„Die Ibiza-Affäre“ – Miniserie über einen, der auszog, sein Land zu verkaufen

  • Dass „Die Ibiza-Affäre“ verfilmt wird, war angesichts der Räuberpistole aus politischer und privater Verkommenheit klar.
  • Dass die Verfilmung so grandios sein würde wie die von Sky (Start am 21. Oktober, streambar bei Sky Ticket und Sky Q), hingegen weniger.
  • Die Geschichte, wie vier Männer einen korrupten Politiker stürzen, ist fast zu vergnüglich, um wahr zu sein.
Jan Freitag
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Die besten Film- und Fernseh­geschichten sind oftmals jene, deren Gegensätze gleichermaßen oberflächlich und tiefgehend in amüsanter Relevanz erzählt werden: Schlösser und Gosse, Arbeit und Alltag, Party und Alltag, Ordnung und Ausbruch – alles zusammen in ein und derselben Serie, Folge, Szene: das gelingt jedoch selbst den kreativeren Film- und Fernseh­geschichten­erzählerinnen und ‑erzählern nur selten. Es sei denn, die Wirklichkeit liefert ihnen Anschauungs­material wie „Die Ibiza-Affäre“ – dann wird selbst das zweifelhafteste Schmierentheater glaubhaft.

Die Ibiza-Affäre, wir erinnern uns mit wohligem Schauder an den Frühling 2019, brachte Vizekanzler Heinz-Christian Strache mit einem Geheimvideo von der Ferieninsel zu Fall, auf dem er einer falschen Oligarchin für Wahlkampf­unterstützung die halbe Alpenrepublik zum Kauf anbietet.

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Man kann kaum fassen, dass dies hier auf Wahrheit basiert

Fast drei Jahre später nun zeigt Sky die Fiktion dieser Realgroteske; und würde sie nicht auf dem Sachbuch seriöser Enthüllungs­journalisten basieren, kaum jemand käme auf die Idee, Christoph Schiers Vierteiler erzählte die Wahrheit und (fast) nichts als die Wahrheit.

Abzüglich kreativer Freiheiten in der Figurenzeichnung indes ist es genau so. Bevor Sebastian Kurz 2017 mit der FPÖ koaliert, feuert deren Chef Strache seinen Chauffeur, der daraufhin brisantes Material an den Wiener Wirtschaftsjuristen Ramin Mirfakhrai durchsteckt: Fotos von Schwarzgeld, gefälschte Rechnungen – genug für etwas Wind um den neuen Star am rechten Rand, zu wenig für einen Sturm, der Strache vom Sockel wehen könnte. Das meint zumindest Privatdetektiv Julian Hessenthaler und schmiedet mit Mirfakhrais Hilfe den kühnen Plan zum Ibiza-Gate, wie das politische Erdbeben später heißen wird.

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Ofczarek spielt seinen Schnüffler als provinzielles Weltereignis

Bis dahin erzählt der erfahrene „Tatort“-Regisseur ein hinreißendes Husarenstück über zwei ungleiche Partner im Kampf gegen gewaltige Gegner – und sich selbst. Denn während David A. Hamades Rechtsanwalt ein melancholischer Überzeugungs­täter im Kampf gegen den nationalen Rechtsruck ist, spielt Nicholas Ofczarek seinen Schnüffler so, wie Nicholas Ofczarek fast jeden seiner Protagonisten von „Braunschlag“ bis zur „Geschichte vom bösen Friedrich“ darstellt: als provinzielles Weltereignis.

Bevor Hessenthaler, der wie die meisten Charaktere tatsächlich so heißt, H.‑C. Strache (Andreas Lust) und dessen Höfling Johann Gudenus (Julian Looman) nach Ibiza lotsen kann, hurt und säuft und kokst und schwitzt er sich daher durchs dreckig glitzernde Wien der oberen Zehntausend, bis Schampus vom Flatscreen tropft. Kaum zu glauben, dass der Burgschauspieler privat ein „bürgerliches Leben“ führt, wie er vor der Darstellung des ähnlich ruinierten Cops in „Der Pass“ betonte: „Ich arbeite viel, bin gern daheim und brauche nicht dauernd Menschen um mich.“ Also kein Absturz nach Feierabend, fügt er hinzu: „Sorry.“

Straches Sturz erfolgt auch medial

Ästhetisch im Stil schillernder Raubzüge à la „Ocean’s 11“, beschränkt sich „Die Ibiza-Affäre“ nicht aufs Jagdfieber von vier Alpharüden plus weiblichem Lockvogel (Anna Gorshkova). Um der Trophäen habhaft zu werden, verbringt der Vierteiler rund ein Drittel seiner Zeit mit Bastian Obermayer (Patrick Güldenberg) und Frederik Obermaier (Stefan Murr), die Strache und Gudenus in der „Süddeutschen Zeitung“ stürzen.

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Flankiert von ihrer Begleitdoku ist „Die Ibiza-Affäre“ daher weit mehr als die Geschichte eines politischen Beutezugs. Es geht ums Mit- und Gegeneinander aller vier Gewalten im Lichte einer Gesellschaft, der rechtspopulistische Parteien von FPÖ bis AfD gerade europaweit das demokratische Licht abdrehen möchten. Weil Sky das zum Glück nicht rein chronologisch abarbeitet, sondern aus einem Füllhorn sprühender Einfälle bis hin zum Kasperletheater zur Erklärung illegaler Parteispenden, ist „Die Ibiza-Affäre“ das Fernseh-Highlight des angebrochenen Herbstes.

„Die Ibiza-Affäre“, (streambar bei Sky Q und Sky Ticket, linear am 21. und 28. Oktober, 20.15 Uhr, bei Sky Atlantic)

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