„DSDS“ ohne Wendler: Die Rolle rückwärts kommt zu spät

  • Nach lautem Protest schneidet RTL den Verschwörungstheoretiker Michael Wendler nun doch aus der Sendung „Deutschland sucht den Superstar“ (DSDS).
  • Die Entscheidung kommt reichlich spät, meint Matthias Schwarzer.
  • Schließlich ist der Sender schon zum zweiten Mal ins Fettnäpfchen getreten.
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Hannover. Gut möglich, dass der Wendler gerade in seiner Villa in Cape Coral sitzt und überhaupt nicht verstehen will, warum ihm schon wieder dieses große „Unrecht“ widerfährt. Da kritisiert man nur mal ein bisschen die Bundesregierung – und schon dreschen wieder alle auf einen ein. Frei nach Jana aus Kassel: „Ich hab doch gar nichts gesagt.“

Vielleicht war dem Wendler die Tragweite seines Posts nicht bewusst, vielleicht war der KZ-Vergleich auch eine gezielte Provokation aus der Querdenker-Szene, vielleicht war ihm das alles – frei nach seinem eigenen Song – aber auch einfach völlig „egal“.

Fest steht: Bei RTL hat man die Wendler-Problematik massiv unterschätzt. Klar, dieser Schlagerzausel – ein bisschen durchgeknallt ist er schon, aber doch kein Rechtsextremer. Was soll also groß passieren? Also entschieden sich die Verantwortlichen am Dienstag, die „DSDS“-Szenen mit dem Wendler trotz des Abdriftens des Promis in die Verschwörungsszene und seinem Juryaustritt im August noch zu zeigen. Ohne Einordnung, ohne Distanzierung während der Sendung. Und mit Folgen.

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Warum erst jetzt?

Nach dem verstörenden KZ-Post, massiver Kritik von Zuschauern, aus der Medienbranche und zuletzt auch aus der Politik lenkte der Sender am Mittwoch nach anfänglichem Zögern nun doch ein. Michael Wendler wird aus allen bereits fertig produzierten „DSDS“-Folgen herausgeschnitten. Und einmal mehr stellt sich die Frage: Warum passiert das alles erst jetzt?

Man könnte doch meinen, nach fast einem Jahr Pandemie mit unzähligen durchgeknallten Verschwörungsschwurblern dürften TV-Sender inzwischen ein gewisses Gespür für die Gefahr dieser Ideologien entwickelt haben. Vor allem RTL müsste man das unterstellen, denn inzwischen dürften gefühlt mehr fragwürdige Jurymitglieder aus ihrer Show geflogen sein, als eine Staffel Kandidaten hat. Bereits im Frühjahr musste der Sender Xavier Naidoo vorzeitig nach Hause schicken, weil dieser zuvor mit zahlreichen antisemitischen Verschwörungsmythen aufgefallen war.

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Schon damals war Naidoos Engagement in der „DSDS“-Jury mehr als fragwürdig – denn die politische Einstellung des Soulsängers war seit Jahren bekannt. Zahlreiche Eklats waren vorausgegangen, darunter seltsame Auftritte im Morgenmagazin, Teilnahmen an Reichsbürger-Demos oder die Kontroverse um Naidoos geplante Teilnahme am Eurovision Song Contest. All das hat man bei RTL offenbar gar nicht mitbekommen oder mitbekommen wollen – und ihn dann trotzdem in die „DSDS“-Jury gesetzt. Oder es war dem Sender – Sie ahnen es bereits – „egal“.

Man hätte ein klares Zeichen setzen können

Auch Wendlers Abdriften in die Verschwörungsszene ist seit einem halben Jahr bekannt, unzählige Telegram-Posts, ja sogar Instagram-Livestreams mit waschechten Umsturzfantasien, sind dokumentiert. Der KZ-Vergleich ist nur die Spitze des Eisbergs, aber sie war absehbar. Man hätte das ahnen und rechtzeitig umschneiden können.

Im Fall Wendler war die Ausgangslage sogar noch deutlich günstiger als bei Naidoo. Die Folgen mit dem Schlagersänger waren noch nicht ausgestrahlt worden, der Sender hätte ein klares Zeichen setzen und die Sendung einfach umschneiden können, Wendlers Wortbeiträge entfernen und ihn in den übrigen Szenen mindestens unkenntlich machen können. Etwa mit einem „Gurken-Emoji“, wie die Autorin Anja Rützel im „Spiegel“ vorschlägt.

Und wer die Sendung am Dienstagabend gesehen hat, weiß auch: Viele von Wendlers Wortbeiträgen waren für die Dramaturgie der Show keineswegs essenziell.

Stattdessen entschied sich RTL, auf Risiko zu gehen und den Wendler in der Sendung einfach zu verballhornen. Hier eine lustige Überblendung, hier ein Witz von Dieter Bohlen. Wird schon irgendwie reichen.

Verschwörungsschwurbler sind nicht witzig

Es reichte aber nicht. Denn rechtsextreme Verschwörungsmythen sind kein Witz, und deren Protagonisten gehören nicht in eine Primetime-Show.

Nun steht RTL ein weiteres Mal vor einem Scherbenhaufen und muss sich die Frage gefallen lassen, wann man denn endlich mal dazulernen möge. Es wird Zeit, den Umgang mit Querdenkern und Verschwörungsschwurblern, ihren ständigen Grenzüberschreitungen und all ihren Vertretern zu lernen – und sie entschlossen zu verurteilen. Diese Gruppe ist gefährlich. Und was sie macht, ist eben nicht „egal“.

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