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Nach provokantem Bohlen und Corona-Schwurblern: DSDS setzt auf Harmonie statt Konfrontation

  • RTL hat in der Vergangenheit bei seinem Castingevergreen „Deutschland sucht den Superstar“ gerne auf Provokation gesetzt.
  • Doch nun scheint der Sender eine neue Ausrichtung zu suchen.
  • Mit der Besetzung der neuen Jury durch Florian Silbereisen setzt er voll auf Harmonie. Eine Analyse.
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Er ist der, der immer lacht. Er ist der, der immer freundlich, höflich, sogar fast nahbar ist. Er ist der Darling der deutschen TV-Moderation und der Schmusemusiker: Florian Silbereisen. Am Mittwoch bestätigte RTL, dass der Sänger für die kommende Staffel von „Deutschland sucht den Superstar“ 2022 den Platz von Pöbeltitan Dieter Bohlen einnimmt. Gegensätzlicher könnten die beiden nicht sein. Für den 39-Jährigen ist der Job im Jurysessel keine Premiere – er sprang schon für drei Folgen in der Staffel 2020 ein, als sich der Sender nach einem erneuten rassistischen Tweet von Xavier Naidoo als Juror trennte. Nun deutet sich bei RTL eine Wende nach Jahren an, in denen die Comedy mehr als die Musik im Fokus von DSDS stand.

Denn die Konsequenz der eher auf Prominenz und Provokation bedachten Jurybesetzung musste RTL in den vergangenen zwei Staffeln tragen. Die vergangene Staffel fuhr die schlechtesten Quoten in 18 Jahren DSDS-Geschichte ein. Zum Start 2003 schalteten 12,8 Millionen Zuschauern durchschnittlich ein. Nun sanken die Quoten auf das bisher größte Tief von 3,22 Millionen im Schnitt in Staffel 18.

Haben provokante Sprüche ausgedient?

Riesenego, provokante Sprüche und Sonnenbrille – funktioniert das Konzept, das in Dieter Bohlen personifiziert war, nicht mehr? Schließlich wurden die gesamte Show und die Jury um den 67-jährigen Ex-Jury-Chef konzipiert, der es schaffte, nach ein paar Hits in den 1980ern und Schlagzeilen im Boulevard zur TV-Institution zu werden. Seine allseits bekannte Spezialität und der Grund, warum doch immer wieder jahrelang Millionen einschalteten: seine Sprüche. Er beleidigte nicht nur Gesang der Kandidatinnen und Kandidaten und verglich ihn wahlweise mit Straftaten, Hack oder Fäkalien in allen Ausformungen, vergangene Castingteilnehmer warfen Bohlen auch Bodyshaming vor.

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Bohlen agierte bis zum Schluss, als hätte es #MeToo und die Anprangerung von der Ausnutzung von Machtverhältnissen, die auch im Verbalen beginnt, nicht gegeben. Natürlich machte er nicht alle mies: Er hatte auch seine Lieblinge, wie Pietro Lombardi, den er später in die Jury holte. Er förderte die einen und kanzelte die anderen ab.

Falscher Griff bei Jurybesetzungen

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Dazu kam: RTL setzte in der Vergangenheit immer wieder auf Juroren, und hier tatsächlich bei explizit Männern, die Provokation liefern: Michael Wendler und Xavier Naidoo wussten schon vor ihrem Abschied aus der Öffentlichkeit und ihrer intensiven Nähe zur Querdenker-Szene, wie sie sich in die Schlagzeilen bringen.

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Beispiel Naidoo: Als er 2019 zu DSDS stieß, hatte er schon längst seinen mit antisemitischen Verschwörungstheorien durchsetzten Song „Marionetten“ veröffentlicht, trat 2014 bei einer Demo von Reichsbürgern auf. Bei Auftritten und Videos allerdings hielt er sich mit politischen Äußerungen zurück. Dennoch: Naidoo war umstritten – doch RTL freute sich bei seiner Einstellung über seine musikalischen Kompetenzen: „Er ist nicht nur einer der erfolgreichsten Musiker Deutschlands, sondern bringt auch Erfahrungen als Songwriter, Producer, Musikdozent und TV-Entertainer mit und vereint damit geballte Musikkompetenz in einer Person.“ Zu seinen Aussagen ließ der Sender beim „Spiegel“ vor dem Staffelstart 2019 nur wissen, dass Vorwürfe jeglicher Grundlage entbehren. Dann setzte Naidoo aber 2020 einen rassistischen Tweet ab und plötzlich war sich RTL nicht mehr ganz so sicher.

