Die Grimme-Preise – ein klarer Aufruf zu mutigerem Fernsehen

  • Machtverschiebung beim Grimme-Preis: Gutes, deutsches Fernsehen kommt nicht mehr zwangsläufig von ARD oder ZDF.
  • Zu den Preisträgern gehören etwa “How to Sell Drugs Online (Fast)”, “Prince Charming” – und Joko & Klaas.
  • Eine gute Auswahl, findet RND-Autor Imre Grimm.
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Auf eines konnten sich ARD und ZDF über Jahrzehnte verlassen: Der Grimme-Preis war ein Fest des öffentlich-rechtlichen Fernsehens. Die Privaten holten beim renommiertesten TV-Preis des Landes keinen Stich. In Marl, wo man sich immer auch dem belehrenden Volkshochschulfernsehen aus alter Zeit verpflichtet fühlte, huldigten die Jurys trotz ihres sicheren Blicks für seltene Perlen im Kern dann doch gerne dem Altvertrauten: dem klassischen, gelegentlich schwerblütigen 90-Minuten-Drama.

Die Machtverhältnisse haben sich verschoben

Doch etwas ist passiert. Die Machtverhältnisse im Erzählfernsehen haben sich verschoben. Das zeigt der Blick auf die Preisträger 2020: Von fünf ausgezeichneten Produktionen in der Kategorie “Fiktion” bekommt nur ein einziger traditioneller Fernsehfilm den Preis: das Drama “Hanne” (arte/NDR) von Dominik Graf mit Iris Berben als Ruheständlerin, die ein drohendes Diagnose-Ergebnis in einen Ungewissheitsrappel treibt. Grimme-würdig erschien den Fiktion-Juroren außerdem die Sky-Dramaserie “Der Pass” mit Julia Jentsch (“eine Serie auf höchstem Produktionsniveau, ein Vorbild für den Produktionsstandort Deutschland”), die schnelle, grelle und dichte Netflix-HipHop-Serie “Skylines”, der ZDF-Episodenfilm “The Love Europe Project” zur Europawahl 2019 und die deutsch-französische Koproduktion “Eden” (SWR/arte), die das Flüchtlingsdrama im Mittelmeer beleuchtet und die für die Juroren eine prototypische “europäische Erzählung” darstellt.

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Ehrung für Netflixserie: Maximilian Mundt (als Schüler Moritz) und Danilo Kamperidis (als Kumpel Lenni) in einer Szene der deutschen Netflix-Serie “How to Sell Drugs Online (Fast)”. Die Show wurde mit einem Grimme-Preis für Qualitätsfernsehen ausgezeichnet. © Quelle: -/Netflix/dpa

Überhaupt: Europa. “Das deutsche Fernsehen der Zukunft”, urteilte die Jury in der Kategorie “Fiktion”, “kann nur ein europäisches sein”. Gelungenes Erzählfernsehen müsse “die sozialen Spaltungsprozesse und neuen Abschottungen auf dem Kontinent klug thematisieren, sie aber in der Produktion spielerisch und einfallsreich überwinden”.

Gleich zwei Grimme-Preise gehen an Netflix

Netflix mag weiter vom Oscar für den besten Film träumen – beim Grimme-Preis 2020 ist der US-Streamingdienst gleich doppelt vertreten: Neben “Skylines” bekam auch die höchst originelle Coming-of-Age-Drogengeschichte “How to Sell Drugs Online (Fast)”, die mit übersprudelnder Spiellaune das Nerdtum feiert, den Grimme-Preis – allerdings putzigerweise in der Kategorie “Kinder & Jugend”, obwohl sich Bjarne Mädel als Dealer in bunten Farben in den Kopf schießt.

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Die Kategorie “Information” machten erwartungsgemäß ARD und ZDF unter sich aus. Geehrt wurden unter anderem die Doku “Wie ‘Holocaust’ ins Fernsehen kam” (WDR/NDR/SWR) und “Die Unerhörten – Über den Landtagswahlkampf in der Prignitz” (rbb). Gleich zwei Preise darf man getrost als solidarisches Schulterklopfen verstehen: Die Jury ehrte Georg Restle, den stellvertretenden Redaktionsleiter des WDR-Magazins “Monitor”, für seine “kontinuierliche und haltungsstarke Berichterstattung über Rechtsextremismus und Rechtsterrorismus”. Tatsächlich steht Restle als Reibungsfigur für rechte Internettrolle im Dauershitstorm.

Ein weiterer Preis ging an die NDR-Doku “SeaWatch3”. Auch diese Auszeichnung wird man weit rechts der Mitte als Provokation verstehen. Zwei “Panorama”-Autoren hatten für die Doku 21 Tage lang an Bord des Flüchtlingsschiffes “Sea-Watch 3” verbracht – vom Auslaufen und der Rettung von 53 Menschen bis zur Verhaftung der Kapitänin Carola Rackete im Hafen von Lampedusa. Restle und Rackete – es ist eben nicht nur ein handwerklicher, sondern gelegentlich auch ein politischer Preis.

