Diskriminierung im Fernsehen: Reden wir mal über Stefan Raab

  • Streaminganbieter wie Netflix und HBO haben mehrere diskriminierende Serien und Filme aus dem Programm genommen.
  • Aber auch die deutsche TV-Branche hätte einiges aufzuarbeiten, findet unser Autor.
  • Da wäre nicht zuletzt das Wirken und Schaffen von Stefan Raab.
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Hannover. Die Rassismusdebatte hat die Streamingdienste erreicht: Gleich mehrere Anbieter haben praktisch über Nacht Filme oder gleich ganze Serien aus dem Programm genommen. Der Grund: Sie vermitteln rassistische Klischees.

Betroffen ist davon etwa die Serie “Little Britain”, die künftig nicht mehr bei Netflix und der BBC zu sehen ist. In der Produktion wird die rassistische Tradition des “Blackfacing” praktiziert – also: Weiße Darsteller schmieren sich schwarze Farbe ins Gesicht, um mit rassistischen Klischees das Publikum zu belustigen. Die Serie steht zudem für ihre Darstellung von Transpersonen in der Kritik.

Auch der Filmklassiker “Vom Winde verweht” aus dem Jahre 1939 ist künftig nicht mehr beim US-Dienst HBO Max zu sehen. Dieser zeigt ein romantisiertes Bild von Sklaverei und den US-amerikanischen Südstaaten während des Sezessionskriegs.

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Diskriminierung im deutschen Fernsehen

In der Film- und Fernsehbranche ist nach dieser Entscheidung längst ein Glaubenskrieg entbrannt – und über allem schwebt die Frage: Ist dieser Umgang mit den Filmen und Serien der richtige? Sollte man sie tatsächlich verbannen, weil sie sich rassistischen Mitteln bedienen? Und wenn ja: Warum passiert das erst jetzt? Oder sollte man sie nicht gerade deshalb zeigen? Als eine Art Geschichtsstunde? Weil das “damals halt so war”?

Ich habe lange versucht, für mich selbst (als weißer Mann) eine Antwort darauf zu finden – und bin dabei ausgerechnet bei Stefan Raab hängen geblieben. Das mag zunächst etwas ungewöhnlich klingen, denn Stefan Raab hat (zumindest meines Wissens) in seiner Karriere weder Schwarze beleidigt noch legendäre Fernsehserien gedreht. Aber: Auch die deutsche TV-Branche hat in Sachen Diskriminierung jede Menge Leichen im Keller – und einiges aufzuarbeiten. Und dafür muss man gar nicht bis ins Jahr 1939 zurückgehen. Ein Beispiel.

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Video
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RND-Videoredakteurin Lea Drabent spricht zum internationalen Tag gegen Homo-, Bi-, Inter- und Transphobie mit Maike-Sophie Mittelstädt und Rachel Rentz.  © Matthias Schwarzer/RND

Schwulenfeindlichkeit in Dauerschleife

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In den 2000er-Jahren war es eine absolute Selbstverständlichkeit, sich im Fernsehen über Schwule und Lesben lustig zu machen. Und Stefan Raab kämpfte dabei an vorderster Front. Exemplarisch möchte ich hier einen Einspielfilm der Rubrik “Raab in Gefahr” zeigen, bei der der Entertainer ein schwul-lesbisches Fußballturnier besucht – und der noch heute auf dem offiziellen Youtube-Kanal seiner Produktionsfirma zu finden ist.

In 4:33 Minuten tut Raab nichts anderes, als ein homofeindliches Klischee nach dem anderen aufs Spielfeld zu werfen. Er äfft Spieler und Linienrichter nach, macht in einer Tour sexuelle Anspielungen: “Mittendrin statt nur dabei” ist da noch der harmloseste Spruch. Zwei Sanitäter fragt er, ob sich die Spieler denn schon eine “Rosettenzerrung” zugezogen hätten – einem anderen händigt er einen “Kicker” aus, auf dem das Wort “Ficker” steht. Als sich ein Maskottchen zu nah an Raab stellt und seine Hände auf die Schultern legt, springt dieser angeekelt weg. Einem älteren Herren unterstellt Raab, er stehe ja nur am Spielfeldrand, um den Jungs mal “an den Popo zu packen”.

Schwulenfeindlichkeit gehörte bei Stefan Raab über Jahre hinweg zum Pflichtprogramm. Ohne Kontext, nur für den Gag – und dann auch gerne in Verbindung mit Vergewaltigungsfantasien. Das begann schon beim Warm-up seiner Sendungen. Da wurde das Publikum gewarnt, dass man sich ja in Köln befinde und nach der Sendung bloß mit dem Hintern zur Wand den Weg zum Bahnhof nehmen solle. Spätestens ab diesem Zeitpunkt war die Stimmung im Studio auf dem Höhepunkt und die Sendung konnte beginnen.

