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„Dyatlow-Pass – Tod im Schnee“ bei Fox: Die Wahrheit liegt irgendwo da draußen

  • Zwischen „Akte X“ und „Blair Witch Project“ – die russische Miniserie „Djatlow-Pass – Tod im Schnee“ (Fox Channel, ab 5. Juli) will die Wahrheit erzählen, was neun Wanderern 1959 in der Wildnis des Urals widerfuhr.
  • Der Serienmacher Ilya Kulikov setzt dabei mehr auf Horror als auf Wissenschaft.
  • Letztere glaubt seit Kurzem, die unheimlichen Vorgänge jener Winternacht rational erklären zu können.
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Manche Geschichten fesseln die ganze Menschheit. Legenden um Loch Ness oder den Schneemenschen im Himalaya. Die Geheimnisse der Area 51 mit ihren vermeintlich geparkten Ufos und auf Eis gelegten Außerirdischen. Das Bermudadreieck, in dem angeblich zuhauf Flugzeuge verschwinden. Oder die Ereignisse vom Winter 1959, als zehn Studenten und Absolventen des Polytechnischen Instituts des Urals zu einer 16-tägigen Skiwanderung aufbrachen – 350 Kilometer zu Ehren der KPdSU durch Schnee, Eis, unwegsames Gelände. In der Nacht vom 1. auf den 2. Februar starben neun von ihnen (der zehnte war wegen Problemen mit den Gelenken zurückgeblieben) auf sehr seltsame und grausame Weise.

Man fand die Leichname dürftig bekleidet, verstreut in der Schneewüste am Hang des Cholat Sjachl, des „toten Bergs“. Mit diesem prophetischen Namen bezeichnete das in der Region lebende finno-ugrische Volk der Mansen den Ort des Geschehens, der später in der Sowjetunion nach dem Führer der unglückseligen Gruppe, dem 23-jährigen Ingenieursstudenten Igor Djatlow, benannt wurde.

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Es gab grausige Verletzungen – aber ohne Kampfspuren

Keine überlebenden Zeugen des Sterbens gab es, als Anhaltspunkte nur Tagebuchaufzeichnungen und Bilder einer Kamera sowie schockierende Verletzungen der Leichname, die der schmelzende Schnee nach und nach freigab: gebrochene Schädel, herausgerissene Augen und Zungen – all das ohne Kampfspuren.

Offiziell wurde eine „unbekannte Naturgewalt“ für die Ereignisse verantwortlich gemacht, die Fundstücke wurden unter Verschluss genommen, die Gegend wurde für drei Jahre zum Sperrgebiet gemacht. Spekulationen wurden zu Spukgeschichten: Lebte ein Monster in der Wildnis, hatten die Wanderer ein Wesen aus der Mythologie der Mansen auf ihre Spur gelockt?

Während die Wissenschaft versuchte, das Geheimnis nüchtern zu ergründen, aber keine stimmige Erklärung fand, wurde der Djatlow-Pass in der kollektiven Erinnerung zu einem jener Orte auf Erden, an denen es nicht mit rechten Dingen zuging.

Aus den Ammenmärchen hat der russische Showrunner und Drehbuchautor Ilya Kulikov eine Miniserie gemacht, einen Thriller mit übernatürlichen Elementen, der den Zuschauer umgehend und dauerhaft in Bann zu schlagen vermag (sofern man bei zwei von acht Episoden, die vorab zur Verfügung gestellt wurden, aufs Ganze schließen kann). „Djatlow Pass – Tod im Schnee“, zu sehen ab dem 5. Juli beim Fox Channel, ist eine Mischung aus „Akte X“ und „Blair Witch Project“ auf Russisch (abzüglich des Found-Footage-Stils).

Die Handlung ist dreigeteilt. In der Gegenwart versucht ein eleganter, geheimnisumwitterter KGB-Major, mit Helfern aus Swerdloswk das Geschehene aufzuklären. Parallel wird – per Rückblenden in kontraststarken Schwarz-Weiß-Bildern – von der Tour selbst erzählt, von Vorfreude, Aufbruch und Erwartungen der Teilnehmer, von Kameradschaft und Spannungen im Team. Und schließlich geht es – in überwirklich leuchtenden Farben – hinab in die Kriegserinnerungen jenes KGB-Manns Oleg Kostin, der kurz vor dem Sturm auf Berlin im April 1945 in einem Schloss in Brandenburg, das auf keiner Karte verzeichnet ist, Dinge sieht, die ihn an seinem Verstand zweifeln lassen. Und die ihn zum richtigen Mann machen für die Untersuchung am „toten Berg“. Die Wahrheit liegt irgendwo da draußen – Kostin ist der Agent Fox Mulder dieser Serie und es gibt natürlich Verbindungen zu der unheimlichen Nacht im ostdeutschen Gruselschloss.

Der russische Winter schafft eine eindringliche, unwirtlich-unwirkliche Atmosphäre. Schnee treibt durch die Luft, Eis hat die Welt verschlungen, als Kostin mit dem Hubschrauber in Swerdlowsk eintrifft. Man wundert sich, dass in dieser klirrenden Welt überhaupt Häuser stehen, dass sich Türen öffnen, hinter denen Menschen einigermaßen behaglich leben können. Kostin (gespielt von dem charismatischen Pjotr Fjodorow) ist vordergründig ein strenger Bürokrat, hat aber ein Herz für die Menschen.

