Dopingexperte Seppelt: „Die Grauzone des Betrugs ist riesengroß“

  • Hajo Seppelt ist Deutschlands bekanntester Dopingexperte.
  • In einem neuen Buch beschreibt der ARD-Journalist die „Feinde des Sports“.
  • Im RND-Interview spricht er auch über die Bundesliga, Sportler als Opfer und Neugier als Triebfeder.
Jakob Buhre
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Herr Seppelt, Sie recherchieren seit vielen Jahren im Bereich Doping. Gibt es eine Sportart, die Sie als Zuschauer noch unbelastet genießen können?

Ich bin ja kein Sportfan. Deswegen stellt sich für mich die Frage nicht.

Aber Sie waren doch begeisterter Schwimmer und später Schwimmreporter ...

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Da habe ich eine Entwicklung durchgemacht. Ich habe mir früher noch Gedanken gedacht, wie man Schwimmwettbewerbe im TV besser überträgt, wie man einen Sport attraktiver macht. Heute sehe ich es eher als meinen Job, dazu beizutragen, dass die Zuschauer besser verstehen, was hinter den Kulissen passiert.

Wann waren Sie denn zuletzt Sportfan?

Ich denke, so 1974/75, mit elf oder zwölf Jahren. Damals war ich Hertha-Fan ...

... und sind auch ins Stadion gegangen?

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Ab und zu. Ich habe vor allem die Radioreportagen gehört, die fand ich toll, die haben bei mir den Wunsch geweckt, Reporter zu werden. Sport war aber nie etwas, wovon mein Seelenheil abhängt. Ich bin nicht mit Fanschal ins Stadion, ich hatte auch keine Dauerkarte. Den Sportjournalismus habe ich in erster Linie als handwerkliche Plattform gesehen. Ich habe in diesem Beruf so viel gelernt, von Moderation über Livekommentare für Radio und Fernsehen, Features produzieren ...

Inzwischen haben Sie mehr Journalistenpreise gewonnen als die meisten Sportler Medaillen. Ist der Journalismus Ihr Sport geworden?

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Ich bin auf jeden Fall ein leidenschaftlicher Journalist, ich bin auch extrem neugierig, schon immer gewesen. Selbst Freunde sagen mir, ich würde ihnen oft so bohrende Fragen stellen. 1985, nach meinem Praktikum beim SFB, meinte der damalige Hörfunk-Sportchef zu mir: „Sie können als freier Mitarbeiter bei uns bleiben – aber Sie sind ganz schön neugierig.“ Für mich war das nie ein „Aber“ – im Gegenteil: Neugier ist eine journalistische Tugend.

In Ihrem Buch „Feinde des Sports“ führen Sie eine anonyme Umfrage an, bei der 29 Prozent aller Teilnehmer der Leichtathletik-WM 2011 angaben, Dopingmittel genutzt zu haben ...

Genauer gesagt ging es darum, ob sie im Jahr vor der WM Dopingmittel zu sich genommen oder Dopingmethoden angewendet haben.

Lässt sich daraus ableiten, dass knapp ein Drittel der Leichtathleten Dopingmittel nimmt?

Die Zahl war vorsichtig geschätzt, es war eingerechnet, dass ein Teil der Befragten möglicherweise unwahre Angaben macht. Ein paar Monate später bei den Panarabischen Spielen in Doha waren es dagegen 45 Prozent der Teilnehmer. Aber egal, ob nun 20 oder 45 Prozent: Die Tatsache, dass bei Dopingkontrollen die Quote der positiven Tests bei 0,5 Prozent oder noch darunter liegt, steht in eklatantem Missverhältnis zu diesen Zahlen. Deswegen muss man davon ausgehen, dass die Grauzone des Betrugs und der Manipulation riesengroß ist. Und genauso müssen wir leider davon ausgehen, dass die Fernsehanstalten über Jahrzehnte hinweg dazu beigetragen haben, großflächig Sportbetrug zu übertragen.

„Lance Armstrong ist ein Feind des Kulturguts Sport“: ARD-Dopingexperte Hajo Seppelt.
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Trifft die Sender eine Verantwortung?

Nein, für den Betrug können die Sender ja nichts. Was ich aber schon sehe, ist, dass wir im Journalismus über viele Jahre nicht alle nötigen Fragen gestellt haben. Wenn man den Zuschauer nicht über Hintergründe aufklärt, sieht er nur den grünen Rasen. Er sieht nicht, wenn ein Sportler gedopt hat, bestochen wurde oder Wettbetrüger ist. Diese Seite des Sports gehört genauso erzählt. Und ich kritisiere, dass dazu jahrzehntelang geschwiegen wurde.

Wäre es denn richtig, von den TV-Sendern zu verlangen, von Doping betroffene Sportarten nicht zu übertragen?

Wir wissen ja nicht, ob die Leute dopen.

Wenn wir einmal das Paradebeispiel Tour de France betrachten ...

Ja, wir wissen, dass der Radsport ein massives Dopingproblem hatte und in Teilen noch immer hat. Und wenn der Radsportverband nichts dagegen unternimmt, würde ich schon sagen: Wir können das nicht übertragen, wir können dafür keine Gebührengelder ausgeben.

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Nachdem die ARD zwischenzeitlich ausgestiegen war, überträgt sie die Tour jetzt wieder.

Im Moment gibt es auch keine klaren Beweise dafür, dass dort großflächig manipuliert wird. Sollte dies der Fall sein und der Weltradsportverband schreitet nicht ein oder versucht gar, es zu vertuschen, hätte ich größtes Verständnis dafür, wenn die ARD wieder die Reißleine zieht.

Verlieren Sie den Respekt vor Sportlern, wenn sie gedopt haben?

Nein, nicht zwangsläufig. Ich sehe ja die Sportler nicht als das primäre Problem des Dopings im Spitzensport, wenngleich sie natürlich am Ende den entscheidenden Anteil dazu beitragen. Und ich würde unterscheiden: Einen Lance Armstrong sehe ich anders als einen Johannes Dürr. Armstrong ist für mich eindeutig Täter, da war so viel Eigenverantwortung dabei, er hat ein ganzes System geschaffen, von dem er sozusagen der Boss war.

Würden Sie Armstrong als „Feind des Sports“ bezeichnen?

Ja, in gewisser Weise schon. Er ist ein Profiteur des Sportsystems und ein Feind des Kulturguts Sport. Er beklagt Heuchelei, dabei hat er jahrelang selbst geheuchelt.

Und der Skilangläufer Dürr ist kein Täter, wenn er dopt?

Doch, aber er ist andererseits auch ein Stück weit Opfer der Verhältnisse geworden. Man muss ja auch sehen, dass das System der Abhängigkeiten im Spitzensport dazu beiträgt, dass Leute in diese Dopingfalle geraten. Doping hilft, ein Ereignis attraktiver zu machen, weil die Leistungen attraktiver sind. Das führt dazu, dass der Sportler, sein Manager, der Verband, die Sponsoren und die Ärzte profitieren, durch höhere Einschaltquoten, mehr Werbeeinnahmen, höhere Prämien und so weiter.

Im Buch erklärt Ihnen ein Radprofi die Dopingentscheidung als Weggabelung zwischen Wasserträger und Teamkapitän – und er fragt Sie, ob Sie ihm die Entscheidung für Doping übel nehmen.

Ich habe darauf keine eindeutige Antwort. Wenn ich zum Beispiel einen kenianischer Läufer sehe, der seine Familie ernähren muss, der aus einem kleinen Dorf stammt, wo es weder Strom noch fließend Wasser gibt – dann habe ich Verständnis dafür, dass er irgendwann sagt: Ich nehme jetzt Epo, damit ich beim Rennen das Preisgeld bekomme, womit ich meine Familie ernähren kann. Die Sportler zu Kriminellen zu machen ist mir ohnehin zu simpel, die Schwarze-Schafe-Theorie des Spitzensports ist aus meiner Sicht der falsche Weg. Wobei ich auch nicht stattdessen die Sportverbände beschuldige, so einfach ist es nicht. Es ist ein graues Milieu von vielen Verantwortlichkeiten – und als Journalisten müssen wir die benennen.

Wie bewerten Sie denn die Rolle der Verbände?

Natürlich sind die Sportverbände häufig quasi „Täter“ gewesen, weil sie Doping vertuscht haben, wie zum Beispiel in Russland. Die Verbände sind in einer Zwickmühle: Wenn sie wirklich aktiv gegen Doping kämpfen, erhalten sie dafür kein Lob, sondern bekommen gesagt: „Deine Sportart ist so verseucht, die können wir nicht mehr unterstützen.“ Aus meiner Sicht wäre es am besten, wenn der Sport sich nicht selbst kontrolliert, sondern von außen kontrolliert wird.

Aber geschieht das nicht schon? Agiert die Nationale Doping-Agentur (NADA) hierzulande nicht unabhängig von den Sportverbänden?

Die NADA sagt von sich selbst, dass ihr operatives Tagesgeschäft bezüglich der Dopingkontrollen weitgehend frei von Einflüssen der Verbände ist. Das würde ich ihr erst mal für die gegenwärtige Situation so glauben. Aber wie Verbände politisch Einfluss nehmen wollen auf Art und Umfang von Dopingbekämpfung im Sport, das ist eine andere Sache. Der organisierte Sport zahlt ja auch seinen Beitrag ins System ein und nimmt – aus seiner Sicht zu Recht – dafür in Anspruch, auch über die Gremien des Sports und der NADA mitreden zu dürfen. So sitzen Vertreter des Sports im Aufsichtsrat der NADA. In der Vergangenheit war das nicht immer unproblematisch.

Sie recherchieren häufig verdeckt: Wie schwierig ist es, einen „Dopingarzt“ und einen Lockvogel zusammenzubringen?

Das kann manchmal schnell gehen, aber auch schon mal Monate dauern, bis man den Fuß in der Tür hat. Früher war ich oft selbst der Lockvogel, in letzter Zeit ist es aber eher wie bei Wallraff, der ja auch ein Team von Leuten hat, die manche Tätigkeiten übernehmen. Am Anfang bekommt man Hinweise von Informanten, denen geht man nach, man checkt die Lage, schaut, in welchem Milieu man unterwegs ist. Ich denke, dass Hochleistungssport immer ein Stück weit ein Ritt auf der Rasierklinge ist: Die Leute gehen immer so weit, wie es gerade geht – und manchmal auch einen Schritt darüber hinaus.

Ihr Einreiseverbot nach Russland sorgte 2018 für Aufsehen. Können Sie im Moment wieder nach Russland reisen?

Ich habe im September 2018 noch mal versucht, ein Visum zu beantragen, habe aber keins bekommen.

Sie vergleichen in Ihrem Buch Doping mit dem Nichtbeachten der Straßenverkehrsordnung. Heißt das, ein dopingfreier Sport ist Utopie?

Genau. Es gibt ja auch keine Gesellschaft ohne Betrug, Raub und Mord. Die Frage ist nur: Welches Interesse hat der organisierte Sport, dieses Thema in den Griff zu kriegen? Was ist denen wichtiger: Der Sport oder die Illusion vom sauberen Sport? Ich würde behaupten, dass jahrzehntelang versucht wurde, die Illusion vom sauberen Sport als große Mär aufrechtzuerhalten.

„Über die Bundesliga reden wir, wenn die Zeit gekommen ist“: ARD-Dopingexperte Hajo Seppelt.

Hat sich die Situation denn bis heute noch verschlechtert?

Nein, ich denke, sie hat sich verbessert. Doping ist meines Erachtens heute nicht mehr ganz so weit verbreitet wie noch vor ein paar Jahren. Aber nicht, weil die Menschen besser geworden sind, sondern weil der Druck größer ist, weil genauer hingeschaut wird, auch von uns Medien. Die soziale Ächtung spielt eine größere Rolle. Dennoch passiert es auch 2019 noch, dass sich ein Max Hauke während der Ski-WM in Seefeld eine Nadel zum Zwecke des Blutdopings setzt.

„Doping, wenn es nicht auffliegt, kann ein lukratives Geschäftsmodell sein“: ARD-Dopingexperte Hajo Seppelt erhielt 2018 von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier den Bundesverdienstorden. © Quelle: picture alliance/dpa

Seit 2015 hat Deutschland ein Anti-Doping-Gesetz. Zeigt es schon Wirkung?

Ja, der Sportmediziner Mark Schmidt sitzt derzeit in Untersuchungshaft. Ich denke, die Ermittler sind eifrig bemüht, aber es ist eben auch unglaublich schwer, in das Dopingmilieu hineinzukommen.

Das Gesetz ergibt demnach für Sie Sinn?

Auf jeden Fall. Die Selbstreinigungskräfte des Sports haben über Jahrzehnte völlig versagt, insofern darf man sich jetzt nicht wundern, wenn er in diesen Belangen mehr von außen kontrolliert wird. Der Sport wird öffentlich subventioniert, vom Steuerzahler teilfinanziert, er ist ein Kulturgut der Gesellschaft. Ich finde es völlig in Ordnung, dass die Autonomie des Sports dort seine Grenzen hat, wo auf der einen Seite die Hand aufgehalten wird und es auf der anderen Seite heißt: Wir lassen uns nicht in die Karten gucken.

Würden Sie sagen, dass die Jagd nach Rekorden im Sport auch von den Medien gefördert wird?

Mit der Pauschalisierung „die Medien“ tue ich mich schwer. Aber ich kritisiere, wenn dieses „Höher, schneller, weiter“ permanent perpetuiert wird. Deswegen sage ich: Sportjournalismus braucht eine Intellektualisierung. Es ist so offenkundig, dass der Sport so viele essenzielle Probleme hat, die sich in der medialen Inszenierung über viele Jahre nicht widerspiegelten. Ich bedaure, dass es immer noch einige Kollegen gibt, die sich weit mehr als Entertainer in der Unterhaltungsindustrie des Sports denn als Journalisten präsentieren, unangenehme Fragestellungen umgehen und tatsächlich glauben, sie müssten wie Verkäufer eines Produkts agieren.

