Hier ist (nicht) alles super! Die formidable Marvel-Serie „Wanda Vision“ bei Disney+

  • Die Serie „Wanda Vision“ ist auf den ersten Blick „Verliebt in eine Hexe“ à la Marvel.
  • Die Scarlet Witch Wanda Maximoff und ihr Ehemann Vision leben in der ersten echten MCU-Serie (streambar ab 15. Januar bei Disney+) in einer magischen Soap samt Publikumsgelächter.
  • Aber sie ahnen, dass etwas mit ihrer Welt „Truman Show“-artig falsch ist.
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Neun Folgen gibt es. Drei nur wurden zwecks Sichtung zur Verfügung gestellt. Da ist es etwas verfrüht, von einem Wunderwerk zu sprechen. In jedem Fall aber, das weiß man bereits nach zehn Minuten, ist „Wanda Vision“, die erste echte Serie aus dem Marvel Cinematic Universe („Agents of the S.H.I.E.L.D.“ zählt nicht wirklich), das Gewagteste, das je aus dem Haus des Spinnenmanns kam.

Und die Serie lässt auch all die miesepetrigen Binger etwas geschmeidiger werden, die dem Streamingportal Disney+ notorisch unterstellen, außer dem formidablen „Mandalorian“ liefe dort „nichts Gescheites“. Wie die Abenteuer des ritterlichen „Star Wars“-Kindergärtners wird auch die Geschichte von Wanda alias Scarlet Witch und dem Maschinenmenschen Vision in angenehmen, halbstündigen Häppchen serviert.

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Das funktioniert, auch wenn Sie, werter Zuschauer, sich gemeinhin nicht auf Übermenschen mit lustigen Namen einpegeln können, die in seltsamen Gewändern sehr spezielle Fähigkeiten zum Zwecke der Weltrettung ausüben, sondern bei heroischen Taten von Spider-Man, Iron Man oder des Hulk stets von dem Gefühl geflutet werden, hier finde gerade etwas überaus Lächerliches statt.

Denn das Grundgenre der Superheldenstory „Wanda Vision“ ist (besser: scheint) die Komödie zu sein, das Format ist die Sitcom, jene Art von Fernsehunterhaltung, bei der ein Studio (oder Tonbandpublikum) dem TV-Zuschauer durch Gelächter signalisiert, dass er jetzt in Selbiges einstimmen müsse. Wie in den klassischen „magic sitcoms“, den Seifenopern mit übernatürlichem Gehalt – „Verliebt in eine Hexe“, „Bezaubernde Jeannie“ oder „Immer wenn er Pillen nahm“ – müssen besondere Leute ihre Besonderheit vor der neugierigen Nachbarschaft verbergen.

Niemand in Westview darf merken, dass Wanda Maximoff Telekinese, Levitation und eine Art chaotischer Magie beherrscht. Und dass Vision ein Roboter ist, der durch Wände gehen an, käme als Erkenntnis auch nicht gut in der Schwarz-weiß-Fernsehserien-Vorstadtwelt, die das Paar in der ersten Episode frisch bezieht. Geschweige denn, dass bei Wanda eine Schwangerschaft innerhalb einer halben Stunde zur Niederkunft führt, ihre Geburtswehen Störche ins Wohnzimmer zaubern und das Platzen der Fruchtblase einen innergebäudlichen Wolkenbruch verursacht.

Die Ereignisse, so wurde vorab bekannt, spielen nach denen des letzten „Avengers“-Kinofilms „Endgame“. Und so sind Marvel-Maniacs stärker auf der Hut als gänzlich unvorbereitete TV-Novizen, die sich in der Welt, die aus den Comics kam, nicht auskennen. Denn Vision, der von Tony „Iron Man“ Stark erschaffene Android ist eigentlich seit dem letzten „Avengers“-Film „Infinity War“ tot, ums Leben gebracht durch den monströsen Grobian Thanos, der ihm den Infinitystein aus der Stirn riss (Insiderwissen, bitte nicht davon beunruhigen oder gar abschrecken lassen!). Die im selben Film gestorbene Wanda kehrte in „Endgame“ zurück, was Vision versagt blieb. Was man hier sieht, kann also gar nicht sein, oder?

