„Domina“: neue Sky-Serie über die mächtigste Frau im alten Rom

  • Opulent gefilmt, zuweilen zu schwach beleuchtet und historische Eckdaten mit historischer Spekulation und Drama füllend: Die Sky-Serie „Domina“ (ab 3. Juni) erzählt die Geschichte der Livia Drusilla an der Seite von Kaiser Augustus.
  • Vor allem die Livia-Darstellerinnen Nadia Parkes und Kasnia Smutiak halten den Zuschauer bei der Stange.
  • Zuweilen nervig: Die alten Römer fluchen wie (britische) Kesselflicker.
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Kein Diktator will er sein, lieber schon ein Gott, das flüstert Gaius Octavius seiner Livia Drusilla im Trailer ins Ohr. Ganz sicher ist er sich, dass das Volk von Rom einen Einzelherrscher in Kauf nimmt als Gegenleistung für Frieden. Die Römer seien krank vom vielen Krieg, so sieht es der erste Kaiser der ersten, der julischen Dynastie.

Livia Drusilla, die Patriziertochter, stapft zu Beginn der Serie „Domina“ mit kunstvoll aufgeschminktem Schmuddel als römischer Teenager durch den Wald, schnappt sich einen Stein und schlägt jemandem den Schädel ein (später wird dieser Mord – dann als heldenhaft-emanzipatorische Errettungstat erkennbar - noch ausführlicher zu sehen sein). Nachts im Dunkeln, flüstert Livias Stimme aus dem Off, kämen die Toten zu ihr. Viele hätte sie umbringen „müssen“, aber „den ersten vergisst du nie“.

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Mit ihr und Augustus werden sich also zwei Herzen, eine Seele finden in der Sky-Original-Serie „Domina“, die 44 vor Christus mit der Ermordung von Gaius Julius Caesar anhebt. Es sind Zeiten der langen Messer, der republikanische Konsul Marcus Tullius Cicero etwa wird auf der Flucht aus seiner Sänfte gezerrt und getötet. Einfach so. Köpfe rollen und werden in die Kamera gehalten. Rom war in jenen Umsturzzeiten noch mejr als sonst ein Reich des Schwerts.

Früher war „femina“ in Filmen meist Randfigur

Die ewige Stadt respektive das antike Weltreich waren schon mehrere Male ansprechend TV-dramatisiert worden - in der HBO-Serie „Rom“ (2005) und zuletzt ziemlich erfolgreich auch in Netflix‘ „Barbaren“ (2020). Witzig überdreht war „Britannia“ (2017) und – zwar theaterhaft (und schon ziemlich TV-antik), dafür aber immer noch sehenswert ob der darstellerischen Leistungen - „Ich, Claudius, Kaiser und Gott“ (1976). Jetzt kommt also der längst fällige Gender-Ausgleich, die Geschichte von Augustus‘ Gattin Livia Drusilla (58 v. Chr. - 29 n. Chr.). Der Fokus liegt erstmals auf den Frauen des Imperiums.

In Hollywoods brokaten kolorierten alten Monumentalfilmen war „femina“ mit Ausnahme von Elizabeth Taylors „Cleopatra“ (1963) stets Randfigur gewesen - entweder züchtige, gemeinhin verfolgte Frühchristin (Jean Simmons als Diana in „Das Gewand“ - 1953) oder verruchte Kaisergattin (Susan Hayward als Messalina in „Die Gladiatoren“ - 1954, Patricia Laffan als Poppaea in „Quo Vadis?“ - 1951). Der triviale Heilige-Hure-Gegensatz. In „Domina“ ist das Frauenbild deutlich komplexer.

Wobei - Frausein damals war nichts Berühmtes, das unterschlägt auch diese Serie nicht. Die Männer Roms schrieben Geschichte, kamen, sahen, siegten und unterhielten einander auf der Liege mit ihren Ruhmestaten. Frauen wurden geheiratet, geschwängert, brachten im besten Fall männliche Erben zur Welt.

Und Gebären war lebensgefährlich. Vor jeder Geburt fragten sich Frauen - wie die vom Kinderkriegen erschöpfte Octavia in der Serie - ob sie sich aus der Niederkunft auch wieder erheben würden. „Es ist, als würde man eine Statue ausscheißen“, erklärt eine junge römische Mutter bildhaft. Und als die junge Livia Drusilla von ihrer zweiten Schwangerschaft (von ihrem ersten Mann Tiberius Claudius Nero) erfährt, zerschlägt sie das Geschirr, schreit ihre Wut und Angst zum Himmel, womit sie bei den Göttern bloß diese Strafe verdient habe. „Verrückt“ nennt sie ihr Mann.

