Ein Agent, vom Pech verfolgt – die Magenta-Serie „Spy City“

  • Was Fielding Scott vom britischen Geheimdienst auch anfasst – es geht schief.
  • In der Magenta-Serie „Spy City“ (streambar ab 3. Dezember) soll er einen Verräter in den eigenen Reihen ausfindig machen.
  • Im Berlin des Jahres 1961 will Spannung allerdings nicht so recht aufkommen.
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Schon blöd, wenn man als britischer Geheimagent in einer deutschen Kneipentoilette angegriffen wird und sich herausstellt – gerade als man dem Gegner fachgerecht den Schädel an einem Urinal eingeschlagen hat –, dass man soeben einen anderen britischen Geheimagenten umgebracht hat. Normalerweise wird man nach einer solchen Unverzeihlichkeit, einem derart üblen Eigentor, „unser Mann im Kellerarchiv“ und darf nie wieder in die Sphäre der schicken Autos, schönen Frauen und scharfen Handfeuerwaffen eintauchen.

Aber Fielding Scott (Dominic Cooper, „Preacher“) wird nur ein Jahr später erneut ins Feld geschickt, soll sich rehabilitieren, indem er in Ostberlin das Überlaufen eines ostdeutschen Wissenschaftlers sicherstellt. Manfred Ziegler alias Beethoven (Wanja Mues) arbeitet für die Russen an einer Interkontinentalrakete. Mitsamt seiner Familie und seiner Erfindung (die angeblich in zwei Überseekoffer passt) soll er in den Westen verbracht werden.

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Was wieder schiefgeht. Beethoven, Frau und Kind liegen am Tag X tot in ihrem Bett, Scott kann gerade noch einen Stasi-Lieferwagen um die Straßenecke verschwinden sehen. Mist, verdammter! Normalerweise wird man nach einem zweiten Desaster dieser Größenordnung endgültig zur Spionage-Kellerassel. Nicht so Fielding Scott.

Auf Magenta TV ist im Advent die Spionageserie „Spy City“ zu sehen, in der das Deutschland und das Großbritannien des Kalter-Krieg-Jahres 1961 auferstehen – ungefähr die Zeit also, in der Sean Connery als James Bond das Leinwandeln begann und Ursula Andress sich ihren legendären Bikini überstreifte (der sich jüngst ja leider als Auktionslusche erwies).

Die Setdesigner haben auch weitgehend gute Arbeit geleistet. Die Welt der klobigen Schreibmaschinen und der mächtigen Aktenschränke, der getäfelten Wände und der eisernen Mülltonnen ersteht neu vor Zuschauers Augen. Im Kino der „Spy City“ Berlin läuft – etwas vorzeitig – „Via Mala“ (der Film startete erst am 9. August 1961 in den deutschen Kinos). Und weil für „Spy City“ offenbar nicht grenzenlos Budget da war, wird Dokumaterial eingeblendet, wann immer Großstadtimpressionen mit Gedächtniskirche oder Café Kranzler gebraucht werden.

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Mysteriöses Datum: 13. August 1961

Jeder hat das Recht auf eine dritte Chance: Fielding Scott soll jetzt den Verräter der Aktion „Beethoven“ ausfindig machen. Soll auch verhindern, dass die Russen mit ihrer Rakete den dritten Weltkrieg beginnen. Zudem will er fürs eigene Ego noch klären, wieso ihn sein Landsmann und Berufskollege Simon Heldane im Jahr davor so rüde attackiert hat. Und er würde gern herausfinden, was in dem gelben Umschlag war, den er ihm übergeben hatte. Was hat es überdies mit dem arabischstämmig wirkenden Mann auf sich, der auftaucht, und ihm „Beirut“ zuraunt? Warum trifft sich der CIA-Chef Dunn (Brian Caspe) heimlich mit einem sowjetischen Offiziellen?

Ach ja – und was soll an dem mysteriösen Datum des 13. August passieren, das General Lubkovs Sekretärin Waltraud erwähnt? Zuschauer, die nicht sattelfest in Geschichte sind, sehen noch einmal SED-Chef Walter Ulbricht, der in den Fernsehnachrichten verkündet: „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten.“

Wo immer Scott auftaucht, klappt’s nicht

Man weiß, dass Fielding Scott auch diesbezüglich nichts verhindern konnte. Und so wird die Serie zunehmend unspannend und man verliert irgendwann die Lust, diesem Helden beim Verlieren zuzusehen. Wo immer Scott auftaucht, klappt’s nicht. Leute, die sich mit ihm sehen lassen, sterben schon mal. Und wer auf Rettung in letzter Sekunde durch Scott hoffen muss – der Mann kommt verlässlich eine Sekunde zu spät. Irgendwann nervt dieser Meister des Scheiterns. Nicht einmal ein Kellerarchivar wäre nach alldem an solch einem Pleiten-, Pech- und Pannensammler als Assistent interessiert, aus Angst, unter einem von ihm umgeschubsten Aktenregal zu enden.

