Der Bundesabkanzler Dieter Bohlen macht Schluss bei „DSDS“ – es war höchste Zeit

  • Nach 19 Jahren ist es vorbei: Dieter Bohlen steigt als Chefjuror bei „Deutschland sucht den Superstar“ aus.
  • Auch bei „Das Supertalent“ ist Schluss. Damit endet eine grelle, laute Fernsehära.
  • Doch seinen Zenit hatte Bohlen als Bundesabkanzler längst überschritten.
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Wenn Mozart noch leben würde, hat Dieter Bohlen mal nur halb im Scherz gesagt, dann „würde er so was Ähnliches machen wie ich“. Das gelte auch für „Bach oder Beethoven“. Bach, Beethoven, Bohlen – darunter macht es der Macho aus Tötensen nicht, das hat er nie getan. Grandiose Selbstüberschätzung? Provokationslust eines Erfolgssüchtigen? Das wusste man bei Bohlen nie so genau.

Nun aber ist Schluss: Nach 18 Staffeln steigt der 67-Jährige als Chefjuror der RTL-Kinderbeschimpfung „Deutschland sucht den Superstar“ aus, ebenso bei der sachverwandten Sause „Das Supertalent“. Das „DSDS“-Finale am 3. April wird sein letztes sein. Eine neue Jury solle „frische Impulse setzen“, teilte RTL mit. Man bedanke sich bei Bohlen für seine „maßgebliche Beteiligung“ am langjährigen Erfolg. Das klingt kühl bis nüchtern. Man hat sich nicht mehr viel zu sagen.

„Du wirst dein ganzes Leben lang ein scheiß erfolgloser Friseur sein“

Neunzehn Jahre lang hat er als schmerzfreier Dilettantendiffamierer („Du wirst dein ganzes Leben lang ein scheiß erfolgloser Friseur sein“) mit wechselnden Schmuckblondinen an seiner Seite die Jugend des Landes flächendeckend erniedrigt – als feixender Geburtshelfer diverser zur Sexbombe hochgerüsteter Teenager, deren Name in den meisten Fällen schon Geschichte war, bevor das Glitzerkonfetti den Studioboden erreicht hatte. Aneta Sablik? Mehrzad Marashi? Alphonso Williams? Jemand?

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Aber es ging ja nie um Musik. Oder um Talent. Es ging darum, vor Ehrgeiz zitternden Geschöpfen die Regeln des popkulturellen Neoliberalismus einzubimsen – das passte formidabel zum Ich-AG-Zeitgeist der Nullerjahre, genau wie Heidi Klums ähnlich gelagerte Modelsause nebenan bei Pro Sieben. Die Spielregeln waren spätestens seit der zweiten Staffel jedem Teilnehmer geläufig: Du willst ins Licht? Dann gefalle! Dann zieh dich bis an die Grenze des moralisch Vertretbaren aus und sei bereit zu öffentlicher Erniedrigung.

Nackter Wille führt ins Paradies des Ruhms

Klum und Bohlen – beide sind Drillinspektoren in ihren angejahrten TV-Boot-Camps, die unermüdlich mit dem falschen Versprechen locken, nackter Wille und aggressives Leistungsethos führten direkt ins Paradies des Ruhms – solange du bereit bist, dich bis zur Unkenntlichkeit zu verbiegen. Und auch mal im Bikini zu singen. Dass der Turboruhm nicht trägt, wenn er Menschen ans Licht spült, die das Versprechen, das ihre Macher gaben, am Ende nicht einhalten können – geschenkt.

Platz zwei bei „Die 100 nervigsten Deutschen“: Dieter Bohlen als Chefjuror bei „Deutschland sucht den Superstar“ (DSDS). © Quelle: Guido Kirchner/dpa

„Könnt ihr dem Dieter Bohlen mal gepflegt den Arsch versohlen?“

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Es gab Zeiten, in denen „Bild“ in Retro-Reporterschrift „Bohlens Geheim-Pläne für ‚DSDS’“ auf der Titelseite vermeldete – als gehe es um Wunderwaffen im Zweiten Weltkrieg. Es gab Zeiten, in denen Stefan Raab als Gast bei „Wetten, dass..?“ per Ukulele-Rabigramm die Klischko-Boxbrüder grinsend zur Bohlenbekämpfung aufrief („Könnt ihr dem Dieter Bohlen / mal gepflegt den Arsch versohlen? Er schreibt immer die gleichen Lieder / drum brecht ihm alle Glieder“). Kaum ein Weg führte an dem 1953 geborenen Mann vorbei, der es vom Bauernhof seiner Eltern Hans und Edith Bohlen in Berne bei Elsfleth zum Einser-Abi und bis auf Platz zwei im Pro-Sieben-Lästerwettbewerb „Die 100 nervigsten Deutschen“ geschafft hat – hinter Daniel Küblböck.