Livia Drusilla hat das Rüstzeug zu einer Heldin bekommen

Aber Livia ist anders als die römischen Mädchen – ihr demokratisch-republikanisch gesinnter, deshalb in der Serie leider früh verröchelnder Vater Livius Claudianus (unser geliebter „GoT“-Zwiebelritter Liam Cunningham) hat sein einziges Kind manngleich erzogen und unterrichtet. Sie hat Wissen in Diplomatie und Staatskunst, das geistige Rüstzeug zu einer großen Laufbahn und sie steigt wider aller Wahrscheinlichkeit zu der ersten wahrhaft mächtigen Frau Roms auf, an der Augustus (als junger Mann gespielt von Tom Glynn-Carney, als älterer von Matthew McNulty) zeitlebens (52 Jahre Ehe) festhalten wird. Augusta wird Livia genannt und sogar „vergöttlicht“ werden.

Obwohl sie Augustus keine eigenen Kinder gebärt, wird Tiberius, ihr Sohn aus erster Ehe, als Stiefsohn des Augustus Kaiser werden, wird sie Ahnin aller weiteren julischen Cäsaren – von Caligula über Claudius bis Nero. Burke zeigt, wie Livia bei der fiktiven ersten Begegnung sofort ins Herz des jungen Octavius, später ins Herz der Macht rückt, er lässt aber keinen Zweifel daran, dass die Macht der „Herrin“ weitgehend von der Position des Kaisers abhing. Die beiden Darstellerinnen spielen Aufstieg und Herrschaft souverän, sie sind der dominierende Grund, dieser Serie, die die geschichtlichen Eckdaten mit viel dramatischer Erfindung anfüllen muss, treu zu bleiben.

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Und Nadia Parkes (junge Sturm-und-Drang-Livia) und Kasia Smutniak (die ältere abgebrühtere Kaiser) könnten für die Sandalenserien werden, was Emilia Clarke als Daenerys „Khaleesi“ Targaryen in „Game of Thrones“ fürs Fantasy-TV wurde.

Zuweilen ist es in den Villen der Serie arg dunkel

Rom ist romantisch anzuschauen - liegt in pittoreskem Dunst, ein monumentaler, bildschöner Moloch, über dessen rote Ziegeldächer Vögel ziehen. Die Serie ist erkennbar groß budgetiert, wiewohl einem diese Erkenntnis nicht sofort dämmert, denn ein Großteil der ersten Episode liegt im Dunkel. Nur ein paar Kerzen brennen in dieser oder jener Villa, weniger Licht herrscht hier als einst in Stanley Kubricks „Barry Lyndon“ und an gelegentlichen Sexgeräuschen ist zu erahnen, dass gerade wieder einmal eine Toga- und Tunika-freie Freizeitgestaltung erfolgt.

Mit einem riesigen Vogelschwarm geht dann die Morgensonne auf und man hofft nach 30 Minuten, die Schauspieler jetzt bald mal erkennen zu können (bevor in der dritten Folge mit einem Zeitsprung von einem Dutzend Jahren ein kompletter Ensemblewechsel stattfindet).

Die Römerinnen und Römer fluchen wie die Kesselflicker

„Domina“-Autor Simon Burke („Fortitude“, „Strike Back“) glaubt, die heutigen Zuschauer unter anderem mit heutigem Vokabular an die Serie binden zu können. Viel „Fuck!“ und „fucking!“ ist da zu hören, die Römerinnen und Römer der Serie fluchen wie die Kesselflicker - in Netflix‘ „Barbaren“ hatte man das Problem gelöst, indem man die Römer witzigerweise Latein parlieren ließ (manche Germanen hatten dagegen einen österreichischen Zungenschlag).

Auch Straßenverkehr und Wasseranschluss sind Gesprächsthemen und da bekommt das ernst gemeinte Historiendrama in seiner Halbjetzigkeit immer wieder mal höchst alberne Züge. Sprachliche Anlehnungen an die Gegenwart schadeten auch anderen Serien wie jüngst Netflix‘ Fantasyserie „Shadow & Bone“. Sie werfen den Betrachter aus der Illusion. Nur wo sie bewusst als Stilmittel eingesetzt werden - wie in der norwegischen Wikinger-Comedy „Norsemen“ - geht die Rechnung auf.

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Schlachtenszenen stehen bei aller Frauenpower übrigens nicht zu vermelden, weil es schlichtweg keine Legionärinnen, Zenturioninnen, Feldherrinnen gab. Ohne Drachenfliegerinnen wie in“GoT“ oder Schildmaiden wie in „Vikings“) fehlt „Domina“ zwar einiges an cineastischer Wucht. Dafür bekommt Livia andere Abenteuer, etwa die Befreiung ihrer in ein Bordell entführten Sklavin Antigine (Melodie Wakivuamina, Colette Dalal Tchantcho). Deren Besitzerin spielt die große Isabella Rosselini - langweilig wird es hier keine Sekunde.

„Domina“, acht Folgen, bei Sky, von Simon Burke, mit Kasia Smutniak, Nadia Parkes, Tom Glynn-Carney, Colette Dalal Tchantcho, Liam Cunningham, Claire Forlani (ab 3. Juni)

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