Eine Woche mit Clubhouse: Wohin soll das alles führen?

  • Vor etwa einer Woche begann der vermeintliche Hype um die App Clubhouse.
  • Seither hat Philipp Amthor gesungen, Journalisten plauderten mit Rechten – und Thomas Gottschalk schaffte es gar nicht erst, sich einzuloggen.
  • RND-Autor Matthias Schwarzer hat sich ebenfalls umgeschaut und stellt sich die Frage: Was fangen wir denn jetzt mit dieser Plattform an?
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Hannover. Das Wort „Hype“ ist dieser Tage häufig zu lesen, wenn es um die App Clubhouse geht. Vielleicht ist das schon der erste Fehler. Denn gehört zu einem Hype nicht auch, dass ein beachtlicher Teil der Bevölkerung davon gehypt ist?

Das schließt sich bei Clubhouse schon rein technisch aus: Nur rund 19 Prozent der deutschen Smartphonenutzer besitzen ein iPhone, satte 81 Prozent ein Konkurrenzprodukt mit Android-Betriebssystem. Und genau die kommen ins Clubhouse derzeit gar nicht rein. Die App ist in der Betaphase ausschließlich für Apple-Geräte verfügbar – und der allergrößte Teil der Bevölkerung guckt in die Röhre.

Clubhouse ist derzeit so etwas wie ein digitales Berghain, ein Club mit extrem harter Tür. Nur entscheidet hier nicht das Outfit über den Einlass, sondern Kontakte und das Girokonto. Wer sich ein abnormal teures iPhone leisten kann (und gleichzeitig jemanden kennt, der ein iPhone besitzt und ihn einladen könnte), kommt in den Genuss, A-Promis, Spitzenpolitikern und Marketingleuten beim Sprechen zuzuhören – der Pöbel muss am Zaun warten.

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Die App der Elite

Warum trotzdem überall vom „Hype“ zu lesen ist, liegt auf der Hand: Diejenigen, die Einlass zum goldenen Palast bekamen, sind vor allem digitale Influencer. Menschen, die mit Kommunikation ihr Geld verdienen und auch die Kommunikation in den sozialen Medien massiv prägen.

Darunter Netzexperten wie etwa Sascha Lobo (30.000 Clubhouse-Follower), A-Promis wie Joko Winterscheidt (70.000 Follower), Politiker, Journalisten sowie zahlreiche Werber und Marketinggurus, die an keiner Stelle unerwähnt lassen, welch riesige Chancen die neue Plattform uns allen noch bringen werde.

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Die Realität auf der Plattform hört sich heute, rund eine Woche nach Beginn des „Hypes“, ein bisschen ernüchternder an. In dem einen Channel singt Philipp Amthor, in dem anderen reden Journalisten mit Rechten – und Thomas Gottschalk schafft es gar nicht erst, sich einzuloggen. Ist das wirklich die Zukunft?

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Und dann kommt Dunja Hayali

Es fällt schwer zu glauben, dass in Clubhouse langfristiges Potenzial schlummert, wenn man sich die Gespräche der vergangenen Tage anhört. Aber immerhin ist eine Entwicklung erkennbar. Anfangs diskutierten auf der Plattform vor allem hauptberufliche Linkedin-Premiummitglieder über das Thema Clubhouse selbst. Von „spannenden Impulsen“ war in diesen Räumen häufig zu hören – in ewig langen Labersessions wurden diverse „Use Cases“ durchexerziert, wie man Clubhouse künftig fürs „Cross-Channel-Marketing“ nutzen könne oder einfach zur eigenen Selbstdarstellung.

Später stiegen auch Journalisten ein. In einer Gruppe diskutierte man etwa, warum in Redaktionen eigentlich so wenig Diversität herrsche. Vor allem Nachwuchskräfte aus ärmeren Verhältnissen und Nicht-Akademiker-Familien würden ja häufig fehlen, stellte man fest, während man in seine 1000 Euro teuren Endgeräte sprach.

In praktisch jedem erdenklichen Raum meldete sich irgendwann zu irgendeiner Zeit zu irgendwas immer Dunja Hayali zu Wort, manchmal joggte sie dabei oder spazierte mit ihrem Hund. Und in zahlreichen Vorstellungsräumen sprachen Marketingmenschen, Werbeleute und Coaches vor allem über das augenscheinlich dringendste Thema unserer Zeit: sich selbst.

Keiner hat was zu sagen, alle sagen etwas

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Zeitweise glich Clubhouse in seinen ersten Tagen einer sehr lauten Schulklasse voller Anwaltskinder. Keiner hatte wirklich etwas zu sagen, aber alle mussten etwas sagen. Die Fomo traf sie wie ein Faustschlag – wer jetzt nicht mitdiskutierte, war ein Niemand. Und man wartete so sehnsüchtig auf das eine introvertierte Kind mit dem klugen Gedanken, das beim Aufzeigen nicht schnipst.

