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Die Dunkelheit am Ende der Stadt – Jeff Daniels als Sheriff in der Sky-Serie „American Rust“

Am Ort eines Verbrechens: Sheriff Del Harris (Jeff Daniels, l.) und sein Deputy Steve Park (Rob Yang) in einer Szene aus „American Rust“.

Jeff Daniels ist der Mann unseres Vertrauens, ein Mann von enormer körperlicher (1,91 Meter) und moralischer Statur. Der heute 66-Jährige behagte uns ungemein als Nachrichtenmann in der Medienserie „The Newsroom“ (2012–2014, dafür gab’s den Emmy-Award), ebenso als standhafter FBI-Widersacher von Donald Trump im Politdrama „The Comey Rule“ (2020) und – mit Abstrichen – als Antiterrorismusexperte John O‘Neill in der 9/11-Serie „The Looming Tower“ (2018). So einer zwischen James Stewart und Teddybär – mit einem wissenden, gutmütigen Lächeln um die Lippen, das ihn erdet und das seinen Figuren gern auch in traurigen Momenten entwischt.

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Natürlich kann der Mann aus Michigan, der seine Filmkarriere 1981 als Polizist in Milos Formans Rassismusdrama „Ragtime“ begann, auch anders. Davon zeugte zuletzt sein verschlagener Outlaw Frank Griffin in Scott Franks Westernserie „Godless“ (2017, dafür gab’s noch einen Emmy). Aber die Gegenanzeige ficht uns nicht an. Wir verlassen uns auf Jeff Daniels, und das glauben wir auch in „American Rust“ zu können, wo er den Sheriff Del Harris spielt, der seine Wacht in dem hält, was man eine gottverlassene Stadt nennt.

Im Hillbillyreich plinkert die Filmmusik vorzugsweise Banjo

Auch wenn Harris in der ersten Episode erst mal in Tablettenröhrchen nach Schmerzbetäubern kramt. Alles schön zermörsern (ein immer wiederkehrendes Bild) – die Kamera schaut derweil auf eine Gitarre und ein Bild aus der aktiven Zeit bei der Army. Ist er mal von der Bühne gefallen? Wurde er im Golfkrieg verwundet? Ab in den Hals mit dem Zeug. Und dann mit dem Gewehr in den Wald – gern zu Banjoklängen. Es werden hier im Hillbillyreich sehr viele Banjos zu hören sein.

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„American Rust“ – hier in Buell, Pennsylvania, frisst der Rost an den Ruinen der aufgegebenen Industrie, hier schreit der Rabe „Nimmermehr!“, hier sind die Möbel traurig schwarz, hier sagen sich Arbeitslosigkeit und Armut Gute Nacht, hier ist ein Niedergangsort wie aus dem bösen Bilderbuch – eine von den Städten, die Bruce Springsteen früher so einfühlsam in Songs wie „Factory“ oder „The River“ besungen hat, wo es die Armen und Verlierer nie über die „Dunkelheit am Rande der Stadt“ hinausschaffen.

Hier pfänden und versteigern die Banken einst traute Heime, und hier hängt nicht nur der Sheriff an Opioiden, hier schluckt – beispielsweise – auch seine (unglücklich verheiratete) Geliebte, die Näherin Grace Poe („Emergency Room“-Star Maura Tierney) die Pillen gegen den schweren Schmerz in ihren Händen. Hier sitzt ihr aufbrausender, Unheil anziehender Sohn Billy (Alex Neustaedter), ein Junge ohne Job, schon morgens vorm Trailer und begrüßt das erste Bier.

Ein Blick ins Trump-affine Amerika vor Trump

Und hier hievt der junge Isaac English (David Alvarez) seinen seit einem Unfall im Stahlwerk schwerbehinderten, unwirschen Vater Henry (Bill Camp) ein letztes Mal in den Sessel, um sich dann Daddys Geld zu schnappen, nicht mehr wiederzukommen und die Pflege seiner Schwester (Julia Mayoga) anzuvertrauen, die glaubte, die Flucht (durch Heirat mit einem reichen Mann) schon geschafft zu haben. Hier ist Buell – Tag für Tag gut für ein Endstationgefühl. Das Trump-affine Amerika in den Zeiten vor Trump.

