Eine Robotermutter dreht auf: Ridley Scotts Serie “Raised by Wolves”

  • Science-Fiction-Maestro Ridley Scott inszeniert die ersten beiden Folgen der HBO-Serie “Raised by Wolves” (startet am 16. September bei TNT-Serie).
  • Zwei Androiden ziehen auf einem fernen Planeten Menschenkinder groß, um eine “friedvolle atheistische Zivilisation” zu gründen.
  • Dann kommen Menschen auf der Suche nach einem kindlichen Propheten vorbei.
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Vater hat Humor. Er erzählt Mutter einen Witz über die Liebe zweier Magneten, die ihre eine Seite abstoßend, die andere attraktiv finden. Mutter hat’s nicht so mit dem Zwerchfell, sie sagt aber immerhin, sie fühle sich “optimistisch” und das reicht für den genügsamen Vater. Optimismus und Humor sind auch bitter nötig, denn Vater und Mutter sind auf Kepler 22b gelandet, einem – außerhalb seiner tropischen Zone – eher unfreundlichen Planeten. Sie bauen ihr Habitat auf, eine Art Schlauchwigwam. Und darin geht Mutter sogleich zum Zweck ihrer Reise über – dem Mutterwerden.

Sechs Föten bringt Mutter außerhalb ihres Leibes in Brutkästen mit künstlichem Fruchtwasser zu Geburtsreife, um sie dann mit Vater aufzuziehen. Mutter (Amanda Collin) und Vater (Abubakar Salim) sind Androiden mit Elternprogramm. Wer sie auf diese seltsame Mission geschickt hat, bleibt – zumindest in den ersten drei zur Sichtung überlassenen (von insgesamt zehn) Episoden der Science-Fiction-Serie “Raised By Wolves” – ein Rätsel, das man indes unbedingt ergründen möchte.

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Großes Vermögen von Wölfen erzogener Menschenkinder

Großes vermag in der Regel der Mensch, dem von Wölfen beim Überleben geholfen wurde. Das weiß man nicht erst seit Rudyard Kiplings “Dschungelbuch”-Held Mowgli, der den Tiger Shere Khan besiegte. Schon der wolfsgesäugte Romulus wurde (angeblich 753 vor Christi Geburt) der Gründer von Rom, und war – wie sein tragisch endender Bruder Remus – ein Sohn des Kriegsgottes Mars. Der Genpool von Vaters und Mutters Sohn Campion ist zwar unbekannt, aber Götter spielen erstmal keine Rolle. Campion (Winta McGrath) lebt auf Kepler 22b fernab von aller religiösen Indoktrination.

Denn keine höchste Wesenheit darf hier den Samen des Glaubens, Hoffens, Erduldens, der Intoleranz, des Hasses und des Krieges säen. Mutter und Vater halten streng Wacht, dass fern der Erde ein atheistischer Neuanfang der Menschheit möglich wird. Sind die beiden deshalb mit Wölfen zu vergleichen? Vater ist eher ein Lamm. In Mutter aber lauert ein mörderischer Mutterinstinkt aus den Zeiten, als sie noch etwas ganz anderes war.

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Sir Ridley Scott zieht in dieser von Aaron Guzikowski (“The Red Road”) geschaffenen Serie erkennbar Fäden. Er ist Regisseur der ersten beiden Episoden (und auch im Produzententeam), und hat schon immer gern Menschen und ihr gier- und ehrgeizgetriebenes Walten, Roboter und ihr Bewusstsein, sowie Schöpferfiguren und die Sehnsucht nach ihnen zusammengebracht – sowohl in seinem Kultfilm “Blade Runner” als auch in seiner “Alien”-Saga, in der er Götter als gefühllose interplanetarische Bioingenieure entlarvt hat. Religiösität tropft dabei ironischerweise aus vielen Bildern. Die Kamera von Dariusz Wolski inszeniert jedes Abendessen im Habitat wie ein frühchristliches Abendmahl. Und Mutter kann im Bedarfsfall fliegen wie ein Engel oder eine Göttin (und gemahnt dabei an die Maschinenfrau Hel aus Fritz Langs “Metropolis”). Bald fragt man sich: Wer ist Campion wirklich?

