Die viel zu kurze Kultserie: Warum wir „Fleabag“ niemals wiedersehen werden

  • Die Serie „Fleagbag“ hat unzählige Preise abgeräumt und eine eingeschworene Fanbase.
  • Und: Sie ist unglaublich kurz. Im vergangenen Jahr endete die Produktion mit Phoebe Waller-Bridge nach nur zwei Staffeln, was viele Fans ratlos zurückließ.
  • Für den ewigen Abschied gibt es jedoch gute Gründe.
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Hannover. Sich von einer Lieblingsserie zu verabschieden, ist schwierig. Aber geradezu zermürbend ist der Kummer, wenn eine Lieblingsserie endet, bevor sie überhaupt richtig angefangen hat. Fans von „Fleabag“ dürften dieses Gefühl kennen.

Die preisgekrönte Serie von und mit Phoebe Waller-Bridge ist bereits im vergangenen Jahr auf Amazon Prime Video zu Ende gegangen. Nach nur zwei Staffeln und auf ihrem Höhepunkt. Dass sie jemals zurückkehren wird, scheint aussichtslos. Waller-Bridge hatte erst kürzlich gegenüber dem „Mirror“ deutlich gemacht, die Protagonistin der Serie sei „erschöpft“. „Ich glaube, wir müssen sie gehen lassen. … Sie hat eine Menge durchgemacht. Aber wir werden alle wieder zusammenarbeiten, also wird etwas vom ‚Fleabag‘-Geist zurückkommen“, wird die 35-Jährige zitiert.

Was diesen „‚Fleabag‘-Geist“ ausmacht, ist für Nicht-Zuschauer der Serie nur schwer zu erklären. Einen Versuch ist es trotzdem wert. Denn „Fleabag“ gehört mit zum Besten, was derzeit auf den Streamingdiensten zu finden ist. Auch, wenn das Vergnügen mit der Serie nur kurz ist und neu gewonnene Fans mit einer gehörigen Portion Schwermut wieder zurück in die Leere entlassen werden. Seien Sie also schon mal vorgewarnt: Wer sich auf „Fleabag“ einlässt, wird irgendwann unweigerlich fallen gelassen. Das ist nicht schön, hat aber gute Gründe.

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Was ist „Fleabag“?

„Fleabag“ basiert auf einem Ein-Personen-Theaterstück von Hauptdarstellerin Waller-Bridge, das sie ab 2013 in Edinburgh und später in London und New York aufführte. Darin erzählt die Hauptdarstellerin Fleabag (was grob mit „Mistvieh“ oder „unangenehme Person“ übersetzt werden kann) Anekdoten aus ihrem Leben als Millennial in London. Und dieses Leben besteht vor allem aus allerhand absurden Begebenheiten mit ihrer herrlich bekloppten Familie und häufig wechselnden Sexualpartnern.

Die Serie greift dieselben Geschichten auf wie das Theaterstück, doch das Ensemble ist hier weitaus größer: Neben der Hauptfigur tauchen auch Fleabags neurotische aber supererfolgreiche Schwester (Sian Clifford), deren schmieriger Mann Martin (Brett Gelman), der Vater der beiden (Bill Paterson) und dessen neue Liebe (Olivia Colman) auf. Fleabags Mutter lebt nicht mehr, ebenso ihre beste Freundin Boo, die jedoch immer wieder in Rückblickszenen auftaucht. Der Grund dafür wird im Laufe der ersten Folgen klar.

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Waller-Bridge selbst beschreibt die Protagonistin der Serie als eine Frau, die „unerbittlichen Humor, sexuelle Offenheit und Ehrlichkeit einsetzt, um Sie von der Tatsache abzulenken, dass sie tatsächlich mit einer ganzen Menge Schmerzen zu tun hat“. Fleabag selbst ist egoistisch und selbstzerstörerisch, man schließt sie trotzdem nach anfänglichem Fremdeln in sein Herz.

Kein klischeehaftes Frauenbild

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Die Geschichten von Fleabag sind derweil ein Wechselbad der Gefühle – darum dürfte die Serie im inoffiziellen Genre der „Dramedy“ anzusiedeln sein. Die herrlich bizarren Alltagssituationen und das rumeplige, egoistische Verhalten der Hauptfigur werden aufgebrochen durch all die Dramen. Der Tod von Boo, der Tod der Mutter, das schlecht laufende Café, die fürchterliche Schwiegermutter. Die Serie erzählt von Trauer, Wut und fürchterlichen Lebensentscheidungen. Mal lacht der Zuschauer lauthals, dann schießen ihm wieder die Tränen in die Augen.

Kritiker loben derweil die komplexe Frauenrolle der Protagonistin. Sie ist weit entfernt vom klischeehaften Frauenbild, das sonst so über die Fernsehbildschirme flimmert. Laut Waller-Bridge sei Fleagbag nicht perfekt und voller Fehler, werde vom Publikum aber trotzdem gemocht. „Ich hoffe, dass die Show die Art und Weise verändern wird, wie wir vermeintlich ‚fehlerhafte‘ oder ‚unsympathische‘ Frauen sehen”, so die Schauspielerin in einem Interview.

Eine weitere Besonderheit der Serie: Die Begebenheiten zwischen Fleabag, ihrer Familie und ihren häufig wechselnden Männern werden nicht einfach nur erzählt, sondern fortlaufend zynisch von der Hauptfigur kommentiert. Dafür durchbricht diese die sogenannte vierte Wand, spricht also immer wieder direkt den Zuschauer an.

