Zum Start von „Die Ringe der Macht“

Tolkien-Experte: „Diskussion, ob es schwarze Zwerginnen geben darf, ist zutiefst rassistisch“

Auf der Suche nach dem vermutlich abgetauchten Sauron: Elbenkommandantin Galardriel (Morfydd Clark) und ein zaudernder Mitkämpfer (Fabian McCallum) in einer Szene aus der ersten Episode von „Der Herr der Ringe – Die Ringe der Macht“.

Auf der Suche nach dem vermutlich abgetauchten Sauron: Elbenkommandantin Galardriel (Morfydd Clark) und ein zaudernder Mitkämpfer (Fabian McCallum) in einer Szene aus der ersten Episode von „Der Herr der Ringe – Die Ringe der Macht“.

Die Fans von Fantasyserien haben sich schon seit Jahren auf den 2. September 2022 gefreut. Beim Streamingdienst Amazon Prime Video geht es nach Mittelerde, wo Menschen, Hobbits, Zwerge und Elben leben und der Hexenmeister Sauron sich anschickt, die Weltherrschaft zu übernehmen. In der Serie „Die Ringe der Macht“ warten Orks, Schneetrolle und allerhand andere Kreaturen sowie eine höchst seltsame Himmelserscheinung auf das Weltpublikum.

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Um herauszufinden, wie eingefleischte Fans der Geschichte von „Herr der Ringe“-Autor J. R. R. Tolkien auf die Serie reagieren, die ob einer eher spärlichen Quellenlage mit vielen Neuerfindungen arbeitet – meist ein Gräuel für Puristinnen und Puristen – sprach das RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) zum Start der Serie mit Tobias M. Eckrich, dem Vorsitzenden der Deutschen Tolkien Gesellschaft (DTG).

Herr Eckrich, haben Sie als Vorsitzender der Deutschen Tolkien Gesellschaft schon vorab in die Serie „Die Ringe der Macht“ reinsehen können?

Leider noch nicht. Ich war in den USA zur Eröffnung der Tolkien-Ausstellung „The Art of the Manuscript“ der renommierten Marquette University eingeladen. Das hat sich überschnitten. Was ich aber bislang von den Menschen gehört habe, die von der DTG bei der Premiere waren, ist, dass hier mit sehr viel Liebe zum Detail gearbeitet wurde. Trotzdem: Es ist eine Adaption und die ist halt immer mit Änderungen verbunden.

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Tolkien-Spezialist Eckrich: „Wir sind offen für gute Bearbeitungen“

Und das ist schlimm? Lehnen Sie Adaptionen ab?

Wenn ich sie von vornherein ablehnen würde, würde ich ja meine eigene Fantasie verbieten, denn auch als Leser der Bücher interpretiere ich im Moment des Lesens das Geschriebene und mache mir Bilder vor dem eigenen geistigen Auge. Natürlich sind wir von der Deutschen Tolkien Gesellschaft dem Buch am meisten zugetan – aber selbstverständlich sind wir auch offen für Bearbeitungen. Man hat ja mit den „Herr der Ringe“-Filmen gesehen, dass es auch sehr gute Adaptionen gibt.

Tolkien selbst schien dem nicht abgeneigt. Er hat in einem Brief an den Amerikaner Milton Waldman, der seine Schriften zeitweilig veröffentlichen wollte, geschrieben, dass seine Skizzen, und auf solchen beruht ja „Die Ringe der Macht“, „für andere Geister und Hände Raum lassen, die Farbe und Drama hinzutun könnten“. Das klingt förmlich nach einer Einladung für Künstlerinnen und Künstler.

Es gibt aber auch Briefe, die anderes sagen. Tolkien hatte konkrete Vorstellungen, wie seine Bücher umzusetzen seien und wie nicht. Er lehnte in einem anderen Brief Bearbeitungen ab, vor allem wenn sie – sinngemäß – zu „Disney-like“ würden. Trotzdem hat er sein Werk für andere geöffnet.

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Hat es die eingefleischten Tolkienisten Ihrer Gesellschaft beruhigt, dass Amazon Prime Video den Tolkien-Experten Tom Shippey hinzugezogen hatte?

