“Die Getriebenen”: Angela Merkel und die Flüchtlingskrise

  • Der Film “Die Getriebenen” (Mittwoch, 20.15 Uhr, ARD) zeigt die Tage im Sommer 2015, bevor Angela Merkel ihre Schlüsselentscheidung in der Flüchtlingskrise fällt.
  • Das Drehbuch basiert auf dem gleichnamigen Sachbuch von Robin Alexander.
  • Der Film rekonstruiert akribisch – nimmt sich aber auch die Freiheit zu fiktiven Szenen in der Merkel’schen Küche.
Ernst Corinth
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Ja, sie sagt’s wirklich: das unschöne Wort, das mit “Sch” anfängt. Auch Bundeskanzlerinnen dürfen halt mal deftig fluchen. Anlass für diesen kurzen und seltenen emotionalen Ausbruch ist eine SMS, die Angela Merkel im Juli 2015 auf ihr Smartphone erhält – mit der Nachricht, dass der ungarische Ministerpräsident Orbán begonnen hat, einen Grenzzaun zu errichten. Diese vermutlich fiktive Szene steht am Anfang des fast zweistündigen Films “Die Getriebenen”. Er ist entstanden nach Motiven aus dem gleichnamigen Buch des “Welt”-Korrespondenten Robin Alexander, der darin penibel die Ereignisse rund um die sogenannte Flüchtlingskrise im Sommer 2015 rekonstruiert hat. Den Schwerpunkt seiner Verfilmung setzen dabei Regisseur Stephan Wagner und sein Drehbuchautor Florian Oeller auf das Krisenmanagement der Bundesregierung unter der Leitung natürlich der Kanzlerin, die von der großartigen und gar nicht “Mutti”-haften Imogen Kogge verkörpert wird.

Der Film selbst konzentriert sich dann auch auf die Politikerin Merkel, private Szenen bleiben die rare Ausnahme. Und wer gar hofft, Enthüllendes über das familiäre Leben der obersten Krisenmanagerin zu erfahren, wird zum Glück enttäuscht. Auch ihr Mann, der Physiker Joachim Sauer (Uwe Preuss), bleibt eine Randfigur. Ihn sieht man mal zu Anfang mit der Schürze in der heimischen Küche hantieren oder als Merkels Urlaubsbegleiter auf einer Wanderung in Südtirol. Allerdings kommt ihm gegen Ende die Rolle zu, seine Frau zu kritisieren, weil sie den Krieg in Syrien und dessen absehbare Folgen vermeintlich zu lange ignoriert habe.

Angela Merkel als eine Art Superheldin

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Andere kritische Stimmen im Film gibt es kaum, und wenn doch stammen sie von Politikern, die meist unsympathisch als Intriganten oder Karrieristen gezeichnet sind. Ganz schlecht weg kommen beispielweise Sigmar Gabriel (Timo Dierkes), der ständig genüsslich vermeintliche Fehler Merkels auszunutzen versucht, Horst Seehofer (Josef Bierbichler), der den grummeligen barocken Patriarchen am Ende seiner politischen Laufbahn gibt, und dessen Gegenspieler Markus Söder (Matthias Kupfer), der eiskalt wie ein Mafiosi agiert. Und vor allem das Trio infernale des Films: Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maassen (Michael Benthin), BKA-Chef Holger Münch (Peter Kremer) und Bundespolizeiboss Dieter Romann (Jörg Westphal). Schlimmer noch ist nur der clever umtriebige Filmfinsterling Viktor Orbán (Radu Banzaru), den man sich so auch als Bösewicht in einem James-Bond-Abenteuer vorstellen kann.

Doch gegen Merkels Strahlkraft in diesem Film haben all diese Charaktere nicht den Hauch einer Chance. Sie leistet hier wahrlich nahezu Unmenschliches, hetzt von Termin zu Termin, kümmert sich gleichzeitig um mehrere Krisen dieser Welt. Und wird dabei fast zu eine Art Super-Angela verklärt, auf die wir Bürger uns eben verlassen können. Ob das alles der Realität entspricht, sei einmal dahingestellt. Vieles im Film, besonders die meisten Dialoge, sind natürlich reine Fiktion, die aber eine Ahnung von der Stimmung im Sommer 2015 recht anschaulich vermitteln.

Gemischte Gefühle zu “Die Getriebenen”

Beeindruckend ist jedenfalls das Tempo dieses Politdramas, in das geschickt reale Nachrichtenbilder und dokumentarische Szenen eingebaut sind. Allerdings ist der zum Glück nur selten vorkommende Versuch, die Schauspieler mittels Computer in reale Szenen hineinzumontieren, ziemlich missglückt. Dagegen haben die Maskenbildner wahre Kunststücke vollbracht, Ähnlichkeiten mit den realen Vorbildern herzustellen – besonders Tristan Seith verkörpert Merkels ersten Krisenmanager, den bulligen Peter Altmaier, täuschend echt.

Was am Schluss des Films bleibt, ist das Bild tatsächlich unglaublich getriebener und von der Krise angetriebener Politiker, die kaum einmal Zeit zum Besinnen und zum Nachdenken haben. Menschen und Machtmenschen, die schnellstens reagieren müssen, um noch Schlimmeres zu vermeiden. Und es ist ein trauriger Zufall, dass man dabei zwangsläufig an die aktuelle Corona-Pandemie denken muss, die vermutlich in Jahren ein vergleichbar packendes Drama über politisches Krisenmanagement inspirieren wird. Hoffentlich mit einem halbwegs guten Happy End. Dass dann wieder im Mittelpunkt eines solchen Films die kühl rational agierende Angela Merkel stehen wird, ist schon ein schön ironischer Einfall der Geschichte.

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