Die deutsch-britisch-tschechische Produktion (Odeon, Magenta, ZDF) gründet auf einem Drehbuch von Bestsellerautor William Boyd, der außer „Unser Mann in Afrika“ (1981 – in den Neunzigern verfilmt mit Sean Connery) auch schon einen offiziellen Bond-Roman verfasst hat („Solo“, 2013). Und auch Cooper – neben dem deutsche Stars wie Leonie Benesch und Johanna Wokalek auftreten – hatte schon 007-Kontakt, als er 2014 in der Serie „Mein Name ist Fleming, Ian Fleming“ den Bond-Erfinder spielte.

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Eine gewisse Doppelnull-Eleganz strahlt sein Scott schon aus, wenn er in feinstem Tuch, mit Schlips und Hosenträgern nach dem Maulwurf sucht. Eine Eleganz, die der von Regisseur Miguel Alexandre („Der Kommissar und das Meer“) inszenierten Miniserie leider völlig abgeht. Sie holpert und stolpert bar jeder LeCarré-Finesse dem Mauerbau entgegen, mit hölzernen Figuren, die selbst holpern und stolpern.

Der Held ist von der „Unsere Liebe ist größer“-Truppe

Voran Scott, der das Lager heimlich mit der französischen Kollegin Séverine Bloch (Romane Portail) teilt. Gerade die solle er besonders im Auge behalten, sät man beim MI-6 den Keim der Zwietracht. Bloch sucht in eigener Sache in Berlin nach einem untergetauchten SS-Offizier, der in Kriegszeiten ihren Ehemann in Paris zu Tode folterte. Scott lässt die Geliebte beschatten, die ostdeutsche Fotokünstlerin (und Scotts niemals ausgespielter „love interest No. 2“) Ulrike Faber (Wokalek) stellt ihm ihre Kamera gern für eine Handvoll Dollar bereit.

Schon bald dürften Scott und Bloch einander nicht mehr über den Weg trauen. Aber sie sind beide entgegen ihrer sonstigen Charakterzeichnung von der „Unsere Liebe ist größer“-Truppe und Scott hilft Séverine auch mit dem Alt-Nazi, denn irgendwie scheinen alle Ränke zusammenzuhängen. Auch Scotts Sekretärin Eliza (Benesch) ist ein handlungsgetriebener Schmalspurcharakter. Sie ist eine Stasi-IM, weiß von Séverine und erpresst ihren Vorgesetzten, damit der eine Übersiedlung nach England für sie und ihren Freund Reinhart (Ben Münchow), einen Protestsänger, organisiert.

Und wenn dieser Barde dann Sachen wie „Ich halte meine Schnauze nicht“ oder „Weil ich mit Worten schlage, schlagen ihre Knüppel mich“ singt und sich keine Sekunde wundert, dass ihm genau das nicht längst in irgendeinem Stasi-Keller Ostberlins passiert, denkt man sich: Ein Wolf Biermann ist das aber nicht. Genauso wenig ist Scotts alter Freund Conrad Greer vom CIA (Seumas F. Sargent) das, was Felix Leitner bei Bond ist. Nur ein weiterer Typ, der für Scotts Kerbholz über die Klinge muss.

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Stasi-Leute, die in Ecken stehen, sehen in „Spy City“ dabei so füchsisch verschlagen aus, dass sie sich auch gleich den Dienstausweis ans Revers tackern könnten. Sie schieben Stasi-abhängigen Frauen die Hand unter den Rock und grinsen dabei diabolisch. Fehlt nur noch, dass sie dabei ein „Harhar!“ rausknarren wie Kater Karlo in den Spelunken von Entenhausen. Das gesprochene Wort noch der unbedeutendsten Nebenfigur ist steif, unrealistisch und von der Stange. Man hört hier Sachen wie „Der Dienst hört niemals auf“ (Scott), „Mr. Scott ist mit Sicherheit kein Amateur. Nicht einmal ansatzweise“(man würde der Sekretärin eines russischen Generals hier gern widersprechen) oder „Das wird unter den Teppich gekehrt, tief drunter. Schwamm drüber, wie der Berliner sagt“ (ein Kriminalkommissar, für den Teppiche und Schwämme eins sind).

Was Fielding Scotts letzter Blick verrät

Man erträgt dieses floskelhafte Standardblabla nach drei Episoden nur noch, weil man auf einen Clou hofft. Den gibt es auch. Aber man bleibt auf dem Hocker. Geht so.

Am Ende wird – nein, das ist kein Spoiler! – die Mauer gebaut und Fielding Scott, der nervtötende Anti-Bond, der größte Versager nach Frank Drebin von der Spezialeinheit in „Die nackte Kaone“, schaut hinüber hinter den ganz frischen Stacheldrahtvorhang, wo noch einige zu Rettende auf seine Hilfe warten. Und sein Gesichtsausdruck verrät, dass er weiß, dass er es schon wieder vermasselt hat. Es ist dieser Blick eines Serienhauptdarstellers, der sich klar darüber ist, dass es todsicher keine zweite Staffel geben wird.

„Spy City“, bei Magenta TV, sechs Episoden, von William Boyd, Regie: Miguel Alexandre, mit Dominic Cooper, Romane Portail, Johanna Wokalek (streambar ab 3. Dezember)

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