Die ARD feiert – und lächelt den „Umweltsau“-Skandal weg

Familientreffen der ARD in Hamburg: Beim NDR startet ein neuer Intendant. Auf der Abschiedsparty für den scheidenden Lutz Marmor lagen alle Blicke auf WDR-Chef Tom Buhrow. Der musste nach der „Umweltsau“-Affäre einige Seitenhiebe aushalten.

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Stabwechsel beim NDR: Zwölf Jahre stand Lutz Marmor (65) als Intendant an der Spitze des Norddeutschen Rundfunks – in dieser Woche nun tritt Joachim Knuth (59) seine Nachfolge an. Der bisherige Hörfunkdirektor arbeitet seit 35 Jahren beim Sender, war Chef vom Nachrichtensender NDR Info und Hörfunkchefredakteur.

Knuth übernimmt den NDR in schwierigen Zeiten: ARD und ZDF stehen vor harten Einschnitten, sind politisch unter Druck und müssen gegen starke internationale Konkurrenten wie Netflix, Amazon, DAZN und Disney bestehen. Das Publikum altert, die Preise für Sportrechte explodieren, das Programm braucht dringend eine Frischzellenkur.

„Ich wollte ein Klima der Kreativität schaffen“, sagte Marmor vor 400 Gästen bei seiner Abschiedsfeier in Hamburg. „Vier von fünf Norddeutschen vertrauen uns. Das muss man sich jeden Tag neu erarbeiten. Denn dieses Vertrauen kann man sehr schnell wieder verlieren.“

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Buhrow scherzt über die „Umweltsau“-Debatte

Zu den Gästen gehörte auch WDR-Intendant Tom Buhrow. Er steht gerade innerhalb und außerhalb seines Hauses im Kreuzfeuer der Kritik, weil er die Entscheidung verteidigt hatte, das nach einem konzertierten Shitstorm bundesweit diskutierte Satirelied „Meine Oma ist 'ne alte Umweltsau“ des WDR-Kinderchores aus der Mediathek zu löschen. Getroffen hatte sie der Programmchef von WDR 2. Seit Anfang des Jahres ist der frühere „Tagesthemen“-Moderator Buhrow turnusmäßig auch für zwei Jahre Vorsitzender der ARD.

Moderator Kai Pflaume sagte mit Blick auf die „Umweltsau“-Debatte süffisant: „Tom Buhrow ist ja neuer ARD-Vorsitzender. Und er hat einiges dafür getan, dass das auch jeder in Deutschland weiß.“ Gelächter bei den Gästen. Buhrow selbst lächelte die Affäre weg. In seiner Laudatio auf Marmor sagte er lediglich: „Gut, dass er nicht Motorrad fuhr – wer weiß, was das für Kontroversen ausgelöst hätte.“

„Gut, dass er nicht Motorrad fuhr“: Tom Buhrow, Intendant des Westdeutschen Rundfunks, scherzt über die Affäre um das sogenannte „Umweltsau“-Lied. © Quelle: dpa
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Nun also ist Joachim Knuth neuer NDR-Intendant. Wer ist der Mann? Der gebürtige Kieler gilt als geschickter Diplomat im öffentlich-rechtlichen Kompetenzdschungel. „Intelligente Inhalte“, eine „klare Konturierung von Persönlichkeiten“ und „etwas, das man Geborgenheit nennen könnte“ – darin liegt für Knuth die programmliche Zukunft von Medienhäusern, sagte er dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Auf den NDR kämen vor dem Hintergrund des rasanten Medienwandels „erhebliche Anstrengungen“ zu.

Die ARD muss sparen - aber wo?

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Konkrete Sparpläne? Dafür ist es zu früh. Von den acht Radioprogrammen der Vierländeranstalt NDR aber sei keines verzichtbar, sagte er im Herbst. „Auch der Jazz ist uns lieb und teuer.“ Und sein Ziel sei, dass die beiden NDR-Orchester, der Chor und die NDR-Bigband „auch im nächsten Jahrzehnt erhalten bleiben“ sollen, versprach er noch als Hörfunkchef.

In diesem Jahr entscheidet sich die finanzielle Zukunft von ARD und ZDF. Die Finanzkommission KEF empfiehlt, dass der Rundfunkbeitrag 2021 von 17,50 Euro auf 18,36 Euro steigen soll. Darüber entscheiden am Ende die Ministerpräsidenten. Die Politik verlangt gleichzeitig harte Einsparungen und Strukturreformen. Von den bisherigen Vorschlägen der ARD-Intendanten sei er eher enttäuscht, sagte auch Partygast Stephan Weil, Ministerpräsident von Niedersachsen.

