Ein Jahr ohne Publikum: Wie die Lachkonserve ihr Comeback feierte

  • 1950 lief Charles Douglass erstmals mit einer umgebauten Schreibmaschine durch die TV-Studios und spielte damit in Sitcoms künstliche Lacher ein.
  • Mehr als 70 Jahre später feierte seine Erfindung ein unfreiwilliges Comeback.
  • Braucht es langfristig überhaupt noch echtes Studiopublikum?
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Hannover. Als sich Max Mutzke im August 2019 untermalt von spannungsgeladener Musik die Astronautenmaske vom Gesicht riss, war noch alles in Ordnung. Das Publikum im Studio hielt es kaum noch auf den Plätzen, ebenso wenig wie das Rateteam um Ruth Moschner, Max Giesinger und Collien Ulmen-Fernandes.

Anderthalb Jahre später ist es im TV-Studio von „The Masked Singer“ vergleichsweise still. Wie auch alle anderen Unterhaltungsshows im deutschen Fernsehen verzichtet die Pro-Sieben-Sendung seit einem Jahr Pandemie auf Studiopublikum. Um genau zu sein, gibt es inzwischen sogar mehr Pandemie­ausgaben der Musikrateshow als gewöhnliche.

Und mit dem lästigen Virus hielt plötzlich auch eine Erfindung wieder Einzug ins deutsche Fernsehen, die fast schon ein bisschen in Vergessenheit geraten war: die sogenannte „Lachkonserve“.

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Lacher vom Band

Gemeint ist mit diesem Fachbegriff nichts anderes als Publikumsgeräusche vom Band: Lachen, Klatschen, Johlen – oder am besten gleich alles zusammen. Im Falle von „The Masked Singer“ sieht das so aus: Wenn Moderator Matthias Opdenhövel das Studio betritt, erwartet ihn tosender Applaus vom Band – und dort, wo einst das Studiopublikum saß, steht heute das „Papplikum“: Pappfiguren in Lebensgröße, die die leeren Reihen auf den Rängen füllen sollen.

Wenn Sänger Sasha, der Sieger der jüngsten Staffel, sich langsam seines Dinosaurier­kostüms entledigt, dann klatscht das nicht vorhandene Publikum sogar gekonnt zur Musik im Takt. Und ist das Rätsel dann endlich gelöst, wird gekreischt und applaudiert, als gäbe es kein Morgen mehr. Der Zuschauer hat zu diesem Zeitpunkt womöglich längst vergessen, dass es im Saal gar kein Publikum gibt: Die abgespielten Lacher und Klatscher sind nach einem Jahr Übung inzwischen so perfekt auf die gezeigten Szenen abgestimmt, dass die Geräusche aus der Konserve kaum noch auffallen.

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Auch bei der Konkurrenz kommt der Applaus seit einem Jahr vom Band. Bei RTL etwa werden die Kandidaten von „Let‘s Dance“ mit künstlichem Klatschen für ihre Auftritte gefeiert. In der Late-Night-Show „Täglich frisch geröstet“ lacht das Publikum zu Witzen von Moderator Knossi, egal wie gut oder schlecht sie sein mögen. Und bei den Öffentlich-Rechtlichen werden Quizshows, aber auch Satiresendungen wie etwa die „heute-show“ mit künstlichen Publikums­geräuschen unterlegt.

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Lachkonserve hat lange Tradition

Wie genau das funktioniert, zeigt ein Backstage-Video einer anderen TV-Show aus dem Pro-Sieben-Sat.1-Kosmos: „The Voice Kids“. Hier geht man noch einen Schritt weiter: Neben einem „Papplikum“ stehen hier sogar Bildschirme in den Zuschauerreihen, auf denen jubelnde Menschen eingeblendet werden – alles für die Stimmung. Hinter den Kulissen sitzt derweil ein Mitarbeiter, der ein Keyboard bedient, auf dessen Tasten der künstliche Applaus eingespeichert ist. Auf weiteren Knöpfen darüber finden sich die Lacher.

Doch auch wenn die Situation für TV-Produzenten noch immer eine ungewohnte ist, hat das Fernsehen mit künstlichen Publikums­reaktionen jahrzehntelange Erfahrungen. Erstmals eingesetzt wurde die Lachkonserve bereits im September 1950 in der „Hank McCune Show“. Die Sendung ist das, was man heute wohl als Sitcom bezeichnen würde. Wurden viele dieser Shows der Fünfzigerjahre noch als Theaterstück vor echtem Publikum gedreht, kam diese Show erstmals ganz ohne echte Publikums­reaktionen aus – künstlichen Lachern sei Dank.

