Die Play-offs der Politik: Sternstunden und Pleiten der TV-Duelle

  • Die TV-Duelle starten – und mit ihnen die heiße Wahlkampfphase in den USA.
  • An diesem Dienstag treten Donald Trump und Joe Biden zum ersten Mal gegeneinander an.
  • Die Fernsehdebatte wird 60 Jahre alt – und hat Sternstunden und bittere Pleiten erlebt.
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Er war vergrippt an diesem Tag, blass und unrasiert. Schwitzend stand Richard Nixon am 26. September 1960 in einem CBS-Studio in Chicago – und 70 Millionen Amerikaner sahen: Dieser Mann leidet. Neben dem strahlenden John F. Kennedy wirkte der nörgelige Nixon so fehl am Platz wie Hulk Hogan beim Babyschwimmen. “JFK” gewann die Wahl zum US-Präsidenten dann hauchdünn: Bei 68 Millionen abgegebenen Stimmen holte er 112.000 Stimmen mehr.

Die Premiere: Ein vergrippter Richard Nixon (r.) und sein Kontrahent John F. Kennedy (l., stehend) bei ihrer ersten TV-Debatte im CBS-Studio in Chicago am 26. September 1960. © Quelle: picture alliance / Everett Colle

Genau 60 Jahre ist jenes legendäre erste TV-Duell her. Der seltsame Gladiatorenkampf ist seit 2002 auch in Deutschland fester Bestandteil der Prä-Wahl-Rituale – mehr rhetorischer Raufhandel als echte Debatte, mehr sportliche Politkirmes als seriöse Positionsbestimmung. Es sind quasi die Play-offs der Politik.

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Zampano gegen Zauderer

Am Dienstag werden sich US-Präsident Donald Trump und Herausforderer Joe Biden in Cleveland, Ohio, das erste von drei 90-minütigen Duellen liefern. Wieder wird das kollektive Lauern auf Patzer und Punchlines wichtiger sein als der Inhalt, wieder werden Heerscharen von Spin-Doktoren im Nachklang darauf beharren, dass “ihr” Kandidat als Sieger klar feststehe.

Trump gegen Biden. Das wirkt auf dem Papier wie ein ungleicher Kampf. Krakeeler gegen Staatsmann im Schlafrock, Zampano gegen Zauderer. Es wird Trump kaum schwerfallen, mit bösartigen Attacken von variablem Wahrheitsgehalt seine Fanbasis zu entzücken. Niemand dehnt die Regeln des politischen Spiels mehr zu seinen Gunsten als der Amtsinhaber. Feixend hat Trump vorab schon mal einen Drogentest gefordert – als könne Biden nur gedopt gegen ihn bestehen.

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Video-Blog zur US-Wahl: Trumps heikle Finanzlage
5:30 min
Beim Wahlkampf in den USA überschattet ein Ereignis das nächste. Nun sind fragwürdige Steuereklärungen von Donald Trump an die Öffentlichkeit geraten.  © RND

Schauspielkunst ist wichtiger als Inhalte

Tatsächlich unterlaufen Biden gelegentlich Tatterigkeiten. Dafür verheddert sich Trump gern im Gestrüpp der Fakten, sobald ihm mehr abverlangt wird als ein kurzes TV-Statement oder ein Tweet. Wichtiger als Inhalte freilich sind Schauspielkunst, Entertainmentfaktor und Persönlichkeit.

“Ich bin kein großer Fan von Fox”: US-Präsident Donald Trump am 19. Juli im Interview mit Chris Wallace von “Fox News Sunday” – dem Journalisten, der die erste TV-Debatte zwischen Trump und Joe Biden am Mittwoch moderieren wird. © Quelle: imago images/ZUMA Wire

Chris Wallace vom Sender Fox News wird die erste Runde moderieren. Er grillte Trump bereits im Juli bei einem Interview. Fox? Der treue Pro-Trump-Sender? Das war einmal. Die heiße Liebe ist erkaltet. “Ich bin kein großer Fan von Fox”, sagte Trump im Juli zu Wallace. “Sie haben sich sehr verändert, seit Roger Ailes nicht mehr da ist.” Der langjährige Fox-News-Chef – von mehreren Frauen der sexuellen Belästigung bezichtigt – starb 2017 im Alter von 77 nach einem Sturz.

Ein clever gesetzter Tiefschlag bleibt im Gedächtnis

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Beim zweiten Duell am 7. Oktober in Miami wird Steve Scully vom Sender C-Span durch die Debatte führen. Die dritte Debatte am 22. Oktober in Nashville, 13 Tage vor der Wahl, moderiert Kristen Welker, NBC-Korrespondentin im Weißen Haus. Auch Vizepräsident Mike Pence und Bidens Vizekandidatin Kamala Harris werden sich live “duellieren” – am 7. Ok­to­ber in Salt ­Lake City. Moderatorin dort ist die Bürochefin der Zeitung “USA Today” in Washington, Susan Page.

Wie wichtig sind die TV-Duelle für den Wahlausgang? Fakt ist: Für Millionen Amerikaner, die die “New York Times” eher nicht lesen und Washington für eine Stadt voller Verbrecher und Kindermörder halten, sind die drei Sendungen die einzigen “Dates” mit den Kandidaten. Ein clever gesetzter Tiefschlag, der im Gedächtnis bleibt, kann später in der Wahlkabine viel ausrichten.

“Diese Lügen. Diese gottverdammten Tweets – heilige Scheiße”

So wie bei Ronald Reagan. Unvergessen ist die kecke Antwort des 73-jährigen Amtsinhabers 1984 im Duell mit dem 54-jährigen Walter Mondale auf die Frage, ob er Zweifel habe, in seinem “hohen Alter” eine Herausforderung wie die Kuba-Krise bewältigen zu können. Reagens Replik: “Ganz und gar nicht. Und ich werde in diesem Wahlkampf die Altersfrage auch nicht zum Thema machen. Ich werde die Jugend und Unerfahrenheit meines Gegners nicht für politische Zwecke ausnutzen.” Volltreffer! Selbst Mondale musste lachen. Er wusste sofort, sagte er später, dass er verloren hatte.

Seither träumt jeder Redenschreiber von einer solchen Zeile, einem Schlüsselmoment. Und hofft, dass seinem Schützling kein Fauxpas unterläuft. So wie George Bush senior, der 1992 bei einem Townhall-Meeting mit Bill Clinton und Ross Perot immer mal wieder auf seine Armbanduhr guckte – als hätte er Besseres zu tun, als sich die Nöte von Durchschnittsamerikanern anzuhören.

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“That nasty woman”: Donald Trump und Hillary Clinton 2016 während ihres dritten TV-Duells in der Washington University in St. Louis. © Quelle: picture alliance / abaca

Was damals zum Skandal taugte, wäre heute wohl eine Petitesse. Dass Trump im Präsidentschaftswahlkampf 2016 Hillary Clinton während des dritten TV-Duells live vor Millionen “diese scheußliche Frau” (“that nasty woman”) nannte, gereichte ihm nicht zum Nachteil. Die politischen Parameter haben sich massiv verschoben, seit Trump im Amt ist. Oder wie es laut “Washington Post” seine Schwester Maryanne Trump Barry ausdrückte: “Diese Lügen. Diese gottverdammten Tweets – heilige Scheiße.”

“Staat, Sex, Amen”
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