Der WDR und seine Meinungsshows: Unwürdiges Trash-TV

  • Beim WDR feiern plätschernde Meinungstalks und gefühlte Fakten Hochkonjunktur.
  • Für einen öffentlich-rechtlichen Sender ist das mehr als unwürdig, findet unser Autor Matthias Schwarzer.
  • Die Krawalltalkshow „Die letzte Instanz“ ist da nur die Spitze des Eisbergs.
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Köln. Was ist eigentlich aus dem WDR geworden? Und was war das, was wir uns da gerade wieder ansehen mussten? „Die letzte Instanz“, eine Talkshow, in der Ex-9Live-Moderatoren und andere weiße Fernsehnasen über Zigeunersauce diskutierten und mit roten und grünen Karten darüber abstimmten, was rassistisch ist und was nicht. Eine Show, die so primitiv und so unter dem Niveau eines öffentlich-rechtlichen Senders liegt, dass selbst RTL II sie wahrscheinlich nicht ausgestrahlt hätte.

Ein Text wie dieser wäre gar nicht nötig, wäre das alles ein Ausrutscher gewesen. Ein kleiner Fehler einer überforderten Talkshowredaktion, die aus Versehen die komplette Rassismusdiskussion des vergangenen Jahres verschlafen hat. Aber es ist nun mal kein Ausrutscher. Vielmehr scheint das, was gerade im WDR passiert ist, Konzept zu sein. Und „Die letzte Instanz“ ist nur die Spitze des großen Eisbergs.

Bürgertalks für Rechtspopulisten

Irgendwann kurz nach der sogenannten Flüchtlingskrise muss all das angefangen haben. Damals, genauer gesagt im Mai 2016, strahlte der WDR erstmals seine Bürgertalkshow „Ihre Meinung“ aus. In einem voll besetzten Fernsehstudio schlenderte Bettina Böttinger mit einem Mikrofon durch die Zuschauerreihen und kam schließlich an einem runden Kneipentisch an, wo Stefan im braunen Poloshirt erklärte, warum der Islam nicht mit den freiheitlichen Grundwerten vereinbar sei.

Stefan hatte in diesem Augenblick nicht nur einen Tierschutzparagrafen parat, sondern offenbar auch den Nerv des Publikums getroffen: Rund um den Tisch ertönte tosender Applaus, bis Böttinger schließlich die Zuschriften des Facebook-Publikums vortrug. „Der Islam gehört nicht zu uns“ hieß es da etwa – geschrieben von einem älteren Herren namens Wolfgang.

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„Der Bürger“ durfte nach diesem ersten erfolgreichen Experiment noch häufiger im WDR sprechen, mehr als 20 Mal, um genau zu sein. Die Sendungstitel unter der Marke „Ihre Meinung“ lauteten seither etwa „Ist das Leben in NRW noch sicher?“, „Die da oben, wir hier unten“, „Wendepunkt Silvesternacht – sind Flüchtlinge noch willkommen?“, „Sorgen, Streit, Beleidigungen – wie geht es weiter zwischen Deutschen und Türken?“, „Heimat – Wer gehört dazu?“, „Deutschland – ein zerrissenes Land?“ und „Rassismus – was hat das mit mir zu tun?“.

Intelligente Gedanken hörte man in diesen Mikroangelrunden nur selten, stattdessen viel Gefühltes auf Stammtischniveau – etwa von Weißen, die davon redeten, dass sie ja auch schon mal diskriminiert worden seien. Passend dazu wurde die Sendung manchmal gleich direkt aus einem Biergarten gesendet.

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Fairerweise muss man sagen, dass in „Ihre Meinung“ (im Gegensatz zu „Die letzte Instanz“) nicht ausschließlich Anitas und Stefans zu Wort kamen, sondern man sich zumindest in gewisser Weise um Vielfalt bemühte. Dennoch lässt sich hier ein Muster erkennen.

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Ein Ranschmeißen an die Wutbürger

Der WDR schmeißt sich seit einigen Jahren so aufdringlich an das deutsche Wutbürgertum heran, dass es mitunter bizarre Züge annimmt. Ende 2019 etwa, als ein rechter Mob wegen eines harmlosen Satireliedes auf die Barrikaden ging und WDR-Intendant Tom Buhrow nichts Besseres zu tun hatte, als augenblicklich um- und all seinen Mitarbeitern in den Rücken zu fallen.

Der Bürgertalk „Ihre Meinung“ wurde derweil im Oktober 2020 von einer Horde wild gewordener Querdenker, Corona-Leugner und Maskengegnern gekapert. Vor laufender Kamera leugnete man das Virus oder stellte Kinder als Helden da, wenn sie sich der Maske verweigerten. All das wurde genau so gesendet. Bettina Böttinger hatte sichtlich Mühe, dem hanebüchenden Quatsch noch etwas entgegenzusetzen und ließ es dann schließlich ganz bleiben.

