Die ARD und ihr Männerproblem

  • ARD-Programmdirektor Volker Herres glaubt, es gebe kein “weibliches Pendant zu Kai Pflaume”.
  • Aussagen wie diese sorgen jetzt sogar in eigenen Reihen für Widerspruch.
  • Journalistin Eva Schulz zeigt sich “entsetzt” – und auch Dunja Hayali übt deutliche Kritik.
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Berlin. Der Programmdirektor der ARD, Volker Herres, hat mit einem Interview für Entrüstung gesorgt – und das sogar bei seinen eigenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Grund für den Ärger ist ein Gespräch mit der “Bild am Sonntag”. Gegenüber der Zeitung sagte Herres, ihm falle kein “weibliches Pendant zu Kai Pflaume" ein – und das sei auch nicht das Ergebnis “vorsätzlicher Diskriminierung”.

Auf die Frage, ob er gerne Moderatoren in die ARD holen würde, antwortet Herres: “Ich glaube, wir sind im Showbereich mit Kai Pflaume, Jörg Pilawa, Guido Cantz, Eckhard von Hirschhausen und Florian Silbereisen bestens und auch vielfältig besetzt.”

Daraufhin entgegnet die “BamS”: “Merken Sie was?” Herres: “Ja, das sind alles Männer. Das wäre mein nächster Satz gewesen. Ich würde in der Unterhaltung, jenseits von Comedy, gern mehr Frauen sehen. Im Showbereich arbeiten wir auch regelmäßig mit der hinreißenden Barbara Schöneberger zusammen. Aber gleichwohl: Wir haben da in der Tat ein Defizit.”

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“Mir fällt keine ein”

Auf die Frage, wer denn als mögliche Moderatorin passen könnte, antwortet Herres: “Wüssten Sie jemanden? Mir fällt aktuell kein weibliches Pendant etwa zu einem Kai Pflaume ein, der die große Samstagabendshow moderiert und mit seiner Empathie und Zugewandtheit so große Mehrheiten für sich begeistert.”

Wenn man die “großen, legendären Entertainer” durchgehe, komme man auf Kuhlenkampff, Frankenfeld, Carrell und Gottschalk, so Herres. “In der Showunterhaltung trifft man nicht viele Frauen an. Ich habe nicht den Eindruck, dies ist das Ergebnis vorsätzlicher Diskriminierung. Aber ändern würde ich es gern. Falls wir also jemanden übersehen haben, darf man sich gern bei uns melden.”

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Genau dieser Vorschlag ließ nicht lange auf sich warten. Auf Twitter stießen Herres’ Aussagen umgehend auf Kritik. Der TV-Autor @nichtdieband lieferte gleich eine ganze Liste an Frauen, die ihm als gutes Kai-Pflaume-Pendant einfielen – darunter etwa Sabine Heinrich, Ina Müller oder Katrin Bauerfeind.

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Strukturelle Diskriminierung

“Und das sind nur Moderatorinnen, die die Zuschauer*innen u. a. aus ARD-Formaten kennen. Meiner Meinung nach zeigt das zusätzlich, dass das (Unterhaltungs-)Programm der ARD auch mehr Diversity vertragen könnte”, schrieb er weiter. “Vielleicht ist es auch Teil des Problems, dass Sie nach einem ‘weiblichen Pendant’ suchen und das Defizit damit begründen, dass das Angebot an Moderatorinnen einfach zu schwach sei. Kleiner Tipp: Die ARD bildet ja auch Moderatorinnen aus …”

Auch andere Kommentatoren sind der Ansicht: Nicht die Frauen in der ARD sind das Problem, sondern die Männer in den Machtpositionen. Die Unternehmerin Tijen Onaran twitterte: “Sie können doch die Veränderung anstoßen. Irgendjemand hat Kai Pflaume doch auch entdeckt: Entdecken müssen Sie Frauen gar nicht, es gibt sie. Einfach links und rechts schauen und ihnen Chancen geben!”

Der Journalist Henning Bulka kommentierte: “Ich würde mich an Ihrer Stelle … fragen, welche Gründe struktureller Diskriminierung dazu führen, dass Frauen hier so immens unterrepräsentiert sind.”

Kritik aus eigenen Reihen

Kritik kommt aber auch aus eigenen Reihen der ARD: Die Journalistin Eva Schulz, die unter anderem das Funkformat “Deutschland 3000” moderiert, zeigte sich am Dienstag “entsetzt” über die Aussagen des Programmdirektors. “Unter den Kolleginnen gibt es so viele ‘empathische und zugewandte’ Frauen. Wie kann es sein, dass Sie uns nicht wahrnehmen?”, twitterte Schulz.

Und schlimmer noch: “Wie kann es sein, dass Sie nicht begreifen, dass es Ihre Aufgabe wäre, diesen Moderatorinnen die ‘großen Mehrheiten’ überhaupt zu ermöglichen, indem sie ihnen die Sendeplätze und Budgets verschaffen? Hiermit ‘melde’ ich mich also ‘gern’ bei Ihnen und möchte Sie auf diese Frauen hinweisen”, schrieb Schulz und ergänzte dann eine lange Liste mit Moderatorinnen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Mit dabei unter anderem: Carolin Kebekus, Linda Zervakis und Dunja Hayali.

Hayali selbst stieg ebenfalls in die Diskussion mit ein: “Hab ich auch schon in meinem Insta-live mit der und dem ein oder anderen besprochen. Offensichtlich können (in den Augen mancher) Frauen ‘nur’ Talk, Männer alles, inklusive Quiz-Master und Unterhaltung …”

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Volker Herres äußerte sich nach dem Interview nicht weiter zur Thematik. Sein letzter Tweet vom 7. Juni ist ein Rückblick auf 70 Jahre ARD-Sportschau. Ein dazugestelltes Foto zeigt die Moderatoren der ersten Stunde. Alles Männer.

RND

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