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Der Mann, der Markus Lanz zur Marke machte: „Es gehört Mut dazu, jemandem ins Gesicht zu sagen, dass er lügt“

  • ZDF-Talker Markus Lanz erlebt einen Höhenflug. Die Quote ist hoch, die Kritiker verstummen.
  • Der Mann hinter dem Erfolg ist Markus Heidemanns. Seit 2008 produziert er die Show.
  • Im RND-Interview spricht der Produzent über die „Leichtigkeit“ des Ruhrpottlers, Erklärfernsehen in Corona-Zeiten, die Folgen des Schwarz-Weiß-Denkens – und die Lust am Frotzeln.
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Herr Heidemanns, Ihre Sendung „Markus Lanz“ erlebt in der Corona-Krise einen regelrechten Candystorm – er selbst wird mit Lob überschüttet. Worauf führen Sie das zurück?

Wir haben eigentlich schon immer versucht, das bestmögliche Programm zu machen. Natürlich macht jede Sendung eine Entwicklung durch, aber unsere hat ja nicht erst im März 2020 mit Ausbruch der Corona-Pandemie begonnen. Uns ist es aber nicht so wichtig, einen Candystorm zu ernten, sondern wir machen dreimal pro Woche eine Sendung mit dem Anspruch, aufzuklären und dabei Dinge zu erklären. Vielleicht ist das auch einer der Gründe, warum das Interesse gerade so groß ist.

Die Sendung wirkte zuletzt deutlich politischer und substanzieller. Sie haben die Wendler-Elemente eliminiert.

Haben Sie gerade „Wendler-Elemente“ gesagt? Dann haben Sie die Sendung aber sehr lange nicht gesehen. Ich glaube, der Kollege Michael Wendler war vor neun Jahren zuletzt dabei. Dass die Sendung aus „Wendler-Elementen“ bestanden hätte, kann man wirklich nicht sagen.

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Ich meinte das eher symbolisch: Es sitzen seltener Repräsentanten der ganz leichten Unterhaltung in der Sendung. Auch falsch?

Ja. Die Sendung war eigentlich immer schon weniger seicht, als Sie das empfinden. Ich habe mir letzte Woche mal den Spaß gemacht, die 38 Minuten von Markus im Gespräch mit der Linkenpolitikerin Sahra Wagenknecht aus dem Jahr 2014 anzugucken…

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…für die er damals massive Kritik geerntet hat, bis hin zu einer überdrehten Onlinepetition mit 300.000 Unterschriften für seine Absetzung.

Wenn man das Gespräch von damals mit dem vergleicht, was wir heute machen, würde Frau Wagenknecht nach der Sendung heute sagen: „Oh, da bin ich aber noch mal gut weggekommen.“ Das ist jetzt sieben Jahre her, aber im Prinzip war es nichts anderes als das, was wir heute machen. Nur saß da eben statt Kristina Dunz, Eva Quadbeck oder Robin Alexander eben Hans-Ulrich Jörges vom „Stern“. Dass sich die Leute damals massiv aufgeregt haben bis hin zu dieser Onlinepetition, die mal eben das berufliche Aus für 80 bis 90 Menschen gefordert hat, ist richtig. Da ging es aber nicht nur um die Art und Weise, wie Markus Lanz das Interview geführt hat, sondern vor allem darum, wie unflätig sich der Kollege Jörges gegenüber Frau Wagenknecht aufgeführt hat. Damals war es aber sowieso gerade en vogue, auf Lanz draufzuhauen, das spielte auch eine Rolle. Was ich damit sagen will: Im Prinzip ist diese Entwicklung, die die Leute jetzt verstärkt wahrnehmen, schon seit fünf bis sechs Jahren im Gange.

„Ich habe eine Punkrockvergangenheit“: TV-Produzent Markus Heidemanns mit seiner Ehefrau Estefania Küster 2018 in Hamburg. © Quelle: picture alliance / Eventpress

Heute steht Lanz für einen harten, aber verbindlichen Interviewstil. Was unterscheidet ihn von seinen Talk-Kollegen bei ARD und ZDF?