Der Zuschauer als Freund

Diese kurzen Einwürfe wirken manchmal einfach nur lustig, manchmal aber auch wie eine Flucht der Hauptfigur zu einem Seelenverwandten. Immer dann, wenn sie die Menschen um sich herum einfach nicht mehr erträgt und ihren Frust ablassen muss. Wirkt die Hauptfigur in den ersten Folgen noch wie die unsympatischste Person auf dem Planeten, wird der Zuschauer im Laufe der Zeit zu einer Art bestem Freund. Und genau das macht das Loslassen auf Dauer auch so schwer.

Die vierte Wand ist eigentlich ein altbekannter Trick aus Filmen und Serien – und gilt spätestens seit „House of Cards“ als abgenutzt. Waller-Bridge allerdings schafft es, das Stilmittel auf eine neue Ebene zu heben. Fans spekulieren, dass der Zuschauer der Hauptfigur als Ersatz für ihre beste Freundin Boo dient, die in einer Zeit vor Beginn der Serie auf tragische Weise ums Leben kommt.

Als Fleabag dann in der zweiten Staffel auf einen „heißen Priester“ trifft, durchschaut dieser jedoch die kurzen Abwesenheiten und Smalltalks mit dem Zuschauer – und bringt die Protagonistin dabei völlig aus dem Konzept. Die Szene ist in gewisser Weise auch der Anfang vom Ende der Serie. Denn an dieser Stelle endet auch Fleabags unbeständiges Liebesleben, und sie verliebt sich. Eine verbotene Beziehung, die geradezu perfekt erscheint – wäre da nicht diese Sache mit Gott.

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Keiner hat einen Namen

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Eine weitere Ungewöhnlichkeit der Serie ist der Umgang der Autorin mit Namen. Tatsächlich trägt nämlich kaum eine der Figuren einen. Der Name Fleabag, der im Übrigen auch nicht mehr als ein Spitzname sein dürfte, wird in der gesamten Serie nicht einmal so genannt. Auch die Namen ihres Vaters, ihrer Stiefmutter und diverser Affären werden nicht bekannt. Diese Besonderheit endet ebenfalls in völliger Absurdität, als Fleabags Stiefmutter zum Ende der Serie anderen Hochzeitsgästen ihren Mann vorstellen will. Sie gerät ins Stocken und sagt dann: „Gott, wie merkwürdig. Ich nenne dich immer nur ‚Liebling‘.“

Einer der wenigen bekannten Namen ist der von Fleabags Schwester Claire. Warum das so ist, wird ebenfalls im Laufe der zweiten Staffel deutlich: Claire trifft auf Klare, ein Arbeitskollege aus Finnland, in den sie sich verliebt, während sie noch mit Schmierlappen Martin zusammen ist.

Durch die Serie ziehen sich diverse solcher Running Gags. Kleine Anspielungen, die teilweise im Laufe der Erzählung tiefere Bedeutungen entwickeln. Da ist diese nackte Statue, die Fleabag ihrer Stiefmutter stiehlt und die fortan immer wieder in der Geschichte auftaucht. Und da ist dieser Fuchs, vor dem der namenlose Priester furchtbare Angst hat und der ihn förmlich zu verfolgen scheint. Auch hier wird erst später klar, was all das eigentlich zu bedeuten hat.

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Warum es keine Fortsetzung geben wird

Die gesamte Serie „Fleabag“ ist voll von kleinen Easter Eggs. Und wegen genau dieser Liebe zum Detail macht es so einen großen Spaß, sie immer und immer wieder zu gucken. Oftmals begreift man erst beim zweiten und dritten Schauen, wie winzige, zunächst völlig unbedeutende Begebenheiten eigentlich gemeint sein könnten. Manchmal bleiben sie auch ein ständiges Rätsel und bieten unendlich viel Raum für Spekulationen. In Onlineforen diskutieren Fans miteinander die wildesten Theorien.

Eine dieser Theorien ist aber leider auch, warum „Fleabag„ wohl nie eine Fortsetzung bekommen wird. Das Portal „Insider“ seziert ein einem siebenminütigen Youtube-Video bis ins kleinste Detail die zweite Staffel der Serie. Hier wird deutlich, wie sich Kameraeinstellungen, Musikauswahl und Schnitte plötzlich ändern, als Fleabag auf ihren „heißen Priester“ trifft – und leider auch, warum die Protagonistin ihre Zuschauer, die vierte Wand, allmählich loslassen muss.

Dass irgendwann mal genug ist, erkennt aber auch der Laie, wenn er die letzten Szenen von Fleabag schaut. Am Ende der Serie sitzt die Protagonistin allein an einer Bushaltestelle. Ihr Ziel laut Anzeigetafel: der letzte Bus in die Dollner Avenue. Dabei handelt es sich offensichtlich um einen kleinen Wink an den Editor der Serie, Gary Dollner. Dass die Anzeigetafel der Haltestelle schließlich auf „cancelled“ springt, verstehen Fans als Zeichen, dass es mit der Serie an dieser Stelle endgültig vorbei ist.

Ein Gesamtkunstwerk, das man nicht berührt

Kurz darauf verlässt Fleabag den Ort zu Fuß nach Hause. Die Kamera folgt, wie in jeder Folge zuvor auch. Doch Fleabag dreht sich um, lächelt und schüttelt dann den Kopf. Sie gibt der Kamera zu verstehen: bis hier und nicht weiter. Dann läuft sie allein in die Nacht, ohne ihren besten Freund, den Zuschauer.

Versteht man die vielen kleinen Anspielungen, versteht man auch, dass „Fleabag“ nicht einfach nur eine Serie ist, die uns grob fallen lässt. „Fleabag“ ist ein in sich abgeschlossenes Gesamtkunstwerk. Eines, das uns mit Trauer, vielleicht sogar Wut und mindestens Unvollkommenheit zurücklässt. Und trotzdem ist es ein Kunstwerk, das genau so ziemlich perfekt ist. Und an dem man nicht einfach so herumpinseln sollte.

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