Die Fake-News-Ära geht zu Ende

  • Fake News gelten als süßes Gift der sozialen Medien. Aber neue Studien zeigen: Komplett erfundene Nachrichten verlieren an Bedeutung.
  • Und das Vertrauen in etablierte Medien wächst wieder.
  • Ein Hoffnungsbericht zum Internationalen Tag der Pressefreiheit am 3. Mai.
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Eine globale Katastrophe. Radikale Maßnahmen. Millionen verunsicherte Menschen. Es seien goldene Zeiten für Fake-News-Erfinder, heißt es. Je unübersichtlicher die Lage, desto größer die Sehnsucht nach einfachen Erklärungen. “Immer mehr Fake News zu Corona im Netz”, “Kampf gegen Fake-News-Epidemie im Web” – nur zwei aktuelle Schlagzeilen.

Es gibt nur ein Problem: Das Gegenteil ist der Fall. Fake News verlieren an Bedeutung.

Thorsten Quandt, Kommunikationswissenschaftler der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster, hat für eine Studie 12.000 Facebook-Posts aus diesem Frühjahr überprüft. Ergebnis: “Unsere Analyse zeigt, dass es, anders als Politiker, Journalisten und die Öffentlichkeit vermuten, kein nennenswertes Maß an frei erfundenen Nachrichten gibt.” Quandt fand heraus: “Alternative Medien” wie “Tichys Einblick” oder “Die Achse des Guten” wenden sich ab von reinen Fake News und schwenken um auf die Verbreitung von Verschwörungstheorien. Komplett gefälschte “Nachrichten” ohne Kern werden seltener. Solche Medien vermischten aber weiterhin “das Leugnen des Klimawandels, die Flüchtlingskrise, Weltuntergangstheorien und das Coronavirus” zu einer “widersprüchlichen, bedrohlichen und misstrauischen Weltansicht, die jede ‚offizielle‘ Aussage in Frage stellt”, urteilt Quandt.

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Was ist Fake News? Was Verschwörungstheorie?

Aber worin genau unterscheiden sich Fake News und Verschwörungstheorien? Natürlich sind die Übergänge fließend. Ein Deutungsversuch:

  • “Fake News” ist der Sammelbegriff für die “Pornografie der Kommunikation”, für erlogene oder bis ins Absurde verzerrte Newshäppchen, deren Erfinder meist auf ein paar schnelle Klickdollars oder politischen Einfluss durch Manipulation hoffen. Donald Trump missbraucht die Formel außerdem gern zornbebend als emotionales Überdruckventil gegen jedwede missliebige Berichterstattung.
  • Verschwörungstheorien dagegen sind die gedanklichen Produkte eines geschlossenen Weltbildes, deren Anhänger sich auf der Spur eines größeren Kontextes und geheimer Interessen wähnen, deren Ablehnung oder “Totschweigen” durch die “Mainstream-Medien” ihre vermeintliche “Brisanz” nur bestätigen. Ziel ist seelische Entlastung: Die Einbettung komplexer Vorgänge in einen vermeintlichen “tieferen Sinn” sorgt dafür, dass sie erklärbar, schlüssig und damit besser aushaltbar erscheinen. Verschwörungstheoretiker sind im Kern auf der Suche nach einfachen Antworten, weil sie Unerklärliches schlecht aushalten.

Tatsächlich ist eben auch Unfug vom Grundgesetz geschützt. Niemand macht sich strafbar, der irgendeiner Quatschtheorie anhängt, so lange diese verfassungskonform bleibt. Aber: Die Abwesenheit eines Gegenbeweises macht aus einer Quatschtheorie (“Flat Earth”, “Chemtrails”) weder eine von vielen möglichen “Meinungen” noch eine potenziell mögliche Realität. Es bleibt eben Quatsch. Die Erde ist keine Scheibe. Wer das behauptet, bietet eben nicht eine mögliche Interpretation, sondern redet schlicht Unfug. Und: Im Unterschied zur wissenschaftlichen Theorie zeigt sich die Verschwörungstheorie von wissenschaftlichen Erkenntnissen traditionell unbeeindruckt oder nimmt wahlweise nur diejenigen zur Kenntnis, die sie stützen.