Zunächst mal ist die Sendung ganz anders aufgebaut. In den anderen Sendungen kommen überwiegend mehrere Politiker aus verschiedenen Parteien sowie politische Beobachter zu Wort. Und da weiß ich als Zuschauer häufig schon vorher, was kommt. Das Besondere bei Markus ist das Nachfragen. Ein Interview ist etwas anderes als eine Talkshow. Wir machen eher eine Interviewsendung. Wir nehmen uns Zeit für ein wirkliches Gespräch. Und wir haben einen Moderator, der tatsächlich zuhört und Floskeln nicht durchgehen lässt. Es geht bei uns, auch jetzt gerade in der Coron-Krise, eben nicht um den normalen Stehsatz an Politantworten. Markus will die wirklichen Hintergründe verstehen – deshalb auch häufig die Nachfrage: „Das war nicht die Frage.“ Er bringt Haltung und Meinung mit und hat auch den Mut, eine solche strengere Situation durchzuziehen – und das mit dem Wissen, dass es mal diese Wagenknecht-Geschichte gab. Das muss man sich erst mal trauen. Nach der Sendung mit Katja Leikert, der stellvertretenden Vorsitzenden der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, fragte er mich neulich: „War das nicht vielleicht ein bisschen hart?“ Meine Antwort war: Vor zwei Jahren wäre das vielleicht noch anders beurteilt worden. Da wir aber bei allen politischen Vertretern, unabhängig von Parteizugehörigkeit, Alter oder Geschlecht, den gleichen Ansatz haben, machen wir uns nicht angreifbar. Es wäre dem Feminismus auch nicht dienlich, wenn wir mit Frauen behutsamer umgehen würden als mit Männern.

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Mich wundert sowieso, dass in politischen Interviews der Satz „Das glaube ich Ihnen nicht“ so selten vorkommt. Nachfragen, nachhaken und die Glaubwürdigkeit anzweifeln – das sollte doch eigentlich der Kern eines Interviews sein? Warum ist das so ein Tabu?

Das ist total lustig, dass Sie genau diesen Satz erwähnen. Vor acht oder neun Jahren, vielleicht 2012, war ein Politiker zu Gast, der erzählte etwas, von dem wir wussten: das, was er dort erzählt, stimmt einfach nicht. Und da hat Markus ihm ins Gesicht gesagt: „Das glaube ich Ihnen nicht.“ Da traute sich ein Moderator, einen Politiker öffentlich der Lüge zu bezichtigen. Ein besonderer Moment.

Man hört dann oft das Argument: „Wir dürfen es uns mit den Gästen nicht verderben, wir verbauen uns sonst den Zugang.“

Es gehört wirklich Mut dazu, jemandem das öffentlich ins Gesicht zu sagen. Warum das bis heute so selten in anderen Sendungen passiert, frage ich mich auch.

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Lanz hat mal über Sie gesagt, Sie hätten als Ruhrpottler „eine gewisse Leichtigkeit“. Das hat mich überrascht. Vielleicht kenne ich die falschen Ruhrpottler?

Ich glaube, er meinte etwas anderes. Ich habe eine Punkrockvergangenheit, da ist ein etwas anderer Blick auf die Obrigkeit vielleicht in den Genen verankert. Leichtigkeit trifft es nicht so richtig, das gilt vielleicht eher für die Rheinländer. Aber der Ruhrpott steht für „frei Schnauze“. Es geht nicht um Provokation oder Tabubrüche – das ist nichts, was ich bewundern würde, denn das ist keine Kunst. Aber eine Frage wie an den CSU-Generalsekretär Markus Blume: „Wie sehr genießen Sie das Chaos, das Sie da mit Markus Söder angerichtet haben?“ Das ist dann eher eine Art frotzelige Leichtigkeit, die eine andere Grundstimmung in einem Gespräch erzeugt – vielleicht meint Markus das damit.

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Ausgerechnet diese „Leichtigkeit“ sorgt bei ihm mitunter für eine gewisse Unerbittlichkeit.