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“Lässt seine Hetero-Vorbilder alt aussehen”: “Prince Charming” Nicolas Puschmann ist der Held der gleichnamigen Datingshow, die bei Vox und RTLNow zu sehen war. © Quelle: TVNOW / Arya Shirazi

Schummelvorwürfe gegen Joko & Klaas spielten keine Rolle

In der Kategorie “Unterhaltung” wurden Kurt Krömer für seine rbb-Show “Chez Krömer” und die Datingshow “Prince Charming” ausgezeichnet. Der Held der ersten schwulen Kuppelshow des deutschen Fernsehens (die RTL mutmaßlich aus Gründen programmgestalterischer Feigheit nicht im Hauptprogramm, sondern nur beim Schwestersender Vox und in der Mediathek RTLNow zeigte) lasse “seine Hetero-Vorbilder im Vergleich ziemlich alt und abgeschmackt aussehen”, hieß es. Der Ehrenpreis für sein Lebenswerk geht an den großen Filmemacher Heinrich Breloer, der trotz seines schwächeren jüngsten Werkes “Brecht" unvergessen bleiben wir mit grandiosen TV-Dokudramen wie “Todesspiel”, “Die Manns - Ein Jahrhundertroman” oder “Speer und Er”.

Der Mann für deutsche Dokudramen: Der Regisseur Heinrich Breloer hält bei der Pressekonferenz zur Bekanntgabe der Grimme-Preise 2020 die Auszeichnung in der Hand. Breloer bekommt den Preis für sein Lebenswerk. © Quelle: Henning Kaiser/dpa

Auch Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf bekommen einen Grimme-Preis – für ihre Pro7-Sendung “Joko & Klaas LIVE – 15 Minuten”, für die ihnen ihr Haussender als Siegprämie für die Spielshow “Joko und Klaas gegen Pro7” jeweils freie Hand lässt. Sie nutzten diese Freiheit unter anderem für starke Statements gegen Rechts, auch im Nachgang der Landtagswahl in Thüringen.

Aktuell stehen beide wegen Schummelvorwürfen in ihrer Show “Duell um die Welt” in der Kritik. Als authentisch verkaufte Filme sollen teils gestellt und von Schauspielern inszeniert gewesen sein. Diese Debatte habe bei der Preisvergabe aber “keine Rolle gespielt”, sagte Lars Gräßer, Sprecher des Grimme-Preises, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Auch Heufer-Umlaufs Pro7-Format “Late Night Berlin” hatte zu den nominierten Sendungen gehört. Meldungen, die einen Zusammenhang konstruierten zwischen den Fake-Vorwürfen und der Grimme-Entscheidung gegen “Late Night Berlin” entbehrten aber jeder Grundlage. Die Entscheidung sei lange vor der Diskussion gefallen. Die Preise werden am 27. März in Marl verliehen.

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Die Liste der Preisträger ist auch ein klarer Appell an die TV-Macher, die alten Pfade endlich zu verlassen und sich daran zu erinnern, dass modernes Fernsehen den Zeitgeist zumindest streifen sollte, um wahrgenommen zu werden. Es ist eine gute, zeitgemäße Auswahl der Grimme-Jurys – mit einer deutlichen Warnung an ARD und ZDF: Passt auf, dass ihr nicht zum Nokia des Fernsehens werdet, zu Giganten von gestern.


DIE 56. GRIMME-PREISE 2020 – ALLE PREISTRÄGER

Wettbewerb Fiktion

Der Pass (Wiedemann & Berg/epo-Film für Sky)

Hanne (PROVOBIS für NDR/ARTE)

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Skylines (Komplizenfilm/StickUp Filmproduktion für Netflix)

Spezial für das Konzept einer europäischen Erzählung in Eden (Atlantique Productions/Port au Prince/Lupa Film für SWR/ARTE/ARTE France/Degeto)

The Love Europe Project (Sperl Film + Fernsehproduktion /ZDF Das kleine Fernsehspiel für ZDF/ARTE)

Wettbewerb Information & Kultur

Dark Eden (Made in Germany Filmproduktion für ZDF/3sat)

Die Besondere Journalistische Leistung für Georg Restle (stellv. für die Redaktion von Monitor, WDR)

Die Unerhörten – Über den Landtagswahlkampf in der Prignitz (JABfilm für rbb)

SeaWatch3 (STRG_F/Panorama/NDR Dokfilm für NDR)

Wie “Holocaust” ins Fernsehen kam (Hanfgarn & Ufer für WDR/NDR/SWR)

Wettbewerb Unterhaltung

Chez Krömer (probono TV für rbb)

Joko & Klaas LIVE – 15 Minuten, Staffel 1 (Florida Entertainment für ProSieben)

Prince Charming (Seapoint Productions für TVNOW)

Wettbewerb Kinder & Jugend

Ab 18! Die Tochter von … (Joakim Demmer Film & TV Produktion für ZDF/3sat)

How To Sell Drugs Online (Fast) (btf für Netflix)

Spezial an Bürger Lars Dietrich und Marti Fischer für ihre Doppel-Moderationen in “Leider laut” (Warner Bros./ITVP für ZDF)

Publikumspreis der Marler Gruppe

Der König von Köln (Zeitsprung Pictures/Dreamtool Entertainment für WDR)



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