Doku „The Dissident“: Ein Staatsmord zum Mitfiebern

  • In seiner Doku „The Dissident“ rekonstruiert Bryan Fogel ab dem 5. Juli bei Sky den Staatsmord, dem der saudische Reporter Jamal Khashoggi zum Opfer fiel.
  • Das ist zwar manchmal aufdringlich, aber schon wegen seiner Wahrhaftigkeit fesselnd.
  • Jan Freitag hat reingeschaut.
Jan Freitag
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Wenn Staatsmänner heimlich Profikiller in Konsulate fremder Nationen entsenden, die missliebige Kritiker bei lebendigem Leib zerteilen, verscharren, womöglich in Säure auflösen – wo würde man solche Räuberpistolen wohl vermuten: in Actionthrillern, Spionageromanen, Weltkriegsberichten oder Königshäusern von, sagen wir, Saudi-Arabien? Bis vor drei Jahren wäre Antwort d zwar denkbar, aber zu absurd gewesen. Doch dann kam der 2. Oktober 2018 und die Welt erfuhr von einem Verbrechen, das bis heute seinesgleichen sucht.

Damals wurde der Reporter Jamal Khashoggi beim Versuch, sich im Istanbuler Konsulat seiner früheren Heimat Hochzeitspapiere zu besorgen, von Profikillern, die ihm Saudi-Arabiens Kronprinz Mohammed bin Salam auf den Hals gehetzt haben dürfte, zerteilt, verscharrt, womöglich in Säure aufgelöst. Klingt zu irre, um wahr zu sein? Nicht in einer verrückten Zeit wie unserer, die gerade Zeugin einer Flugzeugentführung wurde, mit der Weißrusslands Diktator einen Regimekritiker völkerrechtswidrig vom freien Himmel holte.

Bis vor drei Jahren wäre die Doku „The Dissident“, die bei Sky und Amazon Prime zu sehen ist, also spekulatives Raunen am Rande der Realfiktion gewesen. Jetzt aber sieht man der akribischen Rekonstruktion benebelt zu und spürt in jeder Minute, die die NGO Human Rights Foundation nicht ohne Grund von der Produktionsfirma Orwell Films drehen ließ, wie banal ausgedachte Räuberpistolen im Vergleich mit der Wirklichkeit sind. Hier beginnt sie im Arabischen Frühling.

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Nur langsam kommen die Hintergründe ans Licht

Es war jener Moment, als der unbequeme, aber loyale Korrespondent Khashoggi erstmals auf Distanz zur sunnitischen Kleptokratie ging. Ein Abstand, den Donald Trumps Waffendeals Mitte 2017 so vergrößerten, dass er ins US-Exil ging, um dort vom Dissidenten über den Aktivisten zum Gegner der Herrscher daheim zu werden. Wie im oscarprämierten Dokumentar­experiment „Ikarus“ über das russische Staatsdoping bei den Olympischen Winterspielen 2014 wühlt Regisseur Bryan Fogel also tief im Dreck retrofuturistischer Diktaturen und fördert dabei strahlend hellen Dreck zutage.

Dank aussagekräftiger Zeugen vom einfachen Polizeiermittler, der in Riads Istanbuler Vertretung Mordspuren sucht (und findet), bis zum damaligen CIA-Direktor Brennan, der über Staatsterrorismus sinniert (und recht behält), tastet sich Fogel sorgsam an die Hintergründe der real existierenden Horrorshow heran. Virtuos verknüpft er öffentlich zugängliche Bildaufnahmen mit geheim gehaltenen Tonspuren zum Organigramm einer offiziell reformwilligen, informell veränderungs­resistenten Tyrannei und dringt mithilfe seines Kronzeugen Omar Abdulaziz Alzahrani tief in ein System vor, das den tödlichen Druck auf die eigene Bevölkerung in alle Welt exportiert wie Öl und Prinzen.

Gefühlsduselige Haltung

Hier jedoch büßt die sehenswerte Doku ein wenig ihrer investigativen Kraft ein. Wenn Fogel Archivbilder Khashoggis zeigt, in denen ihm ein Kater auf den Schoß springt und jemand aus dem Off „der sucht wohl Wärme“ flötet, tauscht der investigative Filmemacher aus Colorado seine Neutralität gegen gefühlsduselige Haltung ein. Gleiches gilt für Interviews mit Khashoggis Verlobter, die beim Spaziergang durch türkische Waldlandschaften vom Opfer schwärmt, als spreche sie mit RTL II.

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Dieses musikverklebte Pathos wird durch ein Voice-over noch gesteigert, dessen Sound nicht mehr nur dramatisierende, sondern fast infiltrierende Wirkung hat. Wenn die Kamera Khashoggis Kollegen Alzahrani durchs kanadische Exil folgt, klingt er traurig, verzweifelt, ängstlich oder aufgeregt, obwohl das Original emotionslos vom Aberwitz des Unrechts berichtet. Der allerdings ist trotzdem bis zur letzten von 118 Minuten so fesselnd, dass ein paar Geigen kaum stören.

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