Raabs Schwulenfeindlichkeit ist ein bedeutendes Zeitdokument: Denn das kollektive und permanente Veralbern einer Minderheit zur besten Sendezeit dürfte eine ganze Generation von jungen Schwulen und Lesben in den 2000er-Jahren um ihr Coming-out gebracht haben. Sie waren im Fernsehen schließlich immer nur die Trottel, die nicht Fußball spielen konnten und gleich über jeden herfielen, der nicht bei drei auf den Bäumen war.

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Videos werden noch immer gefeiert

Zugleich gab es im selben Fernsehen kaum Role Models als Gegenstimme: Zwar war da die schrille Hella von Sinnen und der noch schrillere Dirk Bach, doch die schwulen Apple-Chefs und Serienstars kamen erst sehr viel später – als Stefan Raab längst weg war.

Heute lässt sich ziemlich gut nachprüfen, was von Raabs Witzen bleibt. Der Entertainer selbst gilt heute als TV-Legende, als jemand, auf dessen Comeback man seit Jahren wartet – während seine Opfer möglicherweise noch heute unter den Folgen leiden. Und sein Video von damals? Das hat inzwischen fast eine Million Aufrufe, wird noch immer gefeiert.

In den Kommentarspalten auf Youtube beömmeln sich auch im Jahr 2020 noch Menschen über die platten Witze des Entertainers. Einer schreibt: “Eingelocht wird später in der Duschkabine.” Ein anderer stellt fest: “Heutzutage braucht man gar keine Schwulen-WM. Es reicht, sich die Bundesliga anzugucken – wie die bei jeder Kleinigkeit rumheulen.” Ein weiterer schreibt: “Damit machen sich die ganzen Tunten noch lächerlicher, als se eh schon sind.”

Man muss schon ziemlich weit scrollen, bis ein Kommentar wie dieser erscheint: “Wie widerlich. Stefan Raab sollte sich schämen. Das hier ist vom Niveau ungefähr so, als würde man Menschen afrikanischer Herkunft mit Bananen hinterherlaufen und Affengeräusche machen – lustig? Nein, pure Diskriminierung und Ausgrenzung. (...) Aktionen wie diese haben maßgeblich dazu beigetragen, dass Deutschland bei den Menschenrechten für LGBTIQ gegenüber anderen entwickelten Staaten so viele Jahre hinterhergehinkt ist.”

Rassismusproblem auch in deutscher TV-Branche

Womit wir wieder beim Thema Rassismus wären. Auch da hätte die deutsche TV-Branche einiges aufzuarbeiten. Auch hierzulande sind deutsche Comedians mit schwarz angemaltem Gesicht durch TV-Shows gehüpft, etwa Oliver Pocher im Jahr 2016, als er sich im Sat.1 Frühstücksfernsehen als Jerome Boateng verkleidete. Schauspieler mit Migrationshintergrund beschweren sich derweil seit Jahrzehnten, dass sie in TV-Produktionen stets die Bösewichte spielen müssen – die Rollen der Helden haben schließlich bereits weiße Männer inne. Das ist übrigens kein Problem von “früher”, sondern noch heute akut.

Doch wie gehen wir jetzt mit diesen belasteten Produktionen um? Fest steht: Die Probleme gehen nicht weg, wenn man die fragwürdigen Shows, Serien und Filme einfach online lässt – in der Hoffnung, dass ihre Konsumenten das schon verstehen mögen. Denn das tun sie nicht. Das zeigt nicht zuletzt das Beispiel Stefan Raab.

Ebenso wenig dürfte es aber helfen, die Produktionen einfach zu löschen. Denn das mag vielleicht für den Moment ein starkes Signal sein, hat aber mit Aufarbeitung nichts zu tun. Diese Produktionen sind Zeitdokumente, auch im negativen Sinne – und man darf sich ruhig mal daran erinnern.

Historischen Kontext erklären

Eine Darstellung mit Kontext wäre ein guter Mittelweg. Der Sender HBO hat versprochen, den Klassiker “Vom Winde verweht” später mit einem Vermerk zur historischen Einordnung wieder ins Programm aufzunehmen. Auch beim Streaminganbieter Disney+ sind bei alten Zeichentrickproduktionen derartige Hinweise zu finden.

Ein bisschen mehr als eine kurze Bildtafel wäre hier aber wünschenswert. Was spräche beispielsweise gegen einen dreiminütigen Teaser zu Beginn oder zum Ende eines solchen Films? Eine Einordnung, wie die Szenen entstanden sind, warum und in welchem historischen Kontext.

Bei Stefan Raab könnte da beispielsweise stehen: “Hier sehen Sie einen der größten deutschen Entertainer, wie er 4:33 Minuten lang Lesben und Schwule beleidigt. Historischer Kontext: Das hat man im Jahr 2001 hier so gemacht.”

“Staat, Sex, Amen”
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