Die gehaltvollsten 43 Minuten auf Clubhouse dürften in der vergangenen Woche wohl diejenigen gewesen sein, als zeitweise niemand etwas sagte, weil alle auf Thomas Gottschalk warteten. Der Showmaster hatte offensichtlich seine Probleme beim Einloggen in die App – und schaffte es schließlich doch, als Interneterklärer Sascha Lobo mit der Technik half.

Die anfängliche Unschuld hat Clubhouse derweil aber schon verloren – mittlerweile gibt es auch einige handfeste Skandale. Die schon erwähnten Journalisten diskutierten an einem Abend mit der rechten Influencerin Anabel Schunke. Auf Twitter wurden umgehend Screenshots herumgereicht, Beteiligte rechtfertigten sich.

Amthor singt, Ramelow benimmt sich daneben

Was genau in der Diskussion eigentlich passiert war, weiß kaum jemand – denn auch das ist bei Clubhouse Teil des Konzepts: Nichts von alldem ist nachzuhören, Screenrecordings sind laut AGB strengstens untersagt und werden sanktioniert. Was gesprochen wird, verpufft – und in vielen Fällen (ja, das muss man wirklich sagen) zum Glück.

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Nicht so bei Bodo Ramelow. Thüringens Ministerpräsident (Die Linke) nannte Angela Merkel am Wochenende in einem lockeren Clubhouse-Plausch „das Merkelchen“ – und musste sich später dafür entschuldigen. „Den Namen der Bundeskanzlerin zu verniedlichen, war ein Akt männlicher Ignoranz. Dafür meine ehrliche Bitte um Entschuldigung“, ruderte Ramelow später zurück.

Und auch die mäßig belungene Gesangseinlage von Philipp Amthor (CDU) wird seit dem Wochenende hämisch auf Twitter herumgereicht. Amthor sei ja zu diesem Zeitpunkt mehr Sänger als Speaker gewesen, daher dürfte es sich auch nicht um einen AGB-Verstoß handeln, kommentierte der Nutzer @rosenpup hämisch.

Privater Club oder offene Bühne?

Anders sah das derweil der Journalist Martin Kaul, der zum Clubhouse-Panel eingeladen hatte: Er bezeichnete das Verbreiten von Amthors Gesangseinlage als „unanständig“. Eine bemerkenswerte Diskussion: Wiegen die merkwürdigen AGB eines Techunternehmens wirklich schwerer als die Pressefreiheit? Und ist es wirklich „unanständig“, aus einem Gespräch von Spitzenpolitikern mit mehreren Tausend Teilnehmern zu zitieren?

Aber das ist wohl der Scheideweg, an dem Clubhouse heute, rund eine Woche nach dem Beginn des Hypes, nun steht. Die einen empfinden die App offenbar tatsächlich als eine Art elitären Stammtisch, an dem man selbst als Spitzenpolitiker einfach mal komplett die Hüllen fallen lassen darf – man ist ja unter sich. Die anderen sehen Clubhouse als öffentliche Bühne. Und wenn dort etwas Relevantes gesprochen oder im schlimmsten Fall gesungen wird, dann geht es selbstverständlich auch die Öffentlichkeit etwas an.

Geht das so weiter, dann könnte Clubhouse durchaus die Chance haben, nachhaltige politische Diskussionen auszulösen. Und genau genommen ist die App in dieser Beziehung auch nicht weniger elfenbeinturmhaft als etwa die Plattform Twitter. Auch hier hält sich der allergrößte Teil der Bevölkerung gar nicht auf – trotzdem dringen beinahe täglich Themen von der Plattform hinaus in den Mainstream und lösen gar politische Entscheidungen aus. Was auf Twitter diskutiert wird, wirkt wie ein Abbild der öffentlichen Diskussion – und das, obwohl sich vieles nur in der eigenen Blase abspielt. Clubhouse könnte nach derzeitigem Stand eine Art Audiopendant dazu werden.

Der elitäre Standard hat ein Ende

Die Plattform selbst hat jedoch angekündigt, sich bald vom elitären Standard zu lösen. Denn auch eine Android-App solle bald verfügbar sein, schrieben die Macher nun in einem Blogbeitrag. Ein absehbares Datum wurde noch nicht verraten.

Spannend dürfte werden, in welche Richtung sich die Gespräche auf der Plattform dann entwickeln. Vielleicht werden die Diskussionen dann tatsächlich etwas diverser, vielleicht geht dann aber auch alles endgültig drunter und drüber. Und ganz vielleicht lässt der Hype dann auch einfach nach. Denn ein Club, in den wirklich jeder reinkann, ist ja auch irgendwie kein Club, oder?

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