Im atheistischen Idyll landen Gotteskrieger

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Denn nur Campion allein überlebt die Kleinkindjahre auf Kepler 22b, seine Geschwister sterben allesamt an einem seltsamen Husten. Vater sieht die Sache roboterhaft rational: Eine Reproduktion ist mit nur einem männlichen Exemplar unmöglich, das Experiment entsprechend gescheitert. Mutter aber will ihre Porzellankiste des Habitats erhalten und wird über ihre Verzweiflung wahnsinniger als selbst der Computer Hal 9000 auf dem Raumschiff Discovery von Stanley Kubricks “2001”. Es geschieht aber zu dieser Zeit, dass glaubensgesteuerte Menschen ankommen, die – unglücklicherweise – auf der Suche nach einem Propheten sind. Ihr Schiff bezeichnen sie als Arche, deren Name “Heaven” ist. Dass das im Fall einer unkorrumpierbaren, durchgeknallten und quasi unbesiegbaren Atheistin nichts Gutes heißt, muss nicht betont werden. Die Wölfin erwacht in Mutter.

An Bord der “Heaven” sind Priester, Krieger, Siedler, Kinder und zwei Gottesleugner, die sich durch plastische Chirurgie in die mithraischen Eltern des Jungen Paul verwandelt haben, um so der Apokalypse zu entkommen. Denn die Erde ist im 22. Jahrhundert nach Religionskriegen ein ausgebranntes Planetenwrack. Nach der Ankunft auf Kepler 22b führt Scott vor, was uns Terrence Malick in “The New World” zeigte: Großspurige Neuanfänge der Menschheit sind immer nur Vorphasen von Raub, Unterdrückung, Krieg und Zerstörung. Der alte haarlose Affe kennt nur die Keule.

Die Serienmacher wählten sicherheitshalber den Mithras-Kult

So erinnern die mithraischen Krieger in ihren weißen Kutten an die “Deus vult”-Schwertschwinger aus Scotts Historienfilm “Königreich der Himmel”: Weiße Kutte und anstatt eines Kreuzes die rote Mithrassonne auf der Brust. Im römischen Reich unterlag der Mithraskult knapp dem Christentum, als Konstantin das Heer des Licinius besiegte. Im sechsten Jahrhundert gab es nur noch einige Sprengsel der einstmals mächtigen monotheistischen Religion, die in ihren großen Tagen vor allem unter Soldaten zahllose Anhänger hatte. Hier nun haben wir eine alternative Geschichtsschreibung.

Was zumindest für den amerikanischen Raum eine gute Wahl war. Denn Religion kommt nicht gut weg, die Priester des Mithraskults lieben Macht, missbrauchen Macht, missbrauchen Kinder. Wie klerikalkritische Filmprojekte in den USA an einer Haltung scheitern können, zeigte 2007 exemplarisch die Verfilmung des Auftakts der Romantrilogie “His Dark Materials”. Die Fortsetzung folgte nicht, der “Goldene Kompass” zeigte nicht den Weg zum “Magischen Messer”. Auch hier ist die Botschaft: besser ohne Gott. Und da ist Mithras die Nummer sicher.

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Visuell grandioses Mysterium, das der Zuschauer ergründen will

Visuell ist das alles höchst erquicklich: Atemraubende Wolkentsunamis schwappen über Gebirgskämme, Monster greifen an, geheimnisvolle Riesentunnel lassen auf unangenehme Bewohner von der Sandwurmgröße des “Wüstenplanets” schließen, gewaltige Tierskelette auf eine Wirbeltierfauna, in der sich der der gute alte T-Rex ganz hinten anstellen müsste. In “Raised By Wolves” gibt es alles, was das Herz des Sci-Fi-Fans begehrt, inklusive einer Story, von der man nach drei Folgen zwar noch keine rechte Ahnung hat, wo sie hinführt, die uns aber locker über mehrere Staffeln faszinieren könnte.

“Träumen Androiden von elektrischen Schafen?”, hieß Philip K. Dicks Vorlage zu Scotts “Blade Runner”. Wovon Mutter so träumt, wollen wir lieber nicht wissen. In Auslegung der Asimovschen Robotergesetze geht sie jedenfalls tödlich zu Werke und wenn sie das zum ersten Mal tut, bildet man als Zuschauer jäh eine Ganzkörpergänsehaut aus. Wow – mit einer Wolfsmutter wie dieser könnte einem zwar nichts und niemand etwas anhaben. Aber man möchte ihr auch niemals seine erste Freundin vorstellen müssen.

“Raised By Wolves” bei TNT-Serie, von Aaron Guzikowski und Ridley Scott, mit Travis Fimmel, Amanda Collin ab 16. September

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