Party statt Pandemie: Mit diesem Anti-Hass-Lied geht Deutschland beim ESC ins Rennen

  • „I Don’t Feel Hate“ heißt der Song, mit dem sich Deutschland beim Eurovision Song Contest 2021 bewirbt.
  • „Mein Ziel ist Platz eins“, sagte Sänger Jendrik Sigwart bei der Präsentation.
  • Sein Partysong soll in Europa auch als eine Art musikalischer Impfstoff gegen die Trübnis wirken. Kann das funktionieren?
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Positive Energie gegen die Pandemie: Mit einer Art popmusikalischer Aufmunterung will Deutschland beim Eurovision Song Contest 2021 in Rotterdam antreten. „I Don’t Feel Hate“ heißt das Partylied des fidelen Hamburgers Jendrik Sigwart – ein beschwingt-sorgloser Anti-Hass-Beitrag aus eigener Feder. „Ich liebe den Song“, sagte Sigwart bei der Präsentation des Liedes in Hamburg. Ein quietschvergnügter, humoristisch gemeinter und knallbunter Marshmallow von einem Song mitten in der Pandemie? Es ist ein musikalisches Wagnis. „Der Song polarisiert“, sagt Sigwart selbst.

„Der Song polarisiert“: Jendrik Sigwart, Sänger und Musicaldarsteller, fährt mit seinem Song „I Don't Feel Hate“ für Deutschland zum ESC. © Quelle: NDR

Das deutsche ESC-Team hofft, mit dem dreiminütigen Vergnüglichkeitsappell den Zeitgeist zu treffen. „Es ist das passende Lied zurzeit“, sagte der ESC-Verantwortliche Thomas Schreiber. Sigwart selbst nennt sein Werk „einen Hoffnungsschimmer, einen Lichtpunkt in der Pandemie“. Es sei im Kern „eine Botschaft an mich und die Welt: Man soll auf Hass nicht mit Hass reagieren. Nicht bei Rassismus, nicht bei Homophobie, und auch nicht, wenn jemand zu mir sagt: Du bist eine kleine Schwuchtel“, sagte Sigwart, gelernter Musicaldarsteller, der sich gern als eine Art menschliches Knallbonbon inszeniert. „Ich höre oft: ‚Boah, der ist so klamaukig und anstrengend.’ Der Song ist auch eine Belehrung an mich selbst: Jendrik, bleib trotzdem bei Liebe und Respekt.“

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Zwischen Gute-Laune-Gaga und gehobenem Quatsch

Die Auswahl des Liedes trafen zwei Jurys aus 153 Kandidaten mit insgesamt 323 Songs. Sigwart hatte sich selbst beworben. „Er hatte starke Konkurrenz mit hervorragenden Liedern“, sagte NDR-Delegationsleiterin Alexandra Wolfslast. „Aber Jendrik hat einfach das gewisse Etwas.“ Warum gab es erneut keinen öffentlichen deutschen Vorentscheid? „Es soll keine Verlierer geben“, sagte sie. „Das bietet für die Zukunft mehr Möglichkeiten.“

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„I Don’t Feel Hate“ ist für deutsche Verhältnisse ein ungewöhnlicher ESC-Beitrag voller Kontraste: Nach einem fröhlich-folkigen Ukulelenauftakt unterbricht ein Bratzgitarren-Break wie ein Stroboskop-Effekt den Gute-Laune-Flow: Jekyll & Hyde als Popsong. Das klingt mit seinem vorsätzlich „kaputten“ Trompetensolo und einer kleinen Step-Einlage überraschend konsistent und lebt vollständig von der erratisch-überdrehten Persönlichkeit von Jendrik Sigwart. Die Inszenierung bietet einen ganzen Schwung von dramaturgischen Möglichkeiten zwischen Gute-Laune-Gaga und gehobenem Quatsch. „Ich hoffe, Sie haben noch ein derbe nices Leben“, wünscht er am Ende eines selbst gedrehten Waschsalon-Musikvideos.

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Musikalischer Impfstoff gegen die kollektive Trübnis

Partyalarm aus Deutschland? Das wird nicht wenige im ESC-Kosmos irritieren. Aber der Versuch ist aller Ehren wert, auch mit Blick auf die verheerende Bilanz der Vorjahre. Ein Schuss Unbekümmertheit als musikalischer Impfstoff gegen die kollektive Trübnis. Kann das funktionieren? Das hängt davon ab, ob dem Kontinent im Mai nach Partysehnsucht zumute sein wird, nach musikalischen Fluchtreflexen vor der Düsternis der Gegenwart also – oder ob er sich, was den Zeitgeist betrifft, lieber noch ein wenig im Elend suhlt und sich mit Schwerblütigem umwölkt. Ein wenig knüpft der Song an die musikalisch-humoristischen ESC-Experimente der Nullerjahre an.

Sigwart geht offensiv in den größten Popwettbewerb der Welt: „Mein Ziel ist Platz eins“, sagte er. „Ohne dieses Ziel könnte man nicht gewinnen.“ An erster Stelle aber stünden Spaß und Freude: „Ein anderer Platz wird mich nicht traurig machen. Auch den letzten fände ich nicht schlimm.“ Schreiber bringt einen Hauch mehr Defensive mit: „Eine Top-Ten-Platzierung ist toll, das wäre mein Ziel.“ Jendrik verfüge über eine „große handwerkliche Sicherheit. Er kann spielen, singen, steppen – und er bringt eine echte ESC-Begeisterung und diesen Hunger mit, auf der Bühne zu stehen. Das ist schon einzigartig.“

Nächstes Ziel: Taylor Swift treffen

86 Tage vor dem ESC-Finale in den Niederlanden also hat Deutschland seine Wahl getroffen. Am Freitag ist Sigwart um 22 Uhr in der „NDR Talkshow“ zu Gast, am Sonnabend tritt er bei Florian Silbereisen um 20.15 Uhr im Ersten live auf. Im März wird das deutsche Team dann ein Auftrittsvideo drehen, das am Finalabend abgespielt wird, falls ein Liveauftritt im Mai wegen der Corona-Pandemie nicht möglich sein sollte.

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„Ich fahre zum ESC, es ist ein Traum“, sagte Sigwart. „Das kann ich also abhaken auf der Wunschliste meines Lebens.“ Nächstes Ziel: Taylor Swift treffen.

Am heutigen Donnerstag um 17.50 Uhr zeigt Das Erste Sigwarts Song als Videopremiere, dann noch einmal um 19.56 Uhr direkt vor der „Tagesschau“. Der Eurovision Song Contest geht am 22. Mai 2021 in Rotterdam über die Bühne und wird ab 21 Uhr live in Das Erste, bei ONE und bei eurovision.de übertragen. Um 20.15 Uhr sendet die ARD eine Preshow mit Barbara Schöneberger – diesmal nicht von der Reeperbahn, sondern aus einem Studio ohne Zuschauer.

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