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ESC-Kandidat Jendrik: „Menschen sind häufig von mir genervt“

  • Am Samstag vertritt der Hamburger Jendrik Sigwart (26) Deutschland beim Eurovision Song Contest in Rotterdam.
  • Im RND-Interview spricht er über Erwartungsdruck, Hass – und Liebe.
  • Und darüber, was sein Song „I Don’t Feel Hate“ mit seinem Leben zu tun hat: „Ich möchte einfach nur glücklich sein.“
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Jendrik, wie erleben Sie den Eurovision Song Contest in Rotterdam? Haben Sie sich den Zirkus so vorgestellt?

Was diese riesige Bühne angeht und die Energie, habe ich mir den Song Contest genauso vorgestellt. Was ein bisschen zu kurz kommt, ist das Kennenlernen der anderen Künstler. Das fällt leider komplett aus, weil wir uns ja alle an die Corona-Regeln halten müssen – da gibt’s leider keinen Kontakt, das ist sehr schade, aber nicht zu ändern.

Man sagt immer: Dabei sein ist alles. Aber natürlich hat jeder im Kopf: Wäre doch schön, wenn Deutschland mal wieder was reißen könnte. Wie gehen Sie mit diesem Erwartungsdruck um?

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Den ignoriere ich einfach. Für mich gilt wirklich: Dabei sein ist alles (lacht). Ich bin entspannt.

Plötzlich stehen Sie von null auf hundert im Rampenlicht. Wie erleben Sie diesen Kokon aus Aufmerksamkeit, der Sie in Rotterdam überallhin begleitet?

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Das ist ungewohnt und auch ein bisschen unnatürlich, wenn überall plötzlich Kameras sind. Aber ich genieße das jetzt noch bis zum Finale am Samstag. Es stresst mich wirklich nicht. Aber man muss sich erst daran gewöhnen.

„Menschen sind häufig von mir genervt“: Jendrik Sigwart beim ESC in Rotterdam. © Quelle: EBU
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Wie ist das denn, wenn jetzt plötzlich alle ein Stück von Ihnen abhaben wollen? Medien, Fans, längst vergessene Bekannte?

Das kommt tatsächlich vor, dass sich Menschen melden, die sich vorher lange nicht gemeldet haben. Das tun sie aber nicht, weil sie sich irgendwie an mich dranhängen wollen – es ist eher positiv. Ich gebe ihnen einen guten Grund, sich mal wieder bei mir zu melden, und darüber freue ich mich. Das ist doch schön!

Wie ist Ihr Verhältnis zum ESC? Sie haben seit zwei Jahren emsig darauf hingearbeitet. Warum?

Weil das ein Traum von mir war! Ich habe den ESC als Kind schon immer geguckt, und schon vor dem Studium habe ich dann diese Idee entwickelt, diese vage Vorstellung, da mal selbst auf dieser Bühne stehen zu können. Das war mein Ziel. Ich wollte das! Warum? Weil beim ESC jeder so sein kann, wie er will. Weil man gemeinsam feiert und Menschen kennenlernt, normalerweise jedenfalls. Das hat mich am ESC immer begeistert: Menschen kommen zusammen, um Musik und Frohsinn zu zelebrieren.

Mit tanzender Hand: Jendrik Sigwart auf der ESC-Bühne in Rotterdam bei einer Probe seines Songs „I Don’t Feel Hate“. © Quelle: Soeren Stache/dpa-Zentralbild/dp
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Am Samstag treten Sie nun vor 180 Millionen TV-Zuschauern und -Zuschauerinnen auf. Was erhoffen Sie sich, was die nach den drei Minuten über Sie denken werden?

Die sollen lächeln! Das ist mein Hauptziel. Die können entweder lächeln, weil sie mich so absurd finden und so komisch, dass Sie denken: „What the fuck war das?“ Oder weil sie denken: „Das war aber nett.“ Hauptsache, sie lächeln.

Welche Platzierung streben Sie denn an?

Erhoffen tue ich mir natürlich Platz eins. Aber ob das realistisch ist? I don’t know. Aber was mir viel wichtiger ist: dass ich es genießen kann.

Sie haben angedeutet, dass es zwischendurch auch mal eine kleine Krise gab. Was war da los?

Das war nur das ganz normale Auf und Ab (lacht). Das gehört im Musikbusiness einfach dazu. Das hat sich zum Glück alles wieder geregelt, die Tage jetzt sind sehr schön.

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In Ihrem Lied „I Don’t Feel Hate“ geht es auch um die Reaktionen auf Sie, um den Hass auf Ihre Persönlichkeit. Ich stelle mir vor, dass das nicht immer einfach ist. Was haben Sie erlebt?

Das Lied ist entstanden, als mich eine Person sehr respektlos und von oben herab behandelt hat. Ich war verletzt, aber ich habe mir gedacht: Wenn ich jetzt genauso reagiere, hilft das niemandem. Viel besser ist es, meinen Stolz herunter­zu­schlucken und zu sagen: Weißt du was? Du bist mies zu mir, aber ich behandele dich trotzdem mit Respekt. Es geht um mehrere Dinge in dem Lied. Ich kriege jetzt gerade auch online sehr viel Hass ab.