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Erst einmal geht es (viel zu lange) in die Vergangenheit

Hier wird Harris zu einem Verbrechen gerufen. Er sieht die Leiche im heruntergekommenen Stahlwerk, das Publikum nicht. Dieser Todesfall wird – ähnlich wie zuletzt in „Mare of Easttown“ (mit Kate Winslet als Polizistin) – Angelpunkt der Erzählung sein. Und dann nimmt uns die Serie erst mal für eine Episode mit in die Vergangenheit.

Sechs Monate geht es zurück zu dem üblichen Punkt, „an dem alles begann“, um dem Publikum vielleicht ein paar Motive zu geben, warum da wer sein Leben ließ. Die Poes versuchen sich in dieser Stunde Vorgeschichte das Rabenland schönzureden. Von Billy erfährt man, dass er mal das Zeug zu einem Footballstar hatte, die „Liebe seines Lebens“ verlor, sich auf eine Prügelei einließ, auf Bewährung frei ist. Die Mutter seines depressiven Freundes Isaac wurde einst tot am Fluss gefunden. Und als die erste Stunde vorüber ist, denkt man, angetan freilich von weitgehend guten schauspielerischen Leistungen, dass man all das auch in gut 20 Minuten hätte hinkriegen können.

Langsam ist diese Serie nach Philipp Meyers Roman „Rost“, so viel steht bald fest. Nicht langsam in der bindenden Weise, in der Miniserien ihre Charaktere und ihr Drama langsam aufbauen, sondern langsam-langsam – in der zeitverschwendenden Art von „Wozu muss ich das alles wissen?“. In der nervtötenden Art von „Damit du nicht so viel nachdenken musst, Zuschauer, erklären wir dir alles noch mal in Dialogen!“.

Man wartet erst mal vergeblich auf den Seriensog

Serienschöpfer Dan Futterman traut uns wenig zu, das lässt sich nach den drei (von insgesamt neun) zur Ansicht gewährten Episoden ganz klar sagen. Das Untergangsmilieu haben wir in Ron Howards „Hillbilly Elegy“ fesselnder ausgestellt gesehen, auch gerade erst auf Netflix in Nora Fingscheidts „The Unforgivable“ oder in Barry Levinsons Serie „Dopesick“ über die Opioidkrise – zu sehen auf Disney+. Freilich stehen da noch zwei Drittel von „American Rust“ aus, sechs Folgen, in denen, wie Serienfans wissen, der Seriensog durchaus noch erzeugt werden kann.

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Und wer‘s getan hat, will man ja nun durchaus erfahren. Vor allem, wie weit der gute Sheriff von seinen Prinzipien abweicht, um jemanden zu beschützen, von dem er glaubt, er sei der Mörder. Erst mal lässt Harris eine Collegejacke verschwinden, die am Tatort lag. Noch so ein Springsteen-Song wird hier eingewoben: der vom „Highway Patrolman“, der für seine Nächsten fünfe gerade sein lässt „Der Mann, der seiner Familie den Rücken zukehrt, ist kein guter Mann“, sang der Boss 1981 auf seinem Americana-Album „Nebraska“.

Aber welcher Mörder lässt ein Kleidungsstück zurück, das halb Buell kennt? Wollte er erwischt werden? Wurde das Stück ausgelegt, um ihm eine Falle zu stellen? Serien wie „American Rust“ versprechen keine Happy Ends. Aber Jeff Daniels wird die Wahrheit am Ende herausfinden, da sind wir uns sicher. Er ist der Mann unseres Vertrauens.

„American Rust“, neun Episoden, von Dan Futterman, mit Jeff Daniels, Maura Tierney, Bill Camp, Alex Neustaedter (ab 15. Dezember bei Sky)

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