Professionalisiert wurde das Stilmittel von Charles Douglass. Der Elektroingenieur arbeitete seinerzeit für verschiedene TV-Sender. Immer dabei hatte er eine sonderbare Kiste auf einem Fahrgestell, die er durch die Gegend schob. Darin befand sich eine Maschine, die auf Knopfdruck Lacher abspielen konnte.

Umgebaute Schreibmaschine

Diese sogenannte Lachbox basierte auf einer umgebauten Schreibmaschine, deren Tasten Endlostonbänder steuerten. Auf jedem dieser Bänder waren zehn ähnliche Lacher abrufbar. Diese hatte Douglass zuvor aus zahlreichen TV-Sendungen aufgezeichnet und archiviert. Wurde eine Taste zehnmal betätigt, fing das Band wieder von vorn an. Auf einem Youtube-Video ist zu sehen, wie die Maschine funktioniert.

Insgesamt konnten mit der Lachmaschine 320 verschiedene Publikumsreaktionen abgespielt werden. Douglass spielte die Maschine wie ein Starpianist sein Klavier. Mal setzte er das kleine Kichern ein, mal den tosenden Applaus nach einer besonders witzigen Pointe, mal den Lacher eines Zuschauers, der den Witz zu spät versteht – und all das mit perfektem Timing.

Für TV-Produzenten kam die Erfindung seinerzeit wie gerufen: Das Publikum der live aufgezeichneten Sendungen trieb sie nämlich in den Wahnsinn. Mal lachte es, wo es nicht sollte – mal blieb das Gelächter aus, weil es die Pointe nicht verstand. Und musste eine Szene wiederholt werden, weil sich die Schauspieler versprochen hatten, reagierte das Publikum nicht mehr so wie noch beim ersten Zuschauen. Die Gags kannte man ja schließlich schon.

Empörung über Schummelei

Nicht so Douglass’ Lachmaschine. Erstmals setzte der Elektroingenieur diese 1953 bei der Serie „Life with Father“ ein. Die Show wurde noch vor echtem Publikum aufgezeichnet, Douglass jedoch reicherte die Publikums­reaktionen mit seiner Lachbox an. Er erfand Lacher dazu, wo eigentlich keine waren, unangemessene Publikums­reaktionen hingegen wurden aus der Show herausgeschnitten.

In den Sechzigern spielte echtes Publikum in Sitcoms praktisch keine Rolle mehr. Nahezu jede dieser Show wurde mit künstlichen Lachern aufgezeichnet. Douglass hatte sich zu dieser Zeit längst selbstständig gemacht und nahm für die Bearbeitung einer Serienfolge 100 Dollar – ein lukratives Geschäft. Von „Golden Girls“ über „Verliebt in eine Hexe“ bis hin zur Sitcom „The Beverly Hillbillies“, nahezu alle bekannten Comedyformate der Sechzigerjahre wurden von Douglass und einer Lachmaschine bespielt. Selbst Cartoon-Formate wie etwa die „Jetsons“ erhielten künstliche Lacher.

In der Branche galt all das zunächst als Mogelei und sorgte auch für harsche Kritik. „Die Lachspur ist die größte Beleidigung der öffentlichen Intelligenz, die ich kenne, und sie wird keinem Publikum einer Show, bei der ich etwas zu sagen haben, jemals aufgezwungen werden“, empörte sich beispielsweise der Schauspieler und Produzent David Niven 1955 in einem Interview.

Lacher haben positiven Effekt auf Zuschauer

Produzenten blieben trotzdem bei der Lachbox – nicht zuletzt auch wegen der guten Quoten. Auch Umfragen und Studien belegen den positiven Effekt der Lachkonserve. Douglass selbst sprach damals nie von Schummelei, sondern bezeichnete seine Arbeit stets als „Sweetening“, also „Versüßung“ von TV-Shows.

Doch auch wenn Douglass’ Geschäftsmodell über Jahrzehnte hinweg von Erfolg gekrönt war, so waren die künstlichen Lacher in den vergangenen Jahren als Stilmittel eher auf dem Rückzug. Bereits in den Siebzigerjahren begannen Produzenten, auch wieder vor echtem TV-Publikum zu produzieren. Später stellten sie dann fest, dass Sitcoms das Fernsehgelächter gar nicht zwangsläufig benötigen.