Können Sie sich das erklären?

Ja – weil der erste Eindruck, den viele von mir haben, ist: Boah, ist der nervig, laut und anstrengend. Menschen sind häufig von mir genervt. Das war immer ein bisschen so. Ich habe als Schüler auch mal Hatekommentare zu meiner Sexualität bekommen.

Haben Sie sich früh geoutet?

Ich habe mich nie geoutet. Was soll das: sich outen? Warum muss sich ein homosexueller Mann outen und ein heterosexueller nicht? Das macht das Schwulsein ja gleich wieder zu etwas Besonderem. Aber das ist es nicht. Es ist etwas Natürliches. In der Schule war mir das noch nicht so richtig bewusst. Erst im Studium ist mir klar geworden, dass ich schwul bin. Da habe ich gespürt: Krass – wahrscheinlich habe ich das vorher mein ganzes Leben lang unterdrückt und nicht wahrgenommen. Weil es eben noch immer nicht so akzeptiert ist, wie es akzeptiert sein sollte.

Jeder Mensch kennt ja auch Momente, in denen er selbst nicht gut auf sich zu sprechen ist. Was haben Sie denn für eine Beziehung zu sich selbst?

Ich habe natürlich auch Momente des Selbstzweifels, wie jeder Mensch. Da bin ich dann dankbar für meine Freunde und meine Familie, die mich wieder aufbauen. Ansonsten habe ich aber ein relativ gesundes Selbstbewusstsein.

Und wie haben Sie es geschafft, sich von all dem Gegenwind nicht mitreißen zu lassen?

Wichtig ist, Menschen zu haben, die meine Stärken kennen. Aber was mir außerdem hilft, ist, dass ich mir mal klargemacht habe: Jede Person hat eine gute Seite in sich, irgendwo. Und jede Person spürt auch Unsicherheit. Das heißt: Negative Gefühle entstehen nicht einfach durch Hass auf den anderen, sondern durch Unsicherheit in sich selbst. Man kann immer versuchen, ins Gespräch zu kommen, um sich gegenseitig klarzumachen: Ich bin auch nur ein Mensch mit Zweifeln und Unsicherheiten, genau wie du. Kein Mensch will jemandem von Anfang an etwas Böses. Das gibt’s nicht! Es gibt keine bösen Menschen. Jede menschliche Handlung beruht auf einer vorausgegangenen Erfahrung. Auch wer böse agiert, sieht sich ja selbst im Recht und ist nicht von Grund auf böse. Das geht immer hin und her. Es ist ein absurdes Wechselspiel. Und ich versuche, das zu durchbrechen und zu sagen: Man kann Hass nicht mit Hass bekämpfen.

Das ist fast ein christlicher Gedanke. Sind Sie gläubig?

Nicht so richtig. Ich bin christlich erzogen, das schon. Aber es ist ja kein rein christlicher Ansatz, es spielt auch in allen möglichen anderen Religionen und Philosophien eine Rolle. Insofern ist das Prinzip für mich nicht mit Religion verbunden, sondern mit gesundem Menschenverstand.

„Ich gehe, wohin das Herz mich zieht“: Jendrik Sigwart mit Begleiterinnen beim Eurovision Song Contest in Rotterdam. © Quelle: Getty Images

Zurück zum ESC: Gibt es einen Beitrag, den Sie besonders ins Herz geschlossen haben?

Ich habe mehrere Favoriten: Ich mag den Synthiepopsong aus Island sehr gern, außerdem Eden Alene aus Israel und die Ballade von The Black Mamba aus Portugal.

Unabhängig von Ihrem Abschneiden: Was ist das Ziel für hinterher? Eine tragfähige Karriere als Musiker? Als Schauspieler? Zurück zum Musical?

Ich gehe, wohin das Herz mich zieht. Ich hätte Lust, meine eigene Musik zu machen, aber das ist eine Frage des Geldes. Denn nur, weil ich beim ESC mitmache, heißt das ja leider nicht, dass ich genug Geld verdiene, um Musik zu produzieren. Ich mache, worauf ich Lust habe. Ich will einfach nur glücklich sein.

ZUR PERSON

Jendrik Sigwart, geboren am 27. August 1994 in Hamburg, ist ein deutscher Sänger und Musicaldarsteller. Er wuchs mit vier Geschwistern in Hamburg-Volksdorf auf und lernte als Jugendlicher, Klavier und Geige zu spielen. Nach dem Abitur studierte er vier Jahre Musical und Vokalpädagogik am Institut für Musik der Hochschule Osnabrück. Er schreibt eigene Songs, die er unter anderem auf Youtube veröffentlicht. Im Februar 2021 gab der NDR bekannt, dass Jendrik Sigwart intern ausgewählt wurde, um Deutschland beim Eurovision Song Contest 2021 in Rotterdam zu vertreten. Sigwart wohnt mit seinem Partner in Hamburg.

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