Alle, die bei der Rechteauktion des Tolkien-Estate mitboten – HBO, Netflix und Amazon – hatten für ihre Konzepte ihre Tolkien-Fachkraft an Bord. Amazon bekam den Zuschlag, weil das Unternehmen auch ein Buchhändler ist. Hinter vorgehaltener Hand wird gemunkelt, dass sie gar nicht das höchste Angebot hatten, aber das beste Konzept. Denn bei allen Produkten, die Amazon derzeit verschickt, wird Werbung für die Serie gemacht. Eine solche Promotion, die die anderen Anbieter nicht leisten konnten, ist Gold wert – für alle Beteiligten.

Die Romanze in Jacksons „Hobbit“-Filmen war „nicht tolkienesk“

Was ist bezüglich der neuen Charaktere in „Die Ringe der Macht“ wichtig für Sie?

Für mich ist es wichtig, dass die neu hinzugedichteten Figuren sich anfühlen, als könnte Tolkien sie geschrieben haben. Und dann muss natürlich auch der Kontext stimmen. Im Grunde hatte ich auch nichts gegen Tauriel, die in den „Hobbit“-Filmen hinzugefügte wehrhafte Elbin. Und auch gegen ihre Romanze mit dem Zwerg Kili hätte ich nichts einzuwenden gehabt. Allerdings hatte es einen Bruch im einst guten Verhältnis zwischen den Elben und Zwergen gegeben. Und dieser dramatische Kontext wird in der Romanze nicht einmal angespielt. Oder die Tatsache, dass die Filme rasante Actionblockbuster sind, das Buch hingegen eine Abenteuergeschichte für Kinder ist, passt für mich nicht zusammen. Das war nicht „tolkienesk“.

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Und dass Prinz Durin IV. in der Zwergenstadt Khazad-dûm in der Serie „Die Ringe der Macht“ eine nicht kanonische Zwergenprinzessin an seine Seite gestellt bekommt?

Das juckt mich nicht die Bohne. Da sage ich den Kritikern: Nur weil Tolkien nicht geschrieben hat, dass Durin IV. eine Frau hat, kann man davon ausgehen, dass sich die Zwerge, die es ja Tausende Jahre später im „Hobbit“ noch gibt, irgendwie vervielfältigt haben müssen. Und es ist mir auch nichts egaler als ein nicht vorhandener Bart bei einer Zwergenfrau. Die Diskussion darüber, ob es schwarze Zwerginnen geben darf, empfinde ich als zutiefst rassistisch. Problematisch finde ich auch, dass in der neuen Serie die Zwergenkönige Durin III. und Durin IV. gleichzeitig vorhanden sind. Bei Tolkien geht der Geist eines Durins nach dessen Tod auf den anderen über – es haben nie zwei Durins gleichzeitig gelebt. Hier zeigt sich die starke Zeitkompression, die die Serie vornimmt.

Die Leute, die auf eine „weiße“ Hautfarbe von Zwergen, Elben, Hobbits pochen, berufen sich auf Tolkiens Vorstellung eines „heimischen Anhauchs“, eines „keltischen“ Gepräges seiner Welt.

Ja, und es wird wegen der Hautfarbe auch argumentiert, Zwerge lebten ja vorwiegend unter der Erde. Gut, aber Zwerge sind auch keine Albinos. Man muss einen Autor außerdem immer in seinem zeitlichen Kontext sehen. In den 30er- bis 50er-Jahren war die Kultur in England anders. Wir aber sind 70 Jahre weiter. Reden wir lieber über schlechte schauspielerische Leistungen, wenn es nötig sein sollte. Debattieren wir, falls Elrond einen Arm verlieren sollte, denn wir wissen ja, dass er im „Herrn der Ringe“ definitiv noch beide Arme hatte. Oder reden wir über den seltsamen Meteormann, der in der Serie auftaucht. Aber bitte reden wir nicht über Hautfarben in Mittelerde.

Tolkien war ein Freund des „Erhabenen“. Liebe etwa ist entsprechend in den bisherigen Verfilmungen immer Höhere Minne, eine sehr romantische und züchtige Angelegenheit. In der Fantasyserie „Game of Thrones“ war sie auch sehr körperlich. Muss das bei Tolkien-Verfilmungen anders sein: „No sex, please, we’re Middle-Earthlings!“?

