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„Die Unschuldsvermutung“ – ZDF-Komödie mit Ulrich Tukur nimmt #MeToo allzu leicht

  • Ein übergriffiger Dirigent bekommt die Abrechnung.
  • In der ARD-Komödie „Die Unschuldsvermutung“ (8. September, 20.15 Uhr, ARD) wird #MeToo zur allzu leichten Unterhaltung.
  • Daniela Golposhin, Lara de Boer, Marie-Christine Friedrich und Catrin Striebeck kennen kein Pardon mit dem von Ulrich Tukur gespielten Casanova.
Martin Schwickert
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Stardirigent Marius Atterson (Ulrich Tukur) ist ein eitler Gockel, der es gewohnt ist, sich zu nehmen, was oder wen er will. Das gilt für die prestigeträchtigen Engagements, die dem ehemaligen Schüler Herbert von Karajans zufliegen, aber auch für die jungen Frauen, die er mit Genieaura und der Hartnäckigkeit eines Eroberers umgarnt.

Der Einfluss des Künstlers macht ihn scheinbar unangreifbar

Galanterie und Anzüglichkeiten gehen hier Hand in Hand. Das Ansehen und die Macht des großen Künstlers scheinen ihn unangreifbar zu machen. Aber mit der „Unschuldsvermutung“ ist nun Schluss in der österreichischen TV-Komödie dieses Titels, die die #MeToo-Debatte in den hochkarätigen Opernbetrieb hineinträgt. Atterson soll bei den Salzburger Festspielen den „Don Giovanni“ dirigieren und reist hierzu mit seiner betagten „Maman“ (Christine Ostermayer) an, die ihn zu all seinen Auftritten begleitet. Zur Entourage des Meisters gehört auch die Agentin Ada Lubovsky (Daniela Golpashin), die neu auf Attersons To-do-Liste steht und von ihrem Chef mit zunehmender Aufdringlichkeit umworben wird.

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Eher im Ausklingen befindet sich die Affäre mit seiner begabten Meisterschülerin Karina Samus (Laura de Boer), die für den Stardirigenten die Orchesterproben leitet und gerade von ihm schwanger geworden ist. Die beiden Frauen haben sich hinter seinem Rücken schon längst gegen den selbstgefälligen Casanova zusammengetan. Als die Enthüllungsjournalistin Franziska Fink (Marie-Christine Friedrich) sich zu ihnen gesellt, beschließen die drei Frauen, Atterson das Handwerk zu legen. Fransiska soll den Lockvogel spielen und mit versteckter Kamera dem übergriffigen Dirigenten Geständnisse entlocken – das hat ja in der „Ibiza-Affäre“ schon so gut geklappt.

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Derweil herrscht auch bei den Proben das blanke Chaos. Enfant-Terrible-Regisseur Roth (Simon Schwarz) bleibt in einem cholerischen Anfall stecken und wird in die Psychiatrie verfrachtet. Das Ruder übernimmt die nicht weniger angespannte Beate Zierau (Catrin Striebeck), die fünf Jahre lang mit Atterson verheiratet war und mit ihrem Ex in innigem Hass verbunden ist. Auch sie will abrechnen und prügelt den Dirigenten mit Boxhandschuhen in die Arbeitsunfähigkeit – was man bereits zu Beginn des Films in einer dieser beliebten vorweggenommenen Szenen sieht, die in Kino und TV inzwischen zum Standard gehören.

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Regisseur Sturminger nimmt sich die klassische Screwball-Komödie zum Vorbild

Im Stil einer klassischen Screwballcomedy inszeniert Michael Sturminger seine Komödie über den Sturz eines übergriffigen Stardirigenten. Gerade in diesem Segment des Kulturbetriebes ist die männliche Vorherrschaft noch fast ungebrochen. Am Dirigentenpult eines Festspielbetriebes sind Frauen mindestens so selten vertreten wie in den Vorstandsetagen eines Börsenunternehmens.

„Mit fernsehverdaulicher Leichtigkeit arbeitet „Unschuldsvermutung“ an der Entmachtung dieser Strukturen. Dazu gehört auch, dass Tukur den Harvey Weinstein des Opernbetriebs nicht als Monster spielt, sondern als alten weißen Mann, der nicht wahrhaben will, dass seine Zeit vorbei ist. Das bleibt alles im leicht spielerischen Rahmen und wächst an keiner Stelle über ein #MeToo-Light-Lustspiel hinaus.

Da hätte man auch im TV-Format ein wenig mehr Biss erwarten können, ohne ein Quotendesaster befürchten zu müssen.Vielleicht liegt das auch daran, dass Autor und Regisseur Sturminger sich ein wenig zu gut in der Szene auskennt. Er hat selbst schon an der Wiener Staatsoper sowie bei den Salzburger Festspielen Opern und Operetten inszeniert, verfügt sichtbar über profundes Insiderwissen, aber möglicherweise nicht über genügend Distanz, um die Grenze zum Bitterbösen zu überschreiten.

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Dass der Film dennoch mehr als solide unterhält, liegt an dem beherzt aufspielenden Ensemble, aus dem vor allem Catrin Striebeck als wunderbar furiose Regiediva und beseelte Rachegöttin herausragt.

„Die Unschuldsvermutung“, mit Ulrich Tukur, Catrin Striebeck, Laura De Boer, Daniela Golpashin, am 8. September um 20.15 Uhr in der ARD

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