Die neue Sachlichkeit: Wie Corona die Medienwelt verändert

  • Solidarität statt Hass: Der Ton in den sozialen Medien wird freundlicher, der Hunger nach Fakten ist groß.
  • Für Journalisten ist die Krise eine Chance, Vertrauen zurückzugewinnen.
  • Kann die Corona-Krise die Medienwelt langfristig verändern?
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Igor Levit will sich einen Fernseher kaufen. “It’s happening”, twitterte der weltbekannte Pianist jüngst. Prompt antwortete ARD-Moderatorin Pinar Atalay: “Sooooo schlimm ist es nun auch nicht, die Tagesthemen freuen sich auf Sie.” Daumen hoch. Winkehand. Levits Antwort: “Bin eh Fan.” Kämpferfaust.

Wenn ein Kulturmensch und Berieselungsverweigerer wie Igor Levit bereit ist, seine Fernsehabstinenz aufzugeben, muss etwas passiert sein, in der Welt und im Kopf. Es ist ein Symptom dafür, wie groß der Hunger nach gesicherten Informationen in Corona-Zeiten ist. Und wie sich im Schlepptau des Virus ein Gefühl ausbreitet, das zuletzt vielerorts verloren schien: das Vertrauen in die Medien. Nach Jahren des Kulturkampfes um den Wahrheitsbegriff, nach all dem “Lügenpresse”-Geschrei und der brodelnden Fundamentalkritik vor allem von rechts erweist sich die Corona-Krise für den deutschen Journalismus nicht nur als Stunde der Bewährung, sondern auch als Chance, die eigene Unentbehrlichkeit unter Beweis zu stellen.

“Die Medien machen einen sehr guten Job”

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Und das unter erschwerten Bedingungen. Redaktionen im Homeoffice. Wenig Außenkontakte. Lange Tage. Mit Anfragen überschüttete Gesprächspartner. Wilde Gerüchte. Gewaltige Ereignisse – wie etwa die größte Einschränkung der Freiheitsrechte in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland – im Stundentakt. Und hunderte, tausende offene Fragen. Der Lohn der Mühe: das Gefühl, gebraucht zu werden.

“Die Medien machen im Moment einen sehr guten Job”: Themenkonferenz der “Tagesschau” bei “ARD Aktuell” in Hamburg mit dem stellvertretenden Chefredakteur Helge Fuhst (M.).

“Die Medien machen im Moment einen sehr guten Job”, urteilt etwa der Tübinger Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen im NDR. Die Corona-Krise zeige nicht nur, “wie wichtig Journalisten sind”, sondern auch, dass Medienkompetenz eines der großen Bildungsdefizite unserer Zeit sei. Denn natürlich grassieren in Zeiten großer Unsicherheit auch absurde Whatsapp-Gerüchte und boshafte Falschnachrichten. Nicht jeder erkennt Unfug auf Anhieb. Aber: “Die Verschwörungstheoretiker sind längst in ihre Youtube-Biotope abgedrängt.” Mit anderen Worten: Der klassische Journalismus, der sich bewährten Tugenden seiner Zunft zumindest verpflichtet fühlt und im Wahnsinn der sich überschlagenden Ereignisse zu ordnen, erklären und diskutieren versucht, erlebt eine Renaissance. “Menschen brauchen sauberes Wasser zum Überleben, und Demokratien brauchen saubere Informationen.”

Informieren, ohne Angst zu schüren – eine Gratwanderung

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Die “Tagesschau” als Monolith der Sachlichkeit verzeichnet Einschaltrekorde. Statt um die zehn Millionen Zuschauer schalten um 20 Uhr jetzt bis zu 17 Millionen ein. Streng abgeschirmt arbeiten die ARD-Mitarbeiter im Newsroom in Hamburg. Ein zweites Team ist im Homeoffice aktiv. Sollte es einen Corona-Fall geben, könnte das Back-up-Team sofort eingewechselt werden. “Unsere Infrastruktur ist darauf ausgerichtet, zu jedem Zeitpunkt verlässlich zu funktionieren”, sagt der ARD-Vorsitzende und WDR-Intendant Tom Buhrow. Corona zeigt: In Krisenzeiten dient das lineare Fernsehen noch als Lagerfeuer der Nation.