Ein prominentes Beispiel dafür ist die Puppenserie „Die Dinos“. Diese wurde in den USA zunächst mit einer Lachspur versehen, bei der Synchronisation für andere Länder wurde sie schließlich entfernt. Auch aus der US-Version wurden die künstlichen Lacher später herausgeschnitten. In der Serie „Sports Night“ (1998) wurden die Lacher zunächst deutlich leiser abgespielt als in anderen Formaten, später verschwanden sie ganz. Und die Mockumentary „The Office“ läutet ab 2005 eine ganz neue Ära des Sitcom-Genres ein: Sie verzichtet von Anfang an komplett auf Lacher.

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Ganz tot ist die Lachkonserve jedoch nicht. Noch immer laufen Shows wie „Two and a Half Men“ oder „The Big Bang Theory“ erfolgreich im Nachmittags­programm der TV-Sender. Im April startet bei Netflix sogar eine ganz neue Sitcom mit dem Namen „Dad, Stop Embarrassing Me!“. Auch hier werden die Pointen von Kyla-Drew und Jamie Foxx von einer künstlichen Lachspur unterlegt.

Und dann ist da eben noch diese Pandemie. Privatsender wie RTL, Pro Sieben und Sat.1 setzen heute fast in allen Unterhaltungs­sendungen auf künstliche Publikums­reaktionen. Und auch bei den Öffentlich-Rechtlichen Sendern spielen Lacher und Klatscher aus der Konserve eine Rolle.

Der Privatsender RTL will den Applaus vom Band jedoch keinesfalls als „Lachkonserve“ bezeichnen. Vielmehr handele es sich um „eingespielten Applaus“, der bei früheren Shows aufgezeichnet wurde. „Die Herausforderung dabei ist, die richtige Stimmung, das richtige Maß für ein Gemeinschaftsgefühl zu treffen und welches der gezeigten Performance entspricht“, erklärt RTL-Sprecher Claus Richter auf Anfrage.

Hat das Publikum ausgedient?

Der Grund für den eingespielten Applaus sei einfach: Das Publikum wünsche sich „ein gewohntes Unterhaltungs­erlebnis. Das Klatschen zollt den Darbietenden Respekt für eine Aufführung. Auch vom Band überträgt der Applaus die Emotionen und die Stimmungen, die sich im Studio aufbauen, auf den Zuschauer und schafft so ein Gruppenerlebnis“, erklärt Richter.

Das ZDF hält die eingespielten Publikums­reaktionen ebenfalls für wichtig. Sprecher Stefan Unglaube bezeichnet das Studiopublikum in Unterhaltungs­sendungen auf Anfrage als „Stellvertreter für den Zuschauer zu Hause“. Es transportiere durch Applaus und andere Reaktionen „Emotionen an die Zuschauer*innen“. Und auch für Moderatoren und Studiogäste seien die Publikums­reaktionen relevant: „Inhaltlich ist der Applaus für den Host wichtig, weil er an wichtigen Stellen (beispielsweise nach einem Showact oder einem Einspieler) eine Zäsur erzeugt, die wir in diesen Momenten üblicherweise auch durch ein reales Publikum hätten“, so Unglaube.

Den Zuschauer scheint es bislang auch nicht sonderlich zu stören, dass der Applaus neuerdings vom Band kommt. Unglaube berichtet von einer „deutlich erhöhten Zuschauer­akzeptanz“ bei Talk- und Unterhaltungs­sendungen in der Pandemie. Klingt also fast so, als bräuchte man echtes Publikum in Zukunft gar nicht mehr.

Nur ein Kompromiss

Und tatsächlich, in einigen Fällen scheint es genau diese Überlegungen zu geben. „Wir bemerken, dass vor allem in Talksendungen durch das Fehlen von Studiopublikum unter Umständen die Intensität der Gespräche zunimmt, da oft eine konzentriertere Atmosphäre herrscht. Im aktuellen Produzieren wägen wir momentan ab, welche Shows auch ohne Publikum stattfinden können und dennoch funktionieren“, erklärt der ZDF-Sprecher.

Eines sei aber auch klar: „Vor allem große Unterhaltungs­shows sind ohne Saalpublikum immer nur ein Kompromiss, der in einer Zeit nach Corona sicherlich nicht fortgeführt wird.“ Das sieht man auch bei RTL so: „Unterhaltung braucht Publikum und die Künstler das Feedback“, so Claus Richter.

Der Erfinder der Lachkonserve, Charles Douglass, hat sich übrigens schon 1980 zur Ruhe gesetzt. Seine Firma übergab der Elektroingenieur an seinen Sohn. 2003 starb der Elektroingenieur in Kalifornien. Dass seine Erfindung fast 20 Jahre später noch mal ein so ungewöhnliches Comeback feiern würde, dürfte er damals wohl nicht geahnt haben.

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