Tolkien war ein gläubiger Katholik im Oxford der 30er- und 40er-Jahre. Als er anfing, den „Herrn der Ringe“ zu schreiben, war sein Auftrag zudem, ein weiteres Buch über Hobbits zu schreiben – eine Fortsetzung seines Kinderbuchs. Was George R. R. Martin heute in Zeiten von Pornhub und Co. macht, konnte J. R. R. Tolkien nicht machen, hätte er auch niemals gemacht. Bei Tolkien geht es um Zuneigung und Zärtlichkeit, sexualisierte Gewalt in einer Verfilmung zu zeigen, wie in „Game of Thrones“, wäre ein Bruch.

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In den Filmtrilogien wurden die Missionen von Männerbündnissen erledigt. In der neuen Serie sind starke, neugierige und tapfere Frauen im Vordergrund.

Stimmt. Tolkien hat wenige Frauen beschrieben. Die aber, die er erfand, hatten unglaublich viel Macht und Stärke. Éowyn etwa, die Schildmaid von Rohan, war mannhaft, aber es kam darauf an, dass sie eine Frau war. Denken Sie zum Beispiel an folgende Szene: Als der Hexenkönig von Angmar kundtut, er könne von keinem Mann erschlagen werden, steht er in Wahrheit einer Frau gegenüber. Und die erschlägt ihn.

Starke Frauen als Spiegel der Zeit

Auch Galadriel verursacht Gänsehaut, als sie dem Hobbit Frodo im ersten „Herr der Ringe“-Film ausmalt, was geschähe, würde sie den Ring an sich nehmen. Kraftvoller Auftritt einer starken Frau, die aber doch nur eine wichtige Nebenrolle spielte. Diesmal ist Galadriel die zentrale Figur, auch gibt es je eine dominante Hobbitin, Menschin und Zwergin.

Auch da hat sich die Kultur geändert. Wir Deutschen hatten 16 Jahre lang eine Bundeskanzlerin, die skandinavischen Länder haben Staatsführerinnen. Die Rolle der Frau hat sich seit den Tagen, als „Der Herr der Ringe“ entstand, geändert. Da ist eine solche Ausrichtung der neuen Serie ein Spiegel unserer Zeit. Warum nicht starke Frauen zu Heldinnen machen? Ich fühle mich da in meiner Männlichkeit kein bisschen zurückgesetzt.

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Was war für Sie die schlimmste Tolkien-Bearbeitung bisher?

Die drei „Hobbit“-Filme. Zwei Filme hätte ich okay gefunden. Drei war over the top, zu schweigen von der DVD-Version mit dem überflüssigen „römischen Wagenrennen“ im dritten Film. Dafür wurden elementare Szenen weggelassen. Der Hobbit war zu Beginn der Geschichte kein Dieb, als den ihn die Zwerge beauftragten, und er wurde im Buch durch den Diebstahl der Geldbörse eines Trolls zum Dieb. Das war der Übergang vom bequemen Hobbit, dessen Tageshöhepunkt der nachmittägliche Tee ist, zum Abenteurer. Und ausgerechnet dieser Schlüsselmoment fehlt im Film.

Der „allerschlechteste Hobbit-Film“ dauert nur zwölf Minuten

Nichts Schlimmeres?

Es gab natürlich technisch schlechte Fernsehadaptionen aus Skandinavien und Russland. Die allerschlechteste Bearbeitung stammt aus den Sechzigerjahren, entstand noch zu Tolkiens Lebzeiten – ein fürchterliches Machwerk mit einer Prinzessin, die kaum noch etwas mit Tolkiens Geschichte zu tun hat. Der Macher hatte die Filmrechte mit einem Verfallsdatum gekauft. Und als dieses nahte, ließ er von einem tschechischen Zeichner einen billigen Zwölfminüter fertigen, sprach Leute in New York auf der Straße an und bat sie, eine spottbillige Eintrittskarte zu kaufen. Damit hatte er die nötige Aufführung vor Publikum geleistet, was Bedingung war, und machte einen Riesengewinn, weil Tolkien die Rechte für ein Vielfaches zurückkaufen musste. Denn der Wert der Marke war inzwischen gestiegen.

Freuen Sie sich auf „Die Ringe der Macht“?