Was man sieht? Heile Welt pur. Es gibt klassische Sitcom-Momente wie das abenteuerliche Dinner des Pärchens mit Visions mürrischem Chef und seiner auf Appeasement gepolten Gattin, abendlich vertrautes Plaudern in brav getrennt aufgestellten Ehebetten und Hausfrauengespräche mit der Nachbarin, wie man den Ehmann erfreuen und romantisch stimmen könnte. Und gelegentlich befremdet Vision dann seine Umgebung mit der Behauptung „I don’t eat food“ (als er dann doch von einer Männerrunde einen Kaugummi annimmt, bringt ihn das in allerschönste Kalamitäten).

Aber das Idyll, in das Wanda sich unbedingt „einpassen“ möchte, bekommt bald Risse. Der Knopf in einem TV-Werbungsposter glüht plötzlich rot, Wanda findet einen bunten Spielzeughubschrauber in ihrem schwarzweißen Garten – ein Effekt, den schon Gary Ross in seiner Sitcom-Hommage „Pleasantville“ (1998) nutzte. Und warum kraucht plötzlich ein von Bienen umschwirrter, gruseliger Imker aus dem nächtlichen Vorstadtkanal?

Immer mal wieder spult dann eine Geisterhand die Handlung zurück (wie bei Michael Hanekes Thriller „Funny Games“) und beim zweiten Durchlauf wird dann das Seltsame ausgeblendet, verschwinden die Zweifel wieder, klinken sich Wanda und Vision aufs Neue in das allgemeine Vorstadtidyll ein. Doch bald ist das Misstrauen der beiden so groß wie das von Truman Burbank in Peter Weirs Reality-TV-Satire „Truman Show“, ein Gefühl, nicht die wirkliche Wirklichkeit zu bewohnen. Jeder in Westview scheint irgendetwas zu verbergen.

Und dann erinnert sich Wanda, wie Vision von einer Amnesie über das Davor befallen, urplötzlich an ihre Vergangenheit, das Land Sokovia, ihre Familie: „Ich hatte einen Bruder – Pietro. Er wurde von Ultron getötet“, erzählt sie der Nachbarin Geraldine. Das geschieht zum Ende der dritten Episode. Und, verflixt: Man will unbedingt wissen, wie es weitergeht. Und fühlt sich ausgebremst, weil es mehr vorab nicht gab.

Elizabeth Olsen und Paul Bettany sind köstlich in diesem Comedyspektakel. Und das Format der Seifenoper, erfolgreich von „I Love Lucy“ der Fünfzigerjahre bis zuletzt mit „Modern Family“, funktioniert auch für Superhelden bestens, wobei die Serie scheinbar die weniger aus den Filmen als aus Jahrzehnten Comiclektüre bekannte Fähigkeit der Scarlet Witch feiert, die Wirklichkeit zu verändern. Ist alles, was wir sehen und was zu sein scheint, um es mit Edgar Allan Poe zu formulieren, nur eine Vision in Wandas Kopf?

Antworten demnächst, eine grobe Vorstellung von des Rätsels Lösung gibt einem die Schlussszene der dritten Episode. Erstmal flutscht man musikalisch munter von der Rock-’n‘-Roll-Ära der Coasters nahtlos in die frühen Sechzigerjahre der Beach Boys. Und wird Wanda schwanger, als „Help Me Rhonda“ ein Hit ist (nicht nur Vision fragt sich, wie ein Roboter schwängern soll), gebärt sie ihre Zwillingssöhne mitten in den Flowerpowerzeiten. Die Monkees singen dazu „Daydream Believer“. Jetzt ist alles in Farbe – auch visuell wird es einem niemals langweilig in dieser Welt.

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Aus Sidekicks der „Avengers“- und „Captain Marvel“-Filme sind spannende Hauptcharaktere geworden. Und von der zuletzt absehbaren und auch ein wenig aufgeblasenen Erzählweise der Kinofilme (wer bitte traut sich, die Handlung von „Avengers: Endgame“ nachzuerzählen?) sind die Marvels unter Produzent Kevin Feige zu Wagnis und Risiko vorgestoßen. Mögen Marvels Kinofilme gewaltig, alle Sinne erschlagende Blockbuster sein – „Wanda Vision“ ist das größere Kino.

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„Wanda Vision“, bei Disney+, neun Episoden, von Jac Schaeffer, Regie: Matt Shakman, mit Paul Bettany, Elizabeth Olsen, Randall Park, Kathryn Hahn (streambar ab 15. Januar)

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