Der verschlossene KGB-Mann öffnet sich

So nimmt es nicht Wunder, dass die Medizinerin und Soldatenwitwe Ekaterina (Mariya Lugovaya), die die Autopsien vornehmen soll, ihn mit wachsender Zuneigung betrachtet, erst recht, als er versucht, ihrem 15-jährigen Sohn Kolya (Aleksandr Konovalowv) den Hass auf die deutschen Kriegsgegner zu nehmen: „In Deutschland war es dasselbe. Die Leute weinten um ihre Lieben.“

Kolyas Vater, Ekaterinas Mann, stellt sich dann als jener Vitja heraus, der im Krieg an Olegs Seite kämpfte, und in einem fort seine erbeutete Walther-PPK-Pistole reinigte, die Waffe, mit der er, wie er mit kindlichem Ernst versicherte, Hitler erschießen wollte. Sieht zunächst nach einem arg konstruierten Auftritt von Meister Zufall aus.

Am „toten Berg“ fliegen keine Vögel

Es werden Warnungen vor der tödlichen Winterwitterung ausgesprochen, als die Studenten zu ihrer letzten Reise aufbrechen. Wenn eine Mansen-Frau den Wanderern nachläuft und sie anfleht, sie könnten nicht weiterziehen, denn am „toten Berg, wo keine Vögel fliegen“, lebe Sorni Nai, ein hungriger Geist, der Augen und Zungen der Wanderer fresse, haben die Serienmacher, die behaupten, Einsicht in die geheimen sowjetischen Djatlow-Akten gehabt zu haben, das Feld einer an Fakten ausgerichteten Dramatisierung endgültig verlassen.

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Historische Figuren werden nach den Bedürfnissen der Story verwandelt. Aus dem Wanderführer Semyon wird ein undurchsichtiger Parteigenosse, der nichts Gutes im Schilde führt. Und der überlebende Student Juri hat seine Schmerzen nur vorgetäuscht, hatte in Wahrheit Visionen vom Tod der Gruppe gehabt.

Neueste Wissenschaftsresultate: Es war wohl eine kleine Lawine

Fast schade, dass dieser stilvoll fotografierten, gut erzählten und auch gespielten Serie neueste wissenschaftliche Untersuchungen in die Quere kommen. Eine seltene, durch die Topografie bedingte kleine, nur etwa fünf Meter lange Lawine harten Schnees sei damals den Hang des „toten Bergs“ hinabgerauscht und habe die Wanderer im Schlaf erschlagen, war im Februar im „National Geographic“-Magazin (online) als Ergebnis der Untersuchungen des Geotechnikers Alexander Puzrin und des Leiters des Labors für Lawinensimulation an der Technischen Hochchule von Lausanne, John Gaume, zu lesen.

Der Hang, eigentlich zu flach für Lawinen, erwies sich in neuen Computersimulationen mit 30 Grad als doch gerade mal so steil genug für einen Abgang. Erste Berichte der Suchmannschaft hatten zudem von einer nicht komprimierten unteren Schneeschicht gesprochen. Darüber konnte der obenliegende harte Schnee abrutschen.

Zwar gab es in den Tagebüchern der Gruppe keine Hinweise auf den dafür nötigen Auslöser Neuschnee, aber die Studenten erwähnten in ihren Aufzeichnungen sehr starke Winde, die Schneemengen von weiter oben in Richtung Zelt getrieben haben konnten. Da die Wanderer ihre Skier für ihre Bettstatt verwendet hatten, traf die herabschießende Masse auf steife Ziele – womit die Wissenschaftler recht plausibel die ungewöhnlichen Verletzungen der Toten erklärten.

Sorni Nai klingt faszinierender als die Forschung

Zu unmysteriös. Lieber glauben wir an Sorni Nai, schließlich werden übernatürliche Wesen ja wohl noch so eine Minilawine auslösen können, oder? Major Kostin wird in den sechs weiteren Folgen eine andere Wahrheit finden als Puzrin und Gaume, so viel ist gewiss. Da sie damals, 1959, nicht publik wurde, müssen wir entweder um diesen aparten Geheimdienstler fürchten oder aber herausfinden, dass es sein Auftrag war, alles zu verschleiern und zu verdecken. Wir werden sehen.

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PS: Boris Jelzin tritt auch auf, hätte sich der Gruppe gern angeschlossen, wird aber abgelehnt – der spätere erste Präsident Russlands hatte in Swerdlowsk Bauingenieurwesen studiert, sein Studium aber bereits 1955 abgeschlossen. Wie das mit dem Ende der Sowjetunion und dem Anfang des neuen Russlands wohl gelaufen wäre, wenn Igor Djatlow ihm sein Okay gegeben hätte?

„Djatlow Pass – Tod im Schnee“, acht Episoden, bei Fox Channel, von Ilya Kulikov, mit Pjotr Fjodorov, Ivan Mulin Mariya Lugovaya, Irina Lukina (ab 5. Juli)

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