Zuschauer lehnen Provokation inzwischen ab

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Nach Naidoo folgte der Wendler und die Geschichte zeigt, dass das marketingtechnisch auch keine gute Idee war: Kaum war die Aufzeichnung der ersten Castings durch, suchte Michael Wendler öffentlich die Nähe zum Corona-Leugner Attila Hildmann und übernahm seine Weltansichten. Der Schlagersänger verschwand aus dem TV, auch aus den „Deutschland sucht den Superstar“-Folgen.

Doch auch, wenn man den Blick von DSDS auf die gesamte TV-Landschaft ausweitet, zeigen die öffentlichen Debatten: Provokation um der Provokation Willen, beleidigende Witze oder öffentliches Heruntermachen wollen die Zuschauer nicht mehr sehen. Nach Mobbingskandalen in „Sommerhaus der Stars“ und homophoben Äußerungen in „Promis unter Palmen“ teilen die Sender gebetsmühlenartig mit, dass sie ihre Konzepte überdenken wollen. Doch DSDS hat ein Problem: Während es beim Castingkonkurrenten „The Voice of Germany“ explizit um die Stimme geht und die Jurorinnen und Juroren kein Talent zu Beginn des Auftritts sehen, sondern nur hören, ist bei „Deutschland sucht den Superstar“ mit der Bühne, mit den Live- und Mottofolgen schon gleich der Auftritt, die Show mit eingeplant.

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Die neue Jury: Optimismus pur

Mit Bedacht hat RTL nun also die neue Jury zusammengestellt. Den Hut, der diesmal ganz bestimmt nicht aus Alu sein soll, hat Strahlemann Silbereisen auf, von dem es in unserer Bilderdatenbank kaum ein Foto gibt, auf dem er nicht extrem gut gelaunt lächelt. Dass die Jurymitglieder wichtiger sind als die letztendlichen Kandidatinnen und Kandidaten, wird allein dadurch deutlich, dass die Namen der Staffelgewinner schon zum Start der nächsten Staffel vergessen sind, die Wechsel von Jurymitgliedern aber immer wieder Aufmerksamkeit generieren. Und vielleicht deutet sich auch hier ein Umdenken an. Weg von der Comedy, hin wieder zur Musik? Dafür könnten auch die Besetzung der zwei anderen Sessel in der Jury sprechen: Ilse DeLange und Toby Gad.

Denn auch wenn die Countrysängerin Ilse DeLange schon in Shows wie „Sing meinen Song – das Tauschkonzert“ oder „Let’s Dance“ auftrat, fragt das Boulevard nur: „Kennen Sie Ilse DeLange?“ Skandale? Umstrittene Äußerungen? Fehlanzeige. Und wer Ilse DeLange nicht kennt, der kann noch weniger wissen, wer Toby Gad ist: Der ist zwar einer der weltweit erfolgreichsten Musikproduzenten, der schon mit Beyoncé und John Legend zusammengearbeitet hat, doch hat er die Öffentlichkeit bisher so wenig gesucht, dass er Interviews eigentlich nur mit Musikfachmagazinen geführt hat. Offizieller, durchgestylter Instagram-Account? Auch hier eine Fehlanzeige.

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So steht also das Dreigestirn für die Staffel von „Deutschland sucht den Superstar“ 2022 – und verspricht mit einem versierten Schlagersänger, einer erfahrenen Countrysängerin und einem erfolgreichen Musikproduzenten Harmonie statt Konfrontation. Ob das die Einschaltquoten wieder steigen lässt, wird sich noch zeigen müssen.

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