Ein paar Hippies mehr oder weniger? – Netflix zeigt die Thrillerserie „Die Schlange“

  • Ein Mörder aus Pragmatismus und Verachtung – „Looming Tower“-Star Tahar Rahim spielt die Titelrolle in der BBC-Serie „Die Schlange“, die derzeit bei Netflix zu sehen ist.
  • Um ungehindert reisen zu können, tötete der Kriminelle Charles Sobhraj in den Siebzigerjahren in Thailand kaltblütig Hippies.
  • Die Regisseure widmen ihren Film allen Jugendlichen, die damals auf dem Weg zu ihren Träumen für immer verschwanden.
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Der Safe ist leer, der Polizeioffizier in Bangkok schwer genervt. Keine Pässe von den angeblich toten Hippies, keine Beweise gegen den Juwelenhändler Alain Gautier oder Charles Sobhraj, wie der Beschuldigte wirklich heißt. „Die Schlange“ ist entglitten, und während sie für sich und ihre Gespielin und Komplizin Marie-Andrée Leclerc im pakistanischen Karachi ein neues „Nest“ baut, ist ihr Jäger, der niederländische Botschaftsangehörige Herman Knippenberg am Ende seines Lateins. Er dreht ein wenig durch, reißt Seerosen aus dem Botschaftsteich, zielt nächtens mit der Pistole auf seine Frau Angela und wird schließlich von seinem Dienstherrn in Urlaub geschickt: „Verschwinden Sie aus Bangkok, und kommen Sie wieder zur Vernunft.“ Dabei hatte man die ganze Zeit über eigentlich nur Held Herman (und seine Mitstreiter) im Verdacht, selbige walten zu lassen.

Es ist eine wahre Geschichte, die die Regisseure Tom Shankland („The Missing“) und Hans Herbots sowie die Autoren Richard Warlow und Toby Finlay dem geneigten Thrillerpublikum erzählen – mit ein paar notwendigen Fiktionen – um mehr Drama reinzubekommen und lebende Personen zu schützen. Mindestens zwölf junge Thailand-Reisende hatte Charles Sobhraj, in Frankreich aufgewachsener Sohn eines Inders und einer Vietnamesin, in den Jahren 1975 und 1976 mit Medikamenten krank gemacht, betäubt und umgebracht. „Schlange“ nannte man Sobhraj für seine Kunstfertigkeit des Sichentziehens und – im Fall von Inhaftierungen – der Flucht, „Bikini-Mörder“, weil sein erstes Opfer einen Bikini trug. Für das nötige Vertrauen sowohl der Geschäftspartner als auch der späteren Opfer sorgte seine Gefährtin Anne-Marie mit Liebreiz und scharfem Verstand.

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Sobhraj - ein Leben auf der schiefen Bahn

Die Vergangenheit, als Sobhraj noch an eine gute Zukunft glaubte (oder sich selbst darüber belog), geht in dieser Serie zurück bis ins Jahr 1969. Als der kleine Gauner heiratete und versprach, ein neues Leben jenseits krummer Dinge und gerader Gitterstäbe führen zu wollen. „Immer, wenn ein Asiate in Paris eine Straftat begeht, kommt die Polizei zu mir“, klagt er bei seiner Braut Juliette und begründet so den Versuch eines Neubeginns in Indien. Wo er – inzwischen Vater eines Kindes – ein weiteres Mal die schiefe Bahn wählt. Als Millionendieb wird er in Delhi verhaftet, entkommt aus dem Gefängnis, flieht aus dem Land und beginnt in Thailand sein Luxusleben. Die für seine internationalen Juwelengeschäfte notwendigen Reisepässe holt sich Sobhraj von den Ermordeten.

Und wieder ein großer Auftritt für Tahar Rahim

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Uff! Noch ein Serienmörder auf dem Bildschirm! Als tummelten sich, seit Norman Bates 1960 in Hitchcocks „Psycho“ Marion Crane in der Dusche erstach, nicht schon genug grausige Soziopathen im Reich von Film und Serie. Dieser aber wird von Tahar Rahim gespielt und der algerisch-französische Schauspieler, der 2008 mit dem Gefängnisdrama „Ein Prophet“ bekannt wurde, liefert eine überaus sehenswerte Figur. 2018 hatte Rahim auf der Seite der Guten den jordanischstämmigen FBI-Agenten Ali Soufan gespielt, der in der Politthrillerserie „The Looming Tower“ die Anschläge des 11. September 2001 nicht verhindern konnte, weil die entscheidenden Täterhinweise im kindischen Kompetenzgerangel zwischen FBI und CIA nicht weitergegeben wurden.

Auf den komplexesten Charakter seiner Karriere folgt nun der unergründlichste. Sein Sobhraj ist ein charismatisches Enigma. Wie eine Plastikfigur gleitet „die Schlange“ mit starrem Gesicht und kalten schwarzen Augen durch ihre Geschichte. Ein solipsistisches Monstrum, für das nichts zu existieren scheint als es selbst, das selbst seine nächsten Menschen als Randfiguren im Drama seines Lebens begreift. Selbst bei Hannibal Lecter war in Jonathan Demmes „Schweigen der Lämmer“ eine pervertierte väterliche Sorge um die Zukunft der FBI-Novizin Clarice Starling zu spüren gewesen. Rahim aber spielt die Leere des Bösen und ist darin grandios. Ebenbürtig ist die Leistung von Jenna Coleman („Victoria“) in der Rolle seiner Gefährtin Leclerc.