Auch Zeitungen und Nachrichtenportale spüren eine ganz neue Dankbarkeit dafür, dass ihnen die Gratwanderung, schnell und präzise zu informieren, ohne Angst zu schüren, im Großen und Ganzen gelingt. “Tut wirklich gut, was Journalisten gerade leisten”, findet etwa Jan-Eric Peters, Ex-Chefredakteur der “Welt”. “Wenn ich das als aktueller Outsider, aber Intensivnutzer mal so sagen darf vom Sofa aus. Schöne Bestätigung, dass Medien ‘systemrelevant’ sind.”

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Rückkehr zur Sachlichkeit

Tatsächlich hat sich etwas verändert im Ton der öffentlichen Debatte. Es sind nicht mehr die Lautesten und Grellsten, die die Agenda bestimmen. Plötzlich sitzen in öffentlich-rechtlichen Talkshows kaum noch Populisten, die über Jahre immer mal wieder für ein Stündchen Erregung und ein paar Zuschauer mehr gut waren. Sondern Wissenschaftler, Fachjournalisten und Politiker, die nach der richtigen Balance zwischen Demut und Entschlossenheit suchen.

Die Beispiellosigkeit der Seuche hat einen interessanten medialen Nebeneffekt: Seit Jahren bliesen manche Medien mit immer grelleren Superlativen mittelgroße Ereignisse zu Sensationen auf. Nun aber, angesichts eines wahren Weltereignisses, kehren sie dem Alarmismus den Rücken – und zur Sachlichkeit zurück.

Die sozialen Medien als kulturelle Kachelöfen

Natürlich gibt es Überdrehtheiten und Pannen. Gewiss wird die Corona-Krise nicht “zu einem zweiten Sommermärchen” (“Der Spiegel”). Und man weiß auch nicht, wie oft die ARD noch zu traurig klimpernder Klaviermusik die Story von dem Rentner zeigen will, der nach 58 Jahren Partnerschaft seine Frau im Pflegeheim nicht mehr besuchen durfte. Und sicher durchweht auch das grelle Gelb, mit dem die “Bild”-Zeitung ihre Corona-Berichterstattung untermalt, ein Hauch von Rassismus gegen China als Quelle des Übels in der Tradition der “gelben Gefahr”. Im Kern aber haben die Helden des Faktischen das Wort. Und die Pöbler Sendepause.

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Wohnzimmerkonzerte als kulturelle Kachelöfen: Giovanni Zarrella sang beim RedaktionsNetzwerk Deutschland live für den guten Zweck.

Das gilt auch für die sozialen Medien. Ausgerechnet das “Social Distancing” im echten Leben hat ein “Social Approaching” im Digitalen erzeugt, eine virtuelle Annäherung. Zu besichtigen ist eine ungewohnte kollektive Empathie – mit den Erkrankten genauso wie mit denen, die an der Front das Virus bekämpfen. Twitter und Facebook dienen vielfach als Plattformen der Nachbarschaftshilfe. Tausende von Wohnzimmerkonzerten fungieren als kulturelle Kachelöfen, an denen sich Fremde gemeinsam wärmen. Aus den “asozialen Medien” sind in Teilen wirklich “soziale” geworden. Und auf der Clipplattform Tiktok üben Zehntausende zu einem vietnamesischen Poplied tanzend stilisiertes Händewaschen.

Das toxische Gebrüll hat spürbar nachgelassen

Das toxische Gebrüll ist nicht verschwunden, aber es hat spürbar nachgelassen. Und könnte es nicht sein, dass die massenhafte Erkenntnis, wie angenehm Freundlichkeit und Unterstützung sind, den Grundton im Netz dauerhaft verbessert? Sicher wird diese Erfahrung nicht den allerletzten Giftspritzer in den Untiefen des digitalen Urschlamms erreichen. Aber denkbar ist doch, dass sowohl Nettig- als auch Sachlichkeit in der Medienwelt nach Corona eine größere Rolle spielen werden als vorher.

