“Der einzig wahre Ivan” bei Disney+: Ein Gorilla malt die Freiheit

  • “Der einzig wahre Ivan” (streambar ab 11. September) erzählt, wie der Traum von Freiheit in einem Show-Gorilla erwacht.
  • Der Film basiert auf einer wahren Geschichte und wäre – gäbe es Corona nicht – ein klassischer Disney-Weihnachtskinofilm geworden.
  • Auch wenn sich die positive “Freiheit für Tiere”-Botschaft nicht ungetrübt entfalten kann.
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Gorillas, die davon träumen, frei zu sein, sind ein schöner alter Hut in Hollywood. Der Riesenprimat King Kong war kein Affe, um in ausbeuterischer Menschenhand lebenslang auf einer Showbühne des Broadway vorgeführt zu werden. Er befreite sich von den Ketten der Menschen, strebte – wie zuvor auf seiner Insel – nach dem höchsten Punkt seiner Umgebung. Nur, dass er eben unglücklicherweise auf dem New Yorker Empire State Building nicht wirklich frei und unerreichbar war. Ratatazong, da feuerten die Maschinengewehre der Doppeldecker auf ihn, und der Achtmeteraffe fiel – Tragödie – tief und tödlich.

Gorilla Ivan jagt Kindern im Mall-Zirkus Schrecken ein

Ivan ist ein Gorilla mit Gardemaß und sein Freiheitsgeist ist lange schon eingeschlummert. An seine Babyzeit im Dschungel erinnert er sich nicht mehr, nur noch, wie er als Jungspund die Wände seines Menschen Mack mit Torte verkleisterte und dessen Sofa auseinandernahm. Er lebt schon lange Jahre zufrieden in der Big-Top-Mall, die die Kunden mit Zirkusambiente lockt und in ihrer Halle ein Zelt besitzt. Ivan ist ein Showstar wie Snickers, die Pudellady, und Frankie, die (neurotische) Robbe. Ivans “Job” als “Headliner” der Mall-Manege ist es, den Kindern in einer täglichen Show ein bisschen King-Kong-Furor vorzugaukeln, ihnen – nehmen wir den Kinobegriff – einen Jumpscare zu verpassen, einen unverhofften Horrormoment, der sie vom Sitz hüpfen lässt.

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Ivan wird mit dramatischer Musik angekündigt, baut sich auf, brüllt, zeigt Zähne, trommelt sich auf die Brust. Mit einem sachten Lächeln wendet er sich dann an uns Fernsehzuschauer: “Hübsch eindrucksvoll, oder?” In der Tat. “Wieso wollen die überhaupt einen wütenden Gorilla?”, fragt er nächtens seine beste Freundin Stella (im Original gesprochen von Angelina Jolie). “Menschen mögen uns eindimensional”, antwortet die Elefantendame gewohnt weise. “Gorillas haben zornig zu sein.” Hier beginnt das inhaltliche Tiefschürfen.

Der nun schon dritte potenzielle Blockbuster, den Disney nach dem völlig missglückten Abenteuerfilm “Artemis Fowl” und dem eindrucksvollen Martial-Arts-Spektakel “Mulan” aus seinen Kinoplanungen nahm und in seinen Streamingdienst Disney+ steckte, ist klassische Haus-der-Maus-Unterhaltung für Kinder, Eltern, Großeltern. Ein Film, der in einem Jahr 2020 ohne Corona einen vortrefflichen Weihnachtskinowonneproppen für die menschlichen Lichtspielgehege abgegeben hätte. Tiere unterhalten sich hier in Menschensprache (während die filmimmanenten Menschen nur Tierlaute hören), und Tiere erscheinen auch menschlicher als etwa der nicht nur nette “Zirkusdirektor” Mack (Bryan Cranston).