Wir geben uns eben nicht mit der ersten Geschichte, der einfachen Antwort zufrieden. Wir wollen immer wissen, was dahintersteckt. Wenn wir die Sendung mit einem großartigen Team vorbereiten, eine erste Idee entsteht, ein Vorschlag, heißt es dann eher: Ja, das ist die erste Idee, aber sicher nicht die beste. Und das versteht auch der Zuschauer, denn das sorgt für diesen Überraschungseffekt: Was wird passieren? Man muss auf die Ausflüchte lauern und dann sofort reagieren. Und das geht auch nur, wenn eine starke Redaktion dahintersteht, die diese Zusammenhänge im Vorfeld herausarbeitet.

Lanz sagt, Sie hätten ein Gespür dafür, „was Menschen auf der Straße denken und was ihnen wichtig ist“. Was ist den Menschen in der Corona-Krise wichtig?

Die Leute wünschen sich Aufklärung. Sie wollen Dinge verstehen, wir alle wollen das. Der Journalismus hat in dieser Krise noch mal ein größeres Gewicht bekommen. Ich habe schon früher immer gesagt: Wir machen hier Volkshochschule, wir erklären den Menschen Dinge. Wenn das Verständnis einer Sache wächst, wächst damit auch der Zusammenhalt. Das bringt Menschen einander näher. Das klingt vielleicht etwas hochtrabend, aber es ist wirklich mein Anspruch. Wir waren sehr früh von den Auswirkungen der asozialen Netzwerke betroffen, vielleicht liegt darin auch der Ursprung dieses Anspruchs. Ich habe früh geahnt: Diese Entwicklung wird der Gesellschaft mehr Schaden zufügen als irgendetwas anderes. Und genau das ist passiert. Seitdem gibt es nur noch Schwarz und Weiß. Wir möchten mit unserer Sendung die Menschen davon überzeugen, dass Grau nicht etwa das Langweiligste der Welt ist, sondern eine wunderschöne Farbe. Wenn man nur noch schwarze oder weiße Echokammern hat und die Leute sich aus zwei Zeilen bei Facebook oder Twitter ihre Meinung bilden und dann glauben, sie wüssten, was die Geschichte dahinter ist – dann hat die Gesellschaft ein Problem. Wenn ich stattdessen die eigentliche Geschichte dahinter erkläre, die Sache also aufbreche und möglichst verständlich rüberbringe, dann hoffe ich, dass die Echokammern auch aufbrechen und aus dem Schwarz und dem Weiß ein Mischgrau zusammenläuft.

Das ist ein hoher Anspruch.

Ja. Aber wir müssen lernen, einander zu verstehen. In dem Moment, wo ich etwas verstehe, habe ich Respekt davor. Natürlich machen wir hier nur eine Fernsehsendung, aber das ist uns wichtig. Wir nehmen in „Markus Lanz“ auch die Menschen in die Pflicht, die an diesen ungesunden Entwicklungen etwas ändern könnten.

Ihr Bruder Martin Heidemanns war lange Zeit stellvertretender Chefredakteur bei „Bild“ – hat Markus Lanz jemals von dieser brüderlichen Synergie profitiert?

Nein, ganz im Gegenteil. Das konnte man zum Beispiel an der sehr harten Berichterstattung der Springer-Kollegen zu „Wetten, dass…“ erkennen. Das fiel aber damals nicht in seinen Bereich. Aber auch wir gehen in der Sendung ja immer kritisch mit der „Bild“-Zeitung um.

Herr Heidemanns, vielen Dank für das Gespräch.

Markus Heidemanns, geboren 1964, ist Fernsehproduzent und arbeitete bisher unter anderem für Johannes B. Kerner, Harald Schmidt und seit 2008 für Markus Lanz. Gemeinsam mit Kerner hat er 2004 die Produktionsfirma Fernsehmacher GmbH & Co. KG in Hamburg gegründet. Seit 2009 ist Heidemanns alleiniger Gesellschafter und Geschäftsführer des Unternehmens. Er ist seit 2013 mit Estefania Küster verheiratet.

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