Einer für das Gute – Tom Hanks in „Der wunderbare Mr. Rogers“

  • Und noch ein Film mit Tom Hanks, der es wegen der Pandemie nicht ins Kino geschafft hat.
  • Im Feel-good-Movie „Der wunderbare Mr. Rogers“ wird von einem Fernsehmacher erzählt, der einem Journalisten beweist, dass es gute Menschen ohne doppelten Charakter gibt.
  • Und der ihn von seinem Zynismus befreit.
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Lloyd Vogel ist unrasiert. Der Unrasierte ist immer der reinigungsbedürftige Charakter, der, dessen Seele zerrüttet ist, der von der Vergangenheit in Regress genommen wird. Er tritt in dem Film „Der wunderbare Mr. Rogers“ zu dem perfekt rasierten Titelhelden, um ihn zu interviewen. Und er hat dabei die Attitüde des zornigen (nicht mehr ganz) jungen Mannes, der die Wut auf sich selbst nach außen dreht.

Die Superfreundlichen müssen Leichen im Keller haben

Lloyd Vogel will den Fernsehmann Fred Rogers entlarven, will sein unerschütterliches Nettsein als Maske aufdecken. Weil jeder Leichen im Keller haben muss, vor allem die Superfreundlichen. Herrlich unrasiert ist Matthew Rhys in der Vogel-Rolle, so als käme er gerade vom Set von „Perry Mason“ und habe sich für seine Rolle des Herausforderers des wunderbaren Mr. Rogers nur schnell ein paar modernere Klamotten übergestreift. Auch in der Detektivserie war er ja eine wunde Seele mit Stoppeln im Gesicht.

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Zuletzt feierte man hierzulande großes Kinderfernsehen – 50 Jahre „Sendung mit der Maus“ und 50 Jahre (im Original amerikanische) „Sesamstraße“ (wer kennt eigentlich noch „Kli-Kla-Klawitter“?). In Amerika zählte der 2003 verstorbene Fred Rogers mit „Mr. Rogers’ Neighborhood“ zu den TV-Legenden der ganz kleinen und sein Lied „It’s a Beautiful Day in This Neighborhood …“ kennt in den USA Alt und Jung, wie eine Szene in einer Straßenbahn untermauert.

Von 1968 bis 2001 zog Rogers sich seinen Cardigan und bequeme Sneaker an und erzählte kindgerecht aus der Welt der Erwachsenen. „Ich versuche, Kindern einen sehr positiven Weg zu zeigen, mit ihren Gefühlen klarzukommen“, erklärt er Lloyd Vogel, der für das Magazin „Esquire“ ein 400-Worte-Porträt zum Heftthema „Helden“ schreiben soll. Und Vogel glaubt ihm das nicht.

Tom Hanks ist der Mann, auf den das Publikum vertraut

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Wir schon, denn Rogers wird von Tom Hanks gespielt, der sogar im wildesten Westen kleine Mädchen sicher zu ihrer Verwandtschaft geleitet und sie später sogar adoptiert, wie wir jüngst bei Netflix in „Neues aus der Welt“ erfahren haben, dem anderen Hanks-Film, der es in Deutschland wegen der elenden Pandemie nicht in die Kinos geschafft hat.

Jeder andere könnte die Larve des Braven nur aufsetzen, ein verdorbenes Hintergesicht verbergen. Aber Hanks ist der Mann für das Gute, dem wir seit Jahrzehnten vertrauen. „Du wirst schon sehen“, denken wir, als Lloyd Vogel an ihm rütteln und schütteln will. Mit dem missmutigen Enthüllungsjournalisten will keiner mehr reden, weil die tollen Interviews, die er führt, nichts mit den misanthropischen Decouvrierstücken zu tun haben, die hinterher geschrieben werden. „Du solltest endlich dein Image ändern“, rät ihm die Chefredakteurin.

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Das ist nicht einfach, denn die Jugend mit einem solipsistischen Vater (Chris Cooper), die zu frühe Verantwortung für die sterbende Mutter und der Medienjob haben aus Lloyd Vogel einen Menschen gemacht, der Zynismus als einzig mögliche Haltung zur Welt ansieht. Auch er flattert um sich selbst, der frischgebackene Vater gönnt seiner Frau Andrea (Susan Kelechi Watson) wenig eigenen Raum. Auf der Hochzeit seiner Schwester prügelt er sich mit seinem Vater. „Manchmal ist es das Schwierigste, jemandem zu verzeihen, den wir lieb haben“, sagt ihm Fred Rogers.

Fred dringt in Lloyds Leben vor. Fred dreht den Spieß um, er interviewt Lloyd. Lloyd mag das nicht. „Leute, das ist Lloyd Vogel – ein wunderbarer Autor“, stellt Rogers ihn seinem Drehteam vor. „Es ist für mich gerade das Wichtigste auf der Welt, mit Lloyd Vogel zu sprechen“, sagt er ihm am Telefon. Und Vogel macht wider Willen im Diner mit, als Rogers ihn bittet, „für eine Minute in Liebe an die Leute zu denken, die uns zu dem gemacht haben, was wir sind“.

Ein Zauberer ohne Zauberstab verwandelt einen Mann

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Klar, spätestens nach 20 Minuten wissen wir, worauf Marielle Hellers Film hinausläuft, die süßliche Glockenspielmusik ihres Bruders Nate Heller tut das Ihrige ebenso wie das niedliche plastikhafte Puppenstubensetting der Außenwelt. Hier wird einer verwandelt von einem Zauberer ohne Zauberstab, der seine Magie mit Güte und Vernunft bewirkt. So ein Film ist das. In dem der Bart des Unrasierten am Ende deutlich gepflegter aussieht.

Aber obwohl es sehr danach klingt, kommt er uns nicht kitschig dabei vor. Es tut gut, all diese Dinge zu hören und zu sehen, erst recht in Zeiten, in denen Güte und Vernunft oft fehlen. Und als Rogers’ Ehefrau Joanne (Maryann Plunkett) ihren Mann mit einem Lächeln entheiligt („Er ist nicht perfekt. Er ist ein Hitzkopf. Er tut jeden Tag Dinge, um zur Ruhe zu kommen!“) erscheint Fred Rogers uns trotzdem und erst recht als Beweis des siegreichen Guten in der stark verbesserungsbedürftigen Welt. Kein lustiger Heathcliff Huxtable, hinter dem ein Frauen missbrauchender Bill Cosby lauert. Keiner, der seine Macht irgendwie ausgenutzt hätte.

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Und der Kreis schließt sich, wenn man weiß, dass Tom Hanks über ein paar Ecken mit dem guten Fred Rogers verwandt war. Wie er auch über ein paar Ecken mehr mit Abraham „good Abe“ Lincoln verwandt war. Demnächst ist er der Tischler Gepetto in „Pinocchio“. Noch so ein Guter!

„Der wunderbare Mr. Rogers“, 109 Minuten, bei Amazon, Sky, Magenta TV, iTunes, Google Play, Microsoft, Rakuten TV und auf DVD/Bluray, Regie: Marielle Heller, mit Tom Hanks, Matthew Rhys, Chris Cooper, Susan Kelechi Watson (bereits streambar)

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