„Wir werden gebraucht“

Marmor sei ein „Möglichmacher“ gewesen, hieß es während der sympathischfrischen Gala, die mit viel Selbstironie und Witz auch Marmors rheinischen Geist widerspiegelte. „Ich bin Optimist“, sagte der scheidende Intendant Marmor. „Wir werden gebraucht.“

Doch es gibt keine Selbstverständlichkeiten mehr für ARD und ZDF. Darauf wies auch Manuela Schwesig (SPD) hin, die Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern, neben Hamburg, Niedersachsen und Schleswig-Holstein eines von vier NDR-Bundesländern. „Mein Sohn wird 13. Als er zwischen acht und zehn war, hat er viel Kinderkanal geguckt. Und jetzt ist er bei YouTube unterwegs.“ Auch sie selbst sehe kaum noch linear fern, sagte Schwesig. „Ich gucke eigentlich nur noch in den Mediatheken.“

Schwesig rechnet mit Grundsatzdebatte

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Aber es geht um mehr als veränderte Sehgewohnheiten. Die aktuelle Gebührenperiode endet 2021. Wie geht es danach mit dem Rundfunkbeitrag weiter? Lange galt das sogenannte Indexmodell als taugliches Instrument. Dabei wäre der Rundfunkbeitrag zum Beispiel an die Inflationsrate oder den Anstieg der Verbraucherpreise gekoppelt worden, statt wie bisher alle vier Jahre eine politischgesellschaftliche Debatte zu führen, an deren Ende die Politik entscheidet. Doch die Länder sind uneins. Bisher zeichnet sich keine Mehrheit dafür ab. Für Schwesig bedeutet das neuen Ärger: „Es wird in diesem Jahr eine grundsätzliche Debatte geben über den Rundfunkbeitrag.“ Auch in ihrem Bundesland gebe es politische Kräfte, die diese Debatte befeuerten, sagte sie mit Blick auf die AfD, die bei der Landtagswahl 2016 mit 20,8 Prozent zweitstärkste Kraft geworden war.

Schwesig sprach sich klar für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk aus: „Ich sage: Wir brauchen ihn. Denn ich weiß, wie es war, als es keinen gab: in der DDR.“ Sie bedauere, dass es über ARD und ZDF inzwischen nur noch eine „Schwarzweißdebatte“ gebe: Erhalten oder Abschaffen, ganz oder gar nicht – statt im Detail über Auftrag, Ausgestaltung, Finanzierung und Programm zu sprechen. „Ich kenne dieses Entweder-oder Denken aus der DDR. Da gab es nur Gut und Böse. Schwarz und Weiß. So sind wir sozialisiert. Ich wünsche mir, dass wir die Vielfalt der Meinungen zulassen, und da spielt auch der öffentlich-rechtliche Rundfunk eine wichtige Rolle. Wir brauchen ihn grundsätzlich.“

Wie gerecht ist der Rundfunkbeitrag?

Vor vier Jahren sank der Monatsbeitrag von 17,98 Euro auf 17,50 Euro. 2018 lagen die Erträge aus dem Rundfunkbeitrag bei rund acht Milliarden Euro. Wie der Beitragsservice von ARD, ZDF und Deutschlandradio mitteilte, stiegen sie erstmals seit 2014 wieder leicht an.

Der neue Rundfunkbeitrag, der 2013 die GEZ-Gebühr ablöste, steht immer wieder in der Kritik. Denn seit sechs Jahren muss jeder Haushalt die Gebühr bezahlen, auch wenn dort gar kein Fernsehgerät vorhanden ist. Viele empfinden den Rundfunkbeitrag daher indirekt als steuerähnliche „Zwangsgebühr“. Hinzu kommen rechnerische Ungerechtigkeiten: So zahlt ein allein lebender Single mehr als ein Mitglied einer Wohngemeinschaft. Das Bundesverfassungsgericht freilich hat den Beitrag Ende Juli 2019 für verfassungskonform erklärt.

Hoher Spardruck - und er wird noch steigen

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„Erhöhungen des Rundkunfbeitrags sind immer unpopulär“, sagte auch Hamburgs Erster Bürgermeister Peter Tschentscher, der derzeit im Wahlkampf ist. „Aber eine Indexierung wäre ein klares, transparentes System gewesen.“

Knuth muss sich als neuer Intendant also auf harte Debatten zur Legitimation der ARD-Senderfamilie einstellen. Seit Jahren hält er die Fahne eines Mediums hoch, das im medialen Reigen lange gegen seinen Ruf als elitäre Sackgasse beziehungsweise totformatiertes Nebenbeimedium kämpfen musste: das Radio. „Hören ist das neue Lesen“, sagte Knuth jüngst dem RND. Der Boom von Podcasts oder Hörspielen zeige: „Es gibt eine Renaissance des Hörens. Wir sind als Radio verdammt vital.“

Zwischen Qualität und Quote

Knuth kennt den Kampf zwischen Quote und Qualität: „Was niemand hört, das kann nicht relevant sein.“ Der Spardruck ist hoch, die Politik fordert Verschlankung. Am Ende wird die ARD nicht darum herumkommen, auch am Programm Streichungen vorzunehmen. Und so ehrlich muss man sein: Nicht alles, was dort zu sehen und zu hören ist, ist unentbehrlich.

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