Die Kinder des Westens erscheinen Sobhraj als Freiwild

Ein Motiv wird dennoch immer wieder vorgeschützt. Es liegt in Sobhrajs Kränkung durch Rassismus. Niemals wurde er in Frankreich an die Tafel der Weißen vorgelassen, nie als Gleicher unter Gleichen gesehen, so klagt er. Und rechtfertigt so seine mörderischen Taten. Die Kinder des Westens, die den Osten durchstreifen, um irgendwie erleuchtet zu werden, erscheinen ihm als verlogene Erfahrungsabhaker – mehr nicht. Sie zweckdienlich zu töten erscheint ihm weniger als Verbrechen denn als gerechte Rache eines Gedemütigten. Der indes selbst seinen Freund und Mordkomplizen Ajay (Amesh Edireweera) rassistisch demütigt, wenn es ihm geboten erscheint.

Es ist eine wilde Geschichte, das bevorzugte Stilmittel sind Flashbacks – geradezu berserkerhaft springt der Achtstundenthriller zwischen den Zeiten hin und her. Die solchermaßen zerschnipselte Geschichte erzählt aus einer Zeit und von einem Ort, in denen Menschen leichter „verschwinden“ konnten als heute. Auf der Suche nach Freiheit, Erfahrung, einem neuen Bewusstsein wurden die Verbindungen zur Familie und deren verachtetem bürgerlichen Leben spärlich gehalten – Anrufe oder Briefe zu Hause waren seltene Lebenszeichen der Sinnreisenden. Heute käme ein Killer wie Sobhraj wohl schneller ins Polizeivisier. Zu dicht ist das Netz, das die heute meist aus reinen Selbsterprobungsgründen reisenden Jugendlichen in ihrem Sabbatjahr über die sozialen Medien knüpfen. Man erwartet, dass engmaschig Befindlichkeiten gepostet werden. Und die einst große Kluft zwischen den Generationen ist überspringbar geworden.

Niemand scherte sich um die verschwundenen Hippies

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Sobhrajs Opfer dagegen waren Ausläufer der Blumenkinderkultur der späten Sechzigerjahre, die jungen Globetrotter wurden vom Establishment Mitte der Siebzigerjahre noch immer als langhaarige Taugenichtse abgestempelt. Der empörte Moralist Knippenberg (Billy Howle) stößt mit seiner Frau und drei weiteren Weggefährten bei den Versuchen, Botschaften und Behörden zum Ermitteln (zunächst in der Sache zweier verschwundener Holländer) zu bringen, entsprechend auf Gleichgültigkeit bis Aggression: „Das sind doch nur ein paar verrückte Hippies!“, „Das wird Sie für den Rest ihres Lebens verfolgen!“ lauten die Entmutigungen und Warnungen. Die Revolution von 1968 hatte nicht stattgefunden, aber Strafe muss sein: Die Kinder, die aus der Reihe getanzt sind, sind es nicht einmal wert, dass man sie vor Mördern beschützt.

Der Soziopath Sobhraj sieht sich bis heute als eine Art Popstar des Verbrechens. Interviews, Bücher über ihn, Verfilmungen ließ er sich bestens bezahlen, womit er seine Haftstrafen (derzeit verbüßt er eine lebenslange Strafe in Nepal) überaus angenehm gestalten konnte. Die von der BBC produzierte Serie tut Sobhraj indes nicht den Gefallen einer Verbrecherverehrung. Sein Charisma ist kalt, abstoßend. Weil den Opfern viel Zeit geschenkt wird, weil man diejenigen kennenlernt, die dann von „der Schlange“ verschlungen werden, knüpft man als Zuschauer keine stockholm-syndrom-artigen Bande zum Täter (wie etwa zu Hannibal Lecter in „Das Schweigen der Lämmer“). Tahar Rahim hatte überlegt, Sobhraj in der Haft aufzusuchen und mit ihm zu reden. Dann aber hat er den Plan aufgegeben. So lief er nicht in Gefahr, dem Popstar auf den Leim zu gehen, und vermeidet, ihn uns als Popstar des Verbrechens anzudienen.

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Am Ende bekräftigen die Serienmacher noch einmal, dass sie uns nicht bloß eine weitere Schauergeschichte erzählen wollten – Hauptsache Serienmörder. Während die Rolling Stones „Moonlight Mile“ spielen (die wohl schönste ihrer Balladen) und Mick Jagger vom Heimweh singt und von „noch einem schlimmen, schlimmen Tag auf der Straße“ erscheint ihre Widmung: „Für all die jungen Unerschrockenen, die mit großen Träumen aufbrachen, aber nie mehr zurückkehrten.“

„Die Schlange“, bei Netflix, acht Episoden, Regie: Tom Shankland, Hans Herbots, mit Tahar Rahim, Billy Howle, Jenna Coleman, Ellie Bamber (bereits streambar)

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