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Gewiss bilden weiterhin “die kollektiven Nervenleitungen unseres Planeten eine einzige blubbernde, diffuse, quasi-fühlende, rund um die Uhr aktive Meta-Community”, wie der Autor Douglas Coupland schrieb. Die Gesetze des Internet gelten ja weiter, nach denen Lügen belohnt und Provokationen ein Geschäftsmodell sind. All das hat großen Anteil daran, dass die Gesellschaft in einer “Atmosphäre der totalen Gleichzeitigkeit” an einer “Überdosis Weltgeschehen” leidet, wie Pörksen schreibt. Er spricht von einer “Infodemie”.

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Es nützt nichts, sich dem “Impulsgewitter” zu entziehen

Die Frage aber, wie die Corona-Krise verliefe, wenn es das Netz nicht gäbe, ob also zum Beispiel die endemische Erregung die radikalen politischen Maßnahmen erst provoziert hat, ist nur ein putziges Gedankenspiel. Ohne Internet kein Corona-Alarm? “In einer solchen Situation beginnt – in der Regel vornehmlich im Milieu der Privilegierten – die Sehnsucht nach informationeller Abschottung, zu wachsen”, schreibt Pörksen in der “Zeit” und fragt rhetorisch: “Aber ist das Virus dann auch weg? Wird, wenn man sich dem Impulsgewitter der Medien entzieht, etwa nicht mehr gestorben und gelitten? Nützt es irgendwem (außer vielleicht der eigenen Person), wenn man jetzt wegschaut? Natürlich nicht.” Die “Spießer eines heilig gesprochenen Seelenfriedens”, die den Schrecken als “Störung im eigenen Behaglichkeitskosmos” begriffen, wichen damit nur den entscheidenden Fragen aus. Zum Beispiel dieser: “Wie können wir, Gefühlswesen, die wir nun einmal sind, kommunikative Register für den Umgang mit bedrohlicher Ungewissheit entwickeln?”

Der Ton in sozialen Medien wie Twitter ist weniger aggressiv als vor der Corona-Krise. © Quelle: picture alliance / Christoph Sch

Ja – wie? Niemand weiß, ob die Mediengesellschaft nach dem Abklingen der Krise, wenn der gemeinsame Feind als einigendes Thema aus dem Blickfeld verschwunden sein wird, wieder in die alten Krawallmuster verfällt. Vielleicht aber durchbricht sie auch den alten Teufelskreis des “greller, schneller, lauter”. Im überhitzten Nachrichtenwesen hatte ein mittelgroßes Ereignis zuletzt kaum noch Chancen, überhaupt zur Kenntnis genommen zu werden. Es war das Zeitalter der Superlative. Superstürme. Supersiege. Superpräsidenten. Dahinter stand die Sorge, dass die profane Wirklichkeit mit den Anforderungen der modernen Medienwelt nicht mithalten könnte. Die Medienwelt befand sich auch an normalen Tagen in permanentem Alarmzustand, in dauerhafter, fiebriger Erwartung neuen Futters für das nervöse Grundrauschen des Planeten. “Nachrichten sind für den Geist, was Zucker für den Körper ist”, schreibt der Schweizer Schriftsteller Rolf Dobelli.

Die neue Erkenntnis: Journalismus hat seinen Wert

Nun ist mit Corona tatsächlich etwas Gewaltiges geschehen. Und nichts, was danach kommt, wird auf lange Sicht mithalten können mit der Größe dieses Themas. Das birgt die Chance, aus dem Erregungskreislauf auszubrechen. Denn so zu tun, als sei auch das nächste Medienereignis so groß wie Corona, würde einfach albern wirken.

Gleichzeitig zeigt sich eine Gemeinsamkeit von gnadenlosem Profitstreben und Populisten: Beide haben auf echte Krisen keine Antwort, sie sind Teil des Problems, nicht der Lösung. “Für irgendwas muss diese doofe Krise doch gut sein”, sagt im RBB eine junge Berlinerin, die ihre Hilfe beim Einkaufen anbietet. Und sei es die Erkenntnis, dass faktenbasierter Journalismus seinen Wert hat.

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