Ellen De Generes – das Bühnencomeback „Relatable“

Als sich Ellen DeGeneres vor 20 Jahren als lesbisch outete, führte das zu einem beispiellosen Karriereknick. In einer toleranteren Gesellschaft zählt sie längst wieder zu den Superstars des Spaßentertainments. Nur auf der Bühne machte sie sich seither rar. Für das Netflix-Special „Ellen DeGeneres – Relatable“ (streambar ab 18. Dezember) kehrt die beispiellose Komikerin nun für ein Stand-up-Special zurück.

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Los Gatos. Der Weg in die Comedy-Arena ist nicht nur steinig, sondern stickig. Bevor beispielsweise ein Mario Barth Witze zur Geschlechterdifferenz stadiontauglich machte, tingelte der ungekrönte Publikumsweltmeister durch die Niederungen der Spaßrepublik. Selbst Legenden wie Dean Martin und Jerry Lewis hatten vorm Durchbruch die Bretter winziger Kellerbühnen in Künstlerschweiß getränkt. Kein Wunder also, dass auch die Karriere der vielleicht lustigsten Frau unserer Zeit nicht im größten Rampenlicht ihren Anfang nahm: Ellen DeGeneres. Jetzt feiert sie ihr Comeback.

Ganz Amerika sprach von der Frau mit dem scharfen Mundwerk

Es war gegen Ende der Siebziger, als die Gelegenheitsjobberin nach abgebrochenem Kommunikationsstudium in New Orleans abseitige Hinterhofclubs unterhielt. Zunächst war sie ein rein lokales Phänomen, eroberte von dort aus jedoch rasch die nationale Humorindustrie. Schon 1982, keine 25 Jahre alt, wurde die Tochter einer Sprachtherapeutin aus Louisiana zum Star der Fernsehcomedy.

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Die Formate wuchsen, die Erwartungen mit, alles wurde riesig, alles wurde zu Geld. Ganz Amerika sprach buchstäblich von dieser Frau mit dem scharfen Mundwerk. Ihre ABC-Sitcom „Ellen“ avancierte 1994 zum Quotenhit. Die Grenze? Nicht mal der Himmel, so schien es, an den das Kind eines reformchristlichen Haushalts allerdingsnicht glaubt.

Mit der Show „Relatable“ kehrt DeGeneres ins Rampenlicht zurück

Das sollte man dringend im Hinterkopf behalten, wenn Ellen DeGeneres morgen nach 15 Jahren Abwesenheit von der Alleinunterhalterbühne unter dem Titel „Relatabale“ ins einstige Kernmetier zurückkehrt. Ein Freund, so erzählt sie darin,habe sie vor dem Comeback gefragt ob sie nach all dem Erfolg mit Ende 50 und Megagagen überhaupt „relatable“ sei, übersetzbar mit glaubwürdig – will heißen: bodenständig genug für die ursprünglichste Form des Spaßtheaters, allein mit sich und dem Publikum.

Stand-up. Die Königsdisziplin. „Und ausgerechnet dann“, antwortet sie sich allein auf gewaltiger Bühne, „kam mein Butler in die Bibliothek“. Das Theater tobt.

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Dazu sollte man wissen: Von eigenem Butler und Bibliothek, ach – von ausreichend Arbeit, geschweige denn Einkünften konnte jahrelang kaum die Rede sein bei der progressiven Nationalkomikerin aus der konservativen Südstaatenprovinz. Auf dem Gipfel ihrer Popularität hatte sie sich beim Geständnissauger Oprah Winfrey als lesbisch geoutet. Klingt 2018 eher unspektakulär. Zwei Jahrzehnte vor der #MeToo-Debatte aber war das ein televisionäres Todesurteil. Nach 109 Folgen ihrer sensationell beliebten Serie, warf ABC sein Zugpferd umstandslos raus.

Nach dem Outing holte CBS DeGeneres ins Rampenlicht zurück

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Und die lustige Ellen? Fiel in ein tiefes Loch. Mangels Angeboten begann sie wieder zu tingeln. Es lief, aber es lief kleiner, zu klein, meinte CBS. 2001 holte der ABC-Konkurrent die LGBTQ-Ikone zurück ins Rampenlicht der Mehrheitsgesellschaft. Und „The Ellen Show“ war auf Anhieb so relevant, dass keine zwei Jahre später auf NBC die eigene Talkshow folgte. Ellen DeGeneres war die Königin der Network-Comedy, wo sie fortan den Großteil ihrer zwei Dutzend TV-Preise sammelte. Der zweite Abschnitt ihrer langen Karriere war sogar noch erfolgreicher. Nur für Stand-up blieb da keine Zeit. Bis Netflix kam.

Erst diesen Sommer feierte der Streamingdienst mit dem Bühnenprogramm der – nebenbei ebenfalls lesbischen – Australierin Hannah Gadsby einen Welterfolg. Jetzt schiebt er deren erklärtes Vorbild nach und beweist damit neben Geschäftssinn durchaus gesellschaftliche Verantwortung.

EllenDeGeneres: „Wann ist die richtige Zeit für eine Lesbe?“

Kein Wunder also, dass es im Trailer von DeGeneres‘ Bühnencomeback viel um ihr eigenes Leben geht. „Nach meinem Coming-Out“, erzählt sie in einem Saal, dessen Ausmaß vom Kellerclub ihrer Anfänge kaum weiter entfernt sein könnte, „sagte ein Sendeleiter, niemand will tagsüber einer Lesbe zusehen“. Unterm nachdenklichen Gelächter des erstaunlich jungen Publikums fragt sie nach: „Was ist die richtige Zeit für eine Lesbe?“ Netflix hätte da eine Antwort: Jede Zeit, rund um die Uhr, 24/7. Also: Unbedingt abrufen!

Von Jan Freitag / RND