Bumerang. Während die Reihe 1978 mit dem legendären Werner Kreindl als fürsorglich strengem Chef im Kampf gegen Münchens Drogenkriminalität schon deshalb Geschichte schrieb, weil er mit Kriminalkommissarin Burger (Ingrid Fröhlich) die erste TV-Kommissarin Deutschlands im Team hatte und mit Diether Krebs als KHM Herle einen Cop am Rande der schiefen Bahn, halten sich die Autoren heute mit Revolutionen zurück. „Ich kann noch gar nicht glauben, dass übermorgen dein letzter Tag ist“, sagt KOK Morgenstern (Joscha Kiefer) zum Vorgesetzten, der übermorgen seinen letzten Tag hat.

Mit dieser paternalistischen Dialogführung im Anzug gepflegter Normalität steht das Urmodell seit Langem schon in Kontrast zur Bildsprache der Onlineplattformen. Hunderte Youtube-Videos aus der „SOKO“-Frühphase zeigen zwar mit hinreißender Nostalgie, wie beigegrau die Anfänge waren. Während blutjunge, mehrheitlich weibliche Epigonen jedoch gerade frischen Wind durch Hamburg oder Potsdam blasen, sind Bayerns Platzhirsche öffentlich-rechtliches Biedermeier der betulichen Art.

Scheidender Einsatzleiter verwundert Absetzung

Im Kontrast zur hektischen Realität unterm Wohnzimmerfenster mag sie was Beruhigendes haben; der Verjüngung des Stammpublikums unter 60 dagegen steht das Quartett seit Langem im Wege. Weil Quantität auch im ZDF sonst verlässlich Qualität schlägt, reagiert der Pensionär in spe dennoch indigniert auf Fragen nach Abschiedsursachen. „Das müssen Sie die Verantwortlichen fragen”, sagt Gerd Silberbauer, „Quoten und Sympathiewerte waren jedenfalls nicht der Grund.” Der Wunsch nach Erneuerung wohl schon eher.

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