Ivans Freund Mack ist auch ein Geschäftsmann

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Der ist eben – Vorsicht Spoilergefahr – auch ein Geschäftsmann und spannt die Tiere, die er zweifellos liebt, für seinen beruflichen Erfolg ein. Die Tage mit drei vollgepackten Shows sind längst vorüber, die Zuschauerreihen gelichtet. Weil die Gewinne schrumpfen, braucht Mack eine sensationellere Sensation als Ivan.

Vorlage des Films ist das preisgekrönte Kinderbuch “Der unvergleichliche Ivan” von K. A. (Katherine Alice) Applegate, die ihre Inspiration einem gleichnamigen, 2012 verstorbenen Supermarktaffen verdankt. Manches im Film erinnert zudem an “Dumbo”, Disneys unglücklichen, riesenohrigen Manegenelefanten, dessen im Vorjahr von Spukmeister Tim Burton inszeniertes Real-Remake leider nur optisch gefiel. Elefanten sind in “Der einzig wahre Ivan” denn auch Co-Headliner – wenngleich keiner von ihnen fliegen kann wie Dumbo.

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Die Freiheit endet an der nächsten Straße

Neuer Star der Mall wird ein Elefantenbaby namens Ruby, das Mack “billig von einem bankrotten Zirkus in Jersey” bekommen hat und das von der alten Stella mit Geschichten aus der Wildnis getröstet wird. Die sterbende Freundin verpflichtet Ivan: “Ich will, dass Ruby ein anderes Leben als ich hat – frei, an einem sicheren Ort ohne Stäbe.” Ivan gibt das “Ehrenwort eines Silberrückens. Wenn die Zirkustiere dann aber bei einem erfolgreichen Fluchtversuch entdecken, dass die erreichte Freiheit nur eine kleine grüne Waldfläche im Menschenland ist, hinter der sofort die nächste Straße und das nächste Städtchen kommt, wird nicht nur den Kindern im Publikum eine Träne abgenötigt.

Ivan wird ein reflektierender, zumindest unbehaglicher Gorilla. Julia (Ariana Greenblatt), das Töchterchen eines Zirkusmitarbeiters, ist es schließlich, die Ivan den Weg zur Rettung ermöglicht. Sie schenkt ihm einige ihrer Wachsmalkreiden. Der erste Malversuch – ein Käfer –, führt noch zu großem Rätselraten bei dem befreundeten Straßenköter Bob: “Eine fliegende Kuh? Eine Henne? Der Staat Tennessee? Kansas? Ein Heuhaufen?” Am Ende aber tunkt Ivan seine Finger in leuchtende Farbtöpfe und malt die Freiheit selbst. Und jeder auf den Zirkusbänken kapiert’s sofort.

Die Freiheitsbotschaft will nicht ganz zünden

“Ivan” ist ein Märchen, das bedächtig erzählt wird, dem es auch weitgehend gelingt, seinen Humor mit dem Drama der Käfigtiere zu verbinden. Regisseurin Thea Sharrock stellt die Frage, ob Tiere nicht auch Rechte haben sollten, was das junge Zielpublikum unbedingt bejahen dürfte. Die Vorstellung, ob einzelne Wesen ohne zugehörige Familie einander Familie sein könnten, dürfte das kindliche Gemüt ebenfalls bewegen. Und vor allem müssen alle Tiere natürlich unbedingt raus aus aller Gefangenschaft. Was für ein schreiendes Unrecht!

Und hier ist nun der Punkt, an dem sich Sharrocks Botschaft an der Wirklichkeit bricht. Der echte Ivan wurde in die relative Freiheit eines relativ großzügigen Gorilla-Areals im Zoo von Atlanta verbracht. Sharrock bleibt diesbezüglich noblerweise bei der Wahrheit, und so wird auch der Film-Ivan nicht etwa in Afrika ausgewildert, sondern in ein Zoogehege gesteckt. Nur dass das Habitat, in das sich Ivan nach anfänglichem Zögern hinauswagt, so gigantisch wirkt wie ein Central Park im Serengeti-Stil. Ivan ist nicht wirklich frei, aber es sieht hier dennoch so aