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„Dopesick“: Michael Keaton in der Disney+-Serie über die Opioidkrise

Das einzige Mädchen in der Mine: Betsy (Kaitlyn Dever) verletzt sich nach einem Steinschlag im Bergwerk den Rücken schwer. Um ihre schwere Arbeit durchzustehen, ist sie bald auf Oxycontin angewiesen.

Oxycontin. Vergleichsweise wenige wissen, dass ein amerikanisches Pharmaunternehmen in den Neunzigerjahren seine Kundschaft mit diesem Schmerzmittel systematisch vergiftet hat. Dass Purdue Pharma mit der Lüge, ihr Schmerzkiller würde nicht süchtig machen, Legionen von Patienten zu Junkies machte.

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„Ich kann nicht glauben, wie viele tot sind“, sagt der Landarzt Samuel Finnix (Michael Keaton) 2006 in seiner Anhörung vor Gericht über seine Patienten. Er hat den Minenarbeitern von Virginia in seiner Praxis gutgläubig Purdue-Pillen verschrieben, um ihre Glieder- und Rückenschmerzen wegzubekommen, und damit letztendlich nur den Gewinn der Gierigen erhöht, seine Klientel zu noch Schlimmerem verdammt.

Natürlich möchte man als Zuschauer oder Zuschauerin dem schmierigen Anwalt eine reinhauen, der die Schuld den Nutzern zuschiebt. Man würde ja auch nicht die Brauerei Budweiser fürs Bier verklagen, nicht wahr? Breites selbstgefälliges Grinsen. „Mein Klient verdient einen Nobelpreis.“

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Danny Strong (Produzent der Hip-Hop-Saga „Empire“) ist der Showrunner, der verdiente Barry Levinson („Rain Man“, „Wag The Dog“) führte Regie bei Hulus brisanter achtteiliger Serie „Dopesick“, die in Deutschland bei Disney+ startet und von der den Medien vorab drei Episoden zur Sichtung überlassen wurden.

Es ist nicht das erste Mal, dass die Opioidkrise Thema im Streaming ist. Das auf Beth Macys Sachbuch „Dopesick – Wie Ärzte und die Pharmaindustrie uns süchtig machen“ (Heyne, 464 Seiten, 22 Euro) basierende Drama dürfte freilich ungleich mehr Publikum ziehen als die HBO-Doku „The Crime of The Century“ (in Deutschland auf Amazon Prime Video) des wagemutigen Filmers Alex Gibney – schon allein wegen der herausragenden Besetzung.

Eine Serie, die keine Nebenbeschäftigung duldet

Freilich: Die Geschichte ist komplex, die Hin-und-Her-Zeitsprünge durch drei Jahrzehnte (Entwicklung, Verbreitung, Verbrechen, Verbrechensbekämpfung, Prozess) sind trampolinartig schnell und man muss arg achtgeben, um als Zuschauer oder Zuschauerin synchron zu springen. Diese Serie will Aufmerksamkeit, sie will kein abendliches Co-Programm sein zu Parallelquasselei und Smartphone-Surfen.

In den ersten Minuten wird das Verbrechen skizziert. Mit der sauertöpfischen Miene, die „Your Honor“- und „Boardwalk Empire“-Star Michael Stuhlbarg während der gesamten Serie nicht ablegen wird, verkündet der Unternehmersohn Richard Sackler seiner Familie die Grundlage für eine Geschäftsidee, die ihm zunächst nur Spott und Kritik einbringt. Aus dem bereits 1916 in Frankfurt erfundenen Opioid Oxycodon will er den erfolgreichsten Schmerzbekämpfer Amerikas machen. „Die Zeit ist gekommen, die Natur des Schmerzes neu zu definieren“, sind die großspurigen Auftaktworte der Serie. Aus Oxycodon wird Oxycontin, aus den gut laufenden Geschäften von Purdue Pharma bald schon ein Milliardenimperium.

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Blick in eine Welt wie vor 80 Jahren

Auf der anderen Seite des Kapitalismus steht die ärmliche Welt der Bergleute in Virginia. Die junge Betsy (Kaitlyn Dever), die Frau, die ihrem Städtchen gezeigt hat, dass die harte Arbeit unter der Erde kein Männervorrecht ist, verletzt sich bei einem Steinschlag im Schacht den Rücken schwer. Nachts kann sie kaum noch schlafen, während der Schicht wird ihr die Arbeit immer mehr zur Qual. Das Oycontin, das der wohlwollende Arzt Finnix ihr verschreibt, hält, was es verspricht, nur nicht lang genug – wogegen es bald höher dosierte Tabletten gibt.

Es ist eine alte, konservative, gläubige Welt, in der Betsy ihre lesbische Geliebte verschweigen muss, weil das in den Appalachen nur Probleme gibt. Es ist eine Welt wie vor 80 Jahren, in der ihre Eltern abends vor dem Bett knieend um Gutes für ihre Tochter beten. Man setzt auf Ehrlichkeit, und das tut Finnix auch, als Billy Cutler (Will Poulter) auftaucht, einer der Drogenhändler von Purdue.