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Ich bin ein Realist mit sehr optimistischen Ansichten über diese Serie. Mir ist klar, es gibt keine konkrete Buchvorlage dazu und 50 Serienstunden wären doch sehr langweilig, würde man sie nur mit den von Tolkien bekannten 600 Fakten über die Handlungszeit füllen. So freue ich mich darauf, mir in neuneinhalb Stunden den ersten Teil anzusehen.

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Für 2024 plant Warner Brothers den Animationsfilm „War of the Rohirrim“. Was erwarten Sie?

Ich erwarte nichts weniger als epische Schlachten. Auch hier gibt es keine von Tolkien geschriebenen Dialoge. Gerüchten zufolge soll die Darstellerin der Éowyn in den „Herr der Ringe“-Filmen, Miranda Otto, zu Beginn des Films Kindern in der Goldenen Halle von Edoras die Geschichte von Helm Hammerhand, des Königs von Rohan, erzählen. Das stelle ich mir episch vor.

Ist, wenn „Die Ringe der Macht“ die Serie des Jahres oder Jahrzehnts wird, dies der Anfang von irre vielen Tolkien-Filmen und -Serien, von Prequels und Sequels?

Die Serie ist mit einer Milliarde Kosten „too big to fail“, da bin ich mir sicher, das muss gigantisch werden. Auch der Tolkien Estate ist nicht abgeneigt. Die Kuh wird bis zum letzten Tropfen gemolken werden, wir sehen hier den Beginn einer Art „Tolkien Cinematic Universe“. Und man kann nur hoffen, dass dieses Universum besser gestaltet wird als das Marvel Cinematic Universe. Das war gut, solange es immer wieder mal einen Kinofilm gab. Jetzt ist es beim Streamingdienst Disney+ gelandet und da gibt es inzwischen gute, aber eben auch schlechte Serien. Es wird auf Masse produziert, um möglichst viel Kapital daraus zu schlagen. Ich hoffe, dass bei Tolkien nicht der gleiche Fehler gemacht wird.

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Das ist die Deutsche Tolkien Gesellschaft

Tobias M. Eckrich, Vorsitzender der Deutschen Tolkien Gesellschaft

Tobias M. Eckrich, Vorsitzender der Deutschen Tolkien Gesellschaft

Tobias M. Eckrich ist seit 2011 der Erste Vorsitzende der Deutschen Tolkien Gesellschaft e.V. und Tolkienist aus Leidenschaft. Er produziert für den gemeinnützigen Verein fünf Podcasts und zahlreiche weitere Onlineformate. Dazu ist er auf zahlreichen Veranstaltungen weltweit unterwegs und referiert dort über Tolkien.

Die Deutsche Tolkien Gesellschaft e.V. ist ein gemeinnütziger Verein mit über 1200 Mitgliedern aus allen Altersgruppen. Sie widmet sich der Förderung des Interesses an Leben und Werk von J. R. R. Tolkien. Eine der ehrenamtlichen Aufgaben ist es, Kinder bei der Leseförderung zu unterstützen. Deshalb veranstaltet der Verein nicht nur literarische Veranstaltungen, sondern arbeitet auch mit Schulen und Kindergärten zusammen. Unter anderem verschickt er Lesekisten mit Büchern und Begleitmaterial zur Leseförderung. Einmal im Jahr findet das Tolkien-Seminar statt, eine zweisprachige wissenschaftliche Konferenz, die sich mit einem bestimmten Thema zu Leben und Werk Tolkiens beschäftigt. Vorträge, die dort gehalten wurden, werden im Hither-Shore, einem zweisprachigen interdisziplinären Jahrbuch, veröffentlicht. Zu den bekanntesten Veranstaltungen der Deutschen Tolkien Gesellschaft zählen die Tolkien Tage Geldern. Hier kommen am Wochenende nach Pfingsten knapp 11.000 Besucherinnen und Besucher aus der ganzen Welt zusammen, „um in den unterschiedlichsten Arten und Weisen Tolkien zu leben und erleben“ (Eckrich). Auch dieses Event wird rein ehrenamtlich durchgeführt. Deutschlandweit hat die Deutsche Tolkien Gesellschaft über 20 Stammtische, bei denen alle Menschen willkommen sind.

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