Ist die weite Verbreitung von Doping auch eine Folge des Turbokapitalismus?

Sicher. Wie auch andere Gesellschaftsbereiche hat man den Sport durchkapitalisiert und immer mehr dem ökonomischen Benefit untergeordnet. Da darf man sich über die Konsequenzen nicht wundern. Doping, wenn es nicht auffliegt, kann ein lukratives Geschäftsmodell sein.

Unter den Sportarten vermutlich am weitesten kommerzialisiert ist der Fußball. Finden Sie es richtig, dass dort die öffentlich-rechtlichen Sender, wie im Fall des ZDF und der Champions League, ab einem bestimmten Punkt aussteigen?

Ich finde, Sport im Fernsehen ist richtig und wichtig, weil er zum großen Feld der gesellschaftlich relevanten Güter gehört, die der öffentlich-rechtliche Rundfunk abbilden muss. Livesport muss es indes nicht immer sein. Natürlich sind TV-Sender die ideale Abspielfläche für Sponsoren, in dem Moment tragen wir zu der Spirale der Kommerzialisierung bei. Gleichwohl muss man sagen, dass es auch einen simplen, aber wichtigen Grund gibt, warum wir Livesport im TV zeigen: Weil es schlicht unterhaltsam für Millionen von Menschen ist. Manche Entwicklung im Sportbusiness ist natürlich vollkommen hanebüchen. Wenn 100 Millionen für einen Fußballer ausgegeben werden, frage ich mich auch, ob die Verhältnismäßigkeit noch gegeben ist. Und bei manchen astronomischen Summen, die für TV-Übertragungsrechte zu zahlen sind, stehe ich an der Seite derjenigen, die sagen: Das machen wir nicht mehr mit.

Warum gab es von Ihnen eigentlich noch keine Bundesliga-Recherche?

Die Behauptung, dass es keine Bundesliga-Recherche gab, will ich nicht bestätigen. Die Frage ist stets, was reif zur Veröffentlichung ist. Aber es stimmt schon, dass angesichts der vielen großen Recherchen der letzten Jahre Fußball nicht immer ganz oben auf der Prioritätenliste stand. Wir werden oft danach gefragt, was und ob wir zum Fußball recherchieren. Wir halten es dann stets so wie bei anderen Anfragen zu Recherchen: Darüber reden wir, wenn die Zeit gekommen ist.

Gehörte es für Sie schon mal zur Recherche, dass Sie echtes Dopingmittel ausprobieren?

Nein, Dopingmittel habe ich nie ausprobiert. Angst hätte ich keine, aber warum sollte ich? Das brauche ich nicht, um darüber zu berichten.

Kommt es vor, dass Kollegen Sie ermuntern, sich mit einer erfreulicheren Thematik zu beschäftigen anstatt ausschließlich mit Doping?

Ja, mich fragen manchmal Kollegen: Warum machst du nicht mal etwas Heiteres im Sport, berichtest einfach mal von anderen schöneren Dingen bei Sportevents? Die denken ja, dass mich der Sport als Ereignis noch interessiert. Das tut er aber nicht. Mich interessiert er als Phänomen und Spiegelbild gesellschaftlicher Verhältnisse. Ich bin bei vielen Olympischen Spielen gewesen, ich fahre dorthin, um zu arbeiten, aber nicht, weil ich Sportfan bin.

Aus Ihnen wird also kein Reisejournalist mehr ...

Nein. Ich denke, ich bleibe wohl, wo ich bin. Im Bereich Doping habe ich mir schon so viel Wissen angeeignet, verfüge über viel Informationen und Expertise – es wäre in anderen Ressorts jahrelange Arbeit von Grund auf nötig, um auch nur annähernd so viel Detailkenntnisse zu erwerben. Was ich alles mitgenommen habe in meinem bisherigen Journalistenleben, ist wertvoll, davon profitiere ich. Dazu kommen die Verbindungen zu etlichen Kollegen auf diesem Recherchegebiet über so viele Jahre. Und ganz wichtig inzwischen: auch die Verantwortung für mein Team mit tollen Kollegen, die sich entschieden haben, diese Themenfelder an meiner Seite zu beackern. Natürlich gibt es auch Tage, wo ich denke, die Geschichten wiederholen sich. Aber dann tauchen immer wieder Dinge auf, die mich überraschen und die spannend sind.