12,8 Millionen Menschen sahen 2002 das erste „DSDS“-Finale, das Alexander Klaws gewann. Man dachte damals noch, man sei Zeuge des Urknalls einer Karriere. Schnell zeigte sich: Irrtum. Der Weg ist das Ziel. Zuletzt guckten noch drei Millionen zu. Das Finale 2020 holte die niedrigste Quote in der jungen Zielgruppe aller Zeiten (mit dem Sieger – na? – Ramon Roselly). „Menschenverwertungsmaschinen“ seien solche Sendungen, schimpfte Marianne Rosenberg einst. Als Erwachsener müsse man sich fragen, „womit wir die Gehirne unserer Kinder verkleistert haben“. Kurz darauf kleisterte sie fleißig mit – als gut bezahltes Jurymitglied von „DSDS“.

Der plötzliche Durchbruch als Blitzausweg aus Plattenbau, Berufsschulelend und Prekariat

Bohlen war es zuletzt immer wichtiger, dass ihn kein Mitjuror überstrahlte. Also setzte er sich farb- und arglose Stichwortgeber wie Nina Eichinger und Volker Neumüller an die Seite. Doch sein Zenit als Rummelreizfigur, als Hofkomponist und Oberzampano der Boulevardmaschinerie war längst überschritten. Das geigenumflorte RTL-Getue um die Liebeswirren und Egotrips der als Popstar verkleideten Ballermann-Kundschaft wirkte seit Jahren wie aus der Zeit gefallen. Ausgerechnet Bohlen, der eiskalte Ausbeuter von Teenie-Träumen, gerierte sich knapp zwei Jahrzehnte lang als Anwalt der Chancenlosen. Das war natürlich immer grober Unfug. Sein sozialdarwinistisches Kulturverständnis, wonach der plötzliche Durchbruch auf der Bühne als Blitzausweg aus Plattenbau, Berufsschulelend und Prekariat taugt, war nur eine nützliche Lüge.

Dummschlaue Ahnungslosigkeit: Dieter Bohlen vor einem „Deutschland sucht der Superstar“-Logo. © Quelle: imago images/Marion Vogel

Das Bohlen-Prinzip („Du klingst wie Kermit, wenn einer hinten drauftritt“) ist Vergangenheit. „DSDS“ steht sinnbildlich für ein Menschenbild, bei dem nicht die Lust am kreativen Chaos zelebriert wird, sondern eine dummschlaue Ahnungslosigkeit, die zeitweise höchst unterhaltsam war als Fremdschamgenerator und Quell des guten Gefühls, nicht ganz so selbstbesoffen und arm dran zu sein wie die bedauernswerten Hascherl, die auf dem Studiostern vor der Jury stehend das Mikrofon in der Hand und sich selbst für Gottes Geschenk an die Menschheit halten. Auch das „Supertalent“, die Fortsetzung des Kuriositätenkabinetts des 19. Jahrhunderts mit den Mitteln des Trashfernsehens, folgt den Gesetzen der Aufmerksamkeit um jeden Preis. Bohlen war (Geld-)Vermögen immer wichtiger als das musikalische Vermögen seiner Schützlinge.

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Ende einer gesellschaftlichen Giftinjektion

Die Bohlen-Ära endet. Sie steht für eine gesellschaftliche Giftinjektion, die den deutschen Alltag greller, schärfer, verletzender und anstrengender gemacht hat. „Wir müssen drastischer sein“, forderte der damalige RTL-Unterhaltungschef Tom Sänger 2013. Das hat er umgesetzt. „DSDS“ und „Supertalent“ haben unter Bohlen Schamgrenzen gesenkt, Geschmacksbarrieren niedergerissen, Unterhaltung zur Primärtugend erklärt und allerhand Tabus gebrochen. Sie haben als postmoderne Vaudevilleshow Kunstfurzern, Penismalern, Kehlkopfsängern, Wassergurglern und anderen Knallchargen eine Bühne geboten. Man konnte sich darüber empören, aber Empörung bringt ja nichts.

Die 15. Staffel von „Das Supertalent“ startet im Herbst diesen Jahres, die 19. Staffel von „Deutschland sucht den Superstar“ dann im Januar 2022. Beide dann ohne den Krawalljuroren. 2021 erweist sich damit als das Jahr, in dem sich maßgebliche Protagonisten der alten Bundesrepublik verabschieden: Jogi Löw steigt nach knapp 15 Jahren als Bundestrainer aus, Angela Merkel nach 16 Jahren als Bundeskanzlerin und Dieter Bohlen nach 19 Jahren als Bundesabkanzler. Es war Zeit.

Disclaimer: In einer früheren Version des Textes hatten wir den Bauernhof von Dieter Bohlens Eltern in Berne bei Elsfleth nach Ostfriesland verlegt. Er liegt natürlich im Landkreis Wesermarsch.

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