Der Weltraum, unendlich weit weg – Die Comedyserie „Moonbase 8“

  • Drei Männer sind in einer Comedyserie 200 Tage zusammen am selben Fleck, Besuch gibt’s nur selten.
  • In der Wüste von Arizona steht das Testhabitat „Moonbase 8“.
  • John C. Reilly, Fred Armisen und Tim Heidecker erleben als katastrophale Möchtegern-Astronauten die Fährnisse der Isolation.
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Raumfahrt ist wieder wichtig. Milliardäre träumen von kommerziellen Spacetrips, alle möglichen Nationen betreiben alle möglichen Missionen, und China – nonstop auch während der Pandemie auf Weltmachtprestige erpicht – brachte nach Jahrzehnten wieder frisches Mondgestein zur Erde. Auch die Nasa ist schon länger wieder alert. Bemannte Mondfahrten, Marsprojekte, Asteroidenchecks, Exoplanetenentdeckungen und der Plan der Lunar Gateway Station als Nachfolger der langsam mürb werdenden ISS.

Unterstützend gibt es derzeit ungewöhnlich viele amerikanische TV-Serien, die den Zuschauer darauf hinweisen, dass die USA, nein, nicht die ersten, aber durchaus die erfolgreichsten waren, wenn es darum ging, den (näher gelegenen) Weltraum zu befahren. Alte Glorie, die ein wenig davon ablenkt, dass der, der Amerika „great again“ machen wollte, es gerade eben fast klein gehauen hat.

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Als da wären (um nur einige Serien zu nennen): Netflix‘ sehr emotionale Astronauten, die in „Away“ unter Führung von Hilary Swank den Einfluss einer langen Marsreise aufs Privatleben beleuchten. Oder „The Right Stuff“, die patriotisch-klebrige Serie von Disney+ über die amerikanische Geschichte des Aufbruchs „into the great unknown“. Auch komisch geht es zuweilen zu: Bei Sky schlägt sich Hugh „Dr. House“ Laurie in der HBO-Serie „Avenue 5“ als Kommandant eines Welt(t)raumschiffs mit den Bedürfnissen reicher und exzentrischer Spacetouristen herum.

Und auf demselben Sender geht es nun also zur „Moonbase 8“, wo John C. Reilly („Stan & Ollie“, „The Sisters Brothers“), Fred Armisen („Portlandia“) und der Musiker und Comedian Tim Heidecker der Nasa zeigen wollen, was gute Mondfahrer ausmacht.

Die „Moonbase 8“ steht freilich nicht im Mare Tranquillitatis oder in sonst einem Krater auf Frau Luna, sondern fern des Trabanten in der Wüste von Arizona. Ein Testhabitat auf Erden, die Zahl „8“ verweist darauf, dass Spike (Armisen), Rook (Heidecker) und Cap (Reilly) nicht das einzige Trio ist, dass sich um den Traumjob bemüht, in die Nachfolge der „Apollo“-Besatzungen zu treten. Entsprechend eifrig übt man im Erdenstaub des Navajo County nahe der Stadt Winslow den Allfall. Wann immer man die Halbkugeln der Pseudobasis verlässt, hat man seinen Raumanzug am Leib. Während Rook drinnen Frühstück vorbereitet, sammelt draußen der beflissene Pseudoastronaut Cap unter sengender Sonne Pseudomondgestein mit einer Zange ein.

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Wobei man anfangs noch zu viert ist. Der Footballstar Travis Kelce spielt sich selbst und dient als Coach und Motivator der Crew-to-be. Nicht lange, und er ist mausetot. Bis dahin ist der Grobian mit Chefallüren der Komischste in der Truppe, wenn er etwa Cap wiederholt dazu zwingt, „meinen Rover“ zu waschen. Weil dabei Wasser verschwendet wurde, der Versorgungstank drei Wochen vor Neubefüllung leer ist und das Team weder verdursten will, noch Geschmack am von Skip aufbereiteten Eigenurin finden kann, beschließen Cap und Kelce einen Brunnen zu graben.