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Das süße Gift der Lüge wird seltener

Den Verschwörungstheoretiker kennzeichnet es deshalb auch, den “Mainstream” zur Hebung des eigenen Selbst zu unaufgeklärten, manipulierbaren Schäfchen zu erklären, während man selbst die “wichtigen Fragen” stelle und selbstverständlich unvoreingenommen und ergebnisoffen agiere. Auch der feste Glaube, die Medien seien vorsätzlich blind für bestimmte Themen und schwiegen “unerwünschte” Storys tot, gehört dazu. Dabei gilt das alte Bonmot des früheren Intendanten des Hessischen Rundfunks, Helmut Reitze: “Nur weil sie es nicht gesehen haben, heißt das nicht, dass wir es nicht gesendet haben.” Die selektive Wahrnehmung spielt eine große Rolle.

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Doch es scheint, als gelte für das süße Gift der Lüge dasselbe wie für das Coronavirus: Das Bemühen um Eindämmung und Aufklärung zeitigt erste Erfolge. Es ist eine gute Nachricht zum Internationalen Tag der Pressefreiheit am 3. Mai. Eine frische Studie bestätigt etwa frühere Erkenntnisse, wonach etwa der Einfluss politischer Propaganda auf die Wahl von Trump 2016 viel geringer war als weithin diskutiert: Nur 6 Prozent der Nachrichtentexte, die Amerikaner vor der Wahl konsumierten, enthielten Fake News. Es waren weder russische Bots noch rechte Propaganda, die die US-Wahl entschieden haben. Allerdings: Auf Seiten der Republikaner war die Anfälligkeit für Fake News deutlich höher als bei den Demokraten: Bei Konservativen machten konservative Fake-News-Seiten 11 Prozent des Konsums aus, bei Liberalen nur 0,8 Prozent.

Die Debatte über Fake News steht in keinem Verhältnis zu ihrer Häufigkeit

Natürlich grassieren auch zu Corona absurde Whatsapp-Gerüchte und boshafte Falschnachrichten, die immer perfekter getarnt sind. Die Debatte über Fake News aber steht in keinem Verhältnis zu ihrer tatsächlichen Häufigkeit. Bill Gates’ geheime Zwangsimpfungspläne? Ibuprofen verstärkt Covid-19? Die Bundesregierung plant die dauerhafte Abschaffung wichtiger Bürgerrechte? Es sind mediale Strohfeuer eines winzigen Erregungszirkels. “Fake News verloren rapide an Marktwert”, schrieb der Zukunftsforscher Matthias Horx in einem viel beachteten Essay zur Corona-Krise. Und der Tübinger Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen sagt im NDR: “Die Verschwörungstheoretiker sind längst in ihre Youtube-Biotope abgedrängt.”

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Neue Zeiten für die Medien: In Plastikfolie eingewickelte Mikrofone stehen vor dem Beginn einer Pressekonferenz auf einem Tisch. © Quelle: Frank Molter/dpa

Während die Fake-News-Welle also abflaut, boomen Reichweiten und Quoten der etablierten Medien. Die Zahl der Nutzer auf den Nachrichtenseiten der deutschen Verlage insgesamt hat im März um mehr als 10 Prozent zugenommen. Während der Pandemie nimmt die Nutzerzahl der digitalen Zeitungsangebote stark zu: Während in der Woche vom 10. Februar bis zum 16. Februar die Zeitungsangebote rund 40 Millionen Unique User verbuchten, lag die Zahl der Unique User in der Woche vom 16. März bis zum 22. März 2020 bei rund 46,2 Millionen, meldet etwa der Bundesverband Digitalpublisher und Zeitungsverleger (BDZV).