An anderer Stelle reformiert der WDR derweil massiv sein Programm. Weg von all dem intellektuellen Kram, den sowieso kein Mensch versteht, hin zu dem, was die gefühlte Mehrheit wirklich bewegt. Wer morgens den Radiosender WDR 2 einschaltet, wird von plätschernden Doppelmoderationen geweckt, von Comedyeinspielern und Höreraktionen, die der Belanglosigkeit manch eines Privatsenders in nichts mehr nachstehen. Wer das Programm des WDR-Fernsehens beobachtet, sieht inzwischen mehr Straßenumfragen zu komplexen Themen als fundierte Analysen.

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„Gefühltes statt Kompliziertes“

Gleichzeitig sägt die Anstalt augenscheinlich an allem, was dem vermeintlichen Publikum zu kompliziert sein könnte. Kürzlich wurde etwa bekannt, dass die Bildungsformate „Zeitzeichen“ und „Stichtag“ auf der Kippe stehen – Letzteres soll nun offenbar tatsächlich eingestellt werden, wie der Sender im September erklärte.

Ab März soll zudem die tägliche Buchrezension in der Sendung „Mosaik“ im WDR 3 wegfallen, wie aus einem internen Schreiben an die WDR-Mitarbeiter hervorgeht. Laut „Süddeutscher Zeitung“ sollen gleich mehrere Literatursendungen und -rubriken vor einer ungewissen Zukunft stehen.

Der Autor Felix Stephan beschreibt das Phänomen in seinem Text so: Der öffentlich-rechtliche Rundfunk habe „panische Angst davor, als ‚elitär‘ zu gelten“, deshalb entferne er aus dem Programm immer mehr angeblich Kompliziertes und ersetze es durch Gefühltes. Es herrsche die von Panik getriebene Lust „zu Emotionen, ‚Land und Leuten‘, der alltäglichen Straßenumfrage (‘Haben Sie Angst vor Corona?‘)“ und „bewusst ausgebauter Gefühligkeit“. Dann stellt der Autor die Frage in den Raum: „War das so gedacht, damals, nach dem Krieg, mit dem Rundfunkstaatsvertrag?“

Unwürdig für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk

Die aktuelle Sendung „Die letzte Instanz“ passt perfekt in dieses Bild. In einer massiv unterkomplexen Diskussionsrunde lässt man mehr oder weniger prominente Menschen mit roten oder grünen Karten die Fragen des Alltags aufarbeiten, weil jeder Versuch, auch nur ein kleines bisschen darüber hinaus zu denken, das Publikum am Ende noch überfordern könnte.

Stattdessen präsentiert man eine plätschernde Show mit ein paar Fernsehgesichtern, die endlich mal das aussprechen, was der kleine Mann von der Straße schon die ganze Zeit denkt. Bloß kein Experte, und schon gar kein Betroffener im Panel. Rassismus? Ich kenne niemanden, den das betrifft! Und was wir hier diskutieren, ist ja sowieso nur Intellektuellen-Gelaber ohne Bezug zum „echten Leben“. Endlich sagt‘s mal einer. Und jetzt abhaken das Thema.

Und dann setzt man zu allem Überfluss auch noch Jürgen Milski in die Diskussionsrunde. Der Ex-„Big Brother“-Teilnehmer, der früher mal für seinen Arbeitgeber 9Live Leute abgezockt hat und später als Facebook-Wutbürger Karriere machte. Was genau hat so jemand überhaupt im öffentlich-rechtlichen Fernsehen zu suchen?

Mit Bildungsauftrag hat das nichts zu tun

Es ist und bleibt rätselhaft, was der WDR mit seinem Wandel eigentlich bezweckt. Offenbar herrscht die Angst, sich von seinem Publikum zu entfernen – oder denjenigen, die man für sein Publikum hält. Das wäre ja auch ungünstig, schließlich wird man von denen ja auch noch bezahlt. Gleichzeitig vergrault man aber all diejenigen, die sich von einer Sendung wie „Die letzte Instanz“ massiv unterfordert und – wie im aktuellen Fall – sogar angeekelt fühlen. Ist das wirklich eine gute Idee?

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk hat einen Bildungsauftrag. Er hat nicht den Auftrag, das Publikum dümmer zu machen. Wer meint, er müsse Rassismusdiskussionen anhand von Paprikasaucen diskutieren, hat ein Problem. Aber wenn man es tut, dann doch nicht mit Janine Kunze und Jürgen Milski.

Mit dem, was der WDR gerade sendet, tut er jedenfalls niemandem einem Gefallen. Nicht sich selbst, nicht seinem Publikum – und auch nicht dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk als Ganzes.

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