Und sind damit so erfolglos wie sie es in ähnlicher Notlage auf dem nicht für weidliche Wasservorräte bekannten Mond wären. Statt einer Quelle stoßen sie auf eine Höhle. In die fällt Kelce. Da waren’s nur noch drei. Die dann vorzeitig den „Festchampagner“ köpfen – und weg ist der Durst.

Und die einem mit ihren bunten Schulterabnähern auf den Raumanzügen vorkommen wie Donald Ducks Neffen Tick, Trick und Track. Drei Cartoonfiguren aus Fleisch und Blut, deren Inkompetenz einen permanent zum Kichern bringt, sind auf ihrem Weg zum Mond zugleich auf einer Flucht. Skip, dessen Vater ein berühmter Astronaut und Bestsellerautor war, versucht, dessen übermächtigem Schatten zu entrinnen und sich zugleich seinen Platz als Marmorstatue auf der Familiengruft zu erkämpfen. Rook war mal ein drogensüchtiger Nichtsnutz in der Gefolgschaft der Psychedelicband Phish, ist inzwischen ein geläuterter Christ und zwölffacher Vater, der hofft, „das Wort des Herrn weitertragen zu können“. Ausgerechnet auf dem Mond.

Und der Spitzname Cap kommt gewiss nicht von Captain. Robert Caputo ist ein kaputter Typ, der in Etappen seine gesamte Existenz in den Sand gesetzt hat. Und jetzt buchstäblich im Sand sitzt. Er braucht den Mond so dringend wie die Luft zum Atmen. Spätestens als er ein Ding in seinem Helm entdeckt, das da nicht hingehört, und blindlings losstolpert, weiß man, dass er ihn nie betreten wird.

In einer Zeit, in der man das Gefühl hat, man ginge am sichersten in einem Nasa-Raumanzug zum Einkaufen, in dem einem eine grüne Ampel am Supermarkteingang zeigt, dass gerade 205 von 215 zulässigen potenziellen Infektionsherden zwischen Gemüsestand und Gefriertruhen wimmeln, und man zu Hause außerhalb der Familie zusätzlich nur noch einen halben Menschen oder so treffen darf, kommt „Moonbase 8“ passend. Die Macher um Jonathan Krisel („Portlandia“) müssen zwei Jahre vor Ausbruch der Pandemie geahnt haben, dass Isolation das beherrschende Thema der Ausstrahlungszeit wird. Irgendwie ist „Moonbase 8“ die Serie der Stunde.

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Und irgendwie auch nicht. Denn sie führt vor Augen, was viele derzeit selbst erleben: Dass es eine psychologische Herausforderung ist, immerzu mit derselben kleinen Gruppe von Leuten auf engem Raum zusammen zu kleben und dass man dabei „komisch“ wird. Dass es manchen in der Kleinstgruppeneinsamkeit besser geht (die Space-X-Nachbarbasis von Elon Musk wird mit Thai-Küche und sizilianischen Genüssen becatert) und anderen weniger gut (die Nasa-Leute leben in der Hauptsache von Pasten und Pulver). Dass Albträume und Paranoia heraufziehen. Ob man das derzeit vor Augen geführt bekommen will, steht auf einem anderen Blatt.

Wer es aber mit „Moonbase 8“ probiert, der wird spätestens in Folge drei, in der ein Ersatz für Kelce in Gestalt der doppelt so taffen Alisha (Diandra Lyle, „American Woman“) auftaucht, Cap und Skip in Quarantäne müssen und Rook sich sehr zu seinem Schaden in die Neue verliebt, auch laut loslachen. Über die immer kindlicher werdenden Katastronauten, und – vielleicht ein klein wenig – auch über sich selbst in seiner Erdbasis im Kommandosessel vorm Fluchtort Fernseher.

„Moonbase 8“, bei Sky, sechs Episoden, Regisseur: Jonathan Krisel, mit John C. Reilly, Fred Armisen, Tim Heidecker (streambar ab 19. Januar)

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