Billy ist bestens geschult, er wickelt die Landeier mit Geschenken und Jovialität ein, mit Anbiederung und überzeugenden Schulungsinhalten, die Finnix indes zunehmend spanisch vorkommen. Purdue schafft nicht nur lukrative Anreize für die Verkäufer, die Droge aggressiver und ohne jede Rückfrage zu bewerben, sondern setzt auch zögerliche Ärzte und Apotheker unter Druck, droht ihnen mit Prozessen.

In der Kampagne stecken Korruption und Verbrechen

Aus der Kampagne wird ein verbrecherisches System: Regierungsorganisationen wie die FDA, die amerikanische Arzneimittelbehörde, werden korrumpiert – gegen Empfehlung des Medikaments gibt es später einen fünfmal so hoch dotierten Posten bei Purdue. Anerkannte Schmerzspezialisten werden gegen üppige Honorare aufs Rednerpult von Seminaren gebeten, um mit ihrem Eintreten für Oxycontin skeptische „Verteiler“ zu überzeugen. Angeblich unabhängige Schmerzsozietäten wie „Partners against Pain“ erweisen sich später als bis zu 100 Prozent im Besitz des Pharmariesen Purdue.

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„Undercover-Propagandaabteilungen“ werden sie von den Staatsanwälten Rick Mountcastle (Peter Saarsgard) und John Hoogenakker (Randy Ramsmeyer) genannt. Deren Ermittlungen bringen die Scheußlichkeiten peu à peu zutage. Die Wahrheit gegen das große Geld durchzusetzen, ist indes ein extrem zähes Geschäft, das weiß man nicht erst seit Gerechtigkeitskino wie „Insider“ (1999) und „Erin Brockovich“ (2000). Auch Bridget Meyer (Rosario Dawson), Agentin der DEA, der Drogen-Strafverfolgungsbehörde, muss das erfahren. Als ein Schüler an Oxycontin stirbt, der ihr zuvor verriet, seine halbe Klasse sei „drauf“, wird ihr Kampf zu etwas Persönlichem.

Der Bösewicht wirkt wie einem Cartoon entsprungen

Das alles ist semifiktional, mit tatsächlichen und erfundenen Charakteren, von denen manche ausgefeilte Charaktere sind, andere nur grob skizziert und der „Bösewicht“ Richard Shackler gar, als sei er einem Cartoon entsprungen. Gelegentlich wird allzu sehr ausgeschmückt, gelegentlich verirren sich Dialoge aus dem Reich der Seifenoper ins Drama. Doch bald schon haben Levinson und Strong ihr Publikum am Haken. Man will als Zuschauerin oder Zuschauer, dass das Verbrechen ans Licht gezerrt wird, dass die, denen das Leben der anderen so gleichgültig ist, alles verlieren und zeitlebens durch vergitterte Fenster blicken mögen. Danny Strong versteht seine Serie als den eigentlichen Prozess an eines gerechten Prozesses statt.

Inzwischen ist Purdue zwar zerschlagen, musste, um die zahllosen Klagen beizulegen, 4,5 Milliarden Dollar bezahlen – indes nur einen Bruchteil ihrer Gewinne. Die Familie Sackler ist immun, wirtschaftet neu weiter und die mehr als 500.000 Toten in den USA und das Glück ihrer Familien kehren nicht zurück. Die Opioid-Epidemie geht weiter. Billiges Fetanyl aus China beherrscht zurzeit den US-Markt. China – so weit das Auge und das Leid reicht.

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Deutschland blieb wohl ähnlich Schlimmes erspart

Einiges ist uns in Deutschland wohl erspart geblieben. Dorthin wollte Richie Sackler Oxycontin zurückbringen. Aber sein Bruder winkt ab: „Wir können nicht um die deutschen Gesetze herummanövrieren. Die Deutschen glauben nicht an Opioide. Sie glauben, dass der Schmerz zum Heilungsprozess gehört.“ Und dann fragt er: „Warum suchst du dir ausgerechnet Deutschland aus, das Land mit den striktesten Regeln, um eine Droge unkontrolliert verbreiten zu können?“

„Genau deswegen“, antwortet Sackler, und schwärmt, dass nach einer Zulassung in Deutschland Purdue ganz Europa offenstünde. Ein endloses Sich-dumm-und-dusslig-Verdienen an Leid und Tod. Und wie er da steht vor einer stilisierten Weltkarte an der Wand seiner Firma, erinnert er irgendwie an Charlie Chaplin als großer Diktator Adenoid Hynkel, der in seiner Reichskanzlei mit dem Globus jongliert. „Wir heilen die ganze Welt“, seufzt Richie. Auch das klingt vertraut.

„Dopesick“, acht Episoden, von Danny Strong, Regie: Barry Levinson, mit Michael Keaton, Peter Sarsgaard, Michael Stuhlbarg, Rosario Dawson (ab 12. November bei Disney+)

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