Das liegt am enormen Durst nach Informationen. Und es bestätigt den alten Satz: Im Krieg gehen die Menschen wieder in die Kirche. Die “Lügenpresse”-Kampagne hat ihren Zenit überschritten. Das Vertrauen kommt zurück. Das ist nicht nur ein Gefühl unter Journalisten – das ist empirisch belegt. 2015 sagten nur 28 Prozent der Deutschen in der Mainzer Langzeitstudie Medienvertrauen, ihr Vertrauen in die Medien sei “hoch”. Zuletzt waren es wieder 44 Prozent. Immerhin. Ganz oben auf der Glaubwürdigkeitsskala stehen der öffentlich-rechtliche Rundfunk und die Tageszeitungen.

Medien müssen ihre Arbeit erklären

Neue Studien bestätigen zudem, wie wichtig freie Medien für die Demokratie sind. In 900 US-Städten, in denen die Lokalzeitung ihr Erscheinen einstellen musste, engagieren sich die Einwohner weniger sozial. Wo das Korrektiv fehlt, die kritische Begleitung durch professionelle Medien oder Opposition also, explodieren die öffentlichen Kosten, steigt die Korruption und verarmt die politische Vielfalt.

Es gibt Anzeichen dafür, dass die Gesellschaft den Wert dieser journalistischen Arbeit wieder zu schätzen beginnt. Umgekehrt begann schon vor Corona eine Rückbesinnung der journalistischen Zunft auf ihre gesellschaftliche Aufgabe und das Handwerkszeug, das sie dafür benötigt. “Journalismus lief lange Zeit so, dass wir unsere Inhalte über eine hohe Steinmauer zu den Lesern geworfen haben”, schreibt etwa Carsten Fiedler, Chefredakteur des “Kölner Stadt-Anzeigers”, in einem Gastbeitrag für das Branchenmagazin “Kress”. “Ob sie unsere Geschichten informativ oder öde fanden, war – eigentlich – egal, solange haufenweise Geldsäcke über die Mauer zurückgeworfen wurden.” Nun aber zwinge die Krise des Geschäftsmodells die Medienbranche “brutal und ehrlich zu einer Rückbesinnung auf alte journalistische Tugenden und Grundlagen”.

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Es scheint, als werde diese Rückbesinnung gewürdigt. Dass trotzdem noch immer viele Zuschauer und Leser Journalisten misstrauen, liegt nicht zuletzt an der Rätselhaftigkeit dieses Berufes. Wem fühlen sich Journalisten verpflichtet? Wie kommen sie an ihre Informationen? Es ist vergleichsweise leicht, zu erklären, wie aus einem Kornfeld ein Brötchen wird. Aber wie wird aus diversen Quellen eine Story? Wie geht “Wahrheit”? Es ist eine der Lehren für die Medienwelt aus der Corona-Krise: Zum Journalismus der Gegenwart gehört, ihn selbst und seine Mechanismen (und Grenzen) zu erklären.

“Verbockt es nicht!"

Frisch mit dem Henri-Nannen-Preis geehrt schwingt sich ausgerechnet einer zum Verteidiger der etablierten Zeitungen und Sender auf, der sich die “Altmedien” sonst gern mal kritisch zur Brust nimmt: der Blogger Rezo. Gerade wurde er für sein Video “Die Zerstörung der CDU” ausgezeichnet, das im Jahr 2019 sämtliche Verteidigungsreflexe des politischen Berlins sowie der zum Snobismus neigenden Hauptstadtjournaille auslöste.

“Ich bin total glücklich, in einem Land zu leben, in dem man so überdurchschnittlich gut mit dieser Situation umgeht, auch in vielen Redaktionen”, schrieb Rezo in der “Zeit”. Seine Leser rief er dazu auf, in der Corona-Krise mit der “gezielten Unterstützung der Blätter, die aus eurer Sicht einen guten Job machen, auch aktiv die Qualität im Journalismus zu beeinflussen”. Wie nachhaltig dieses neue Vertrauen ist, ist aber offen. Oder wie Rezo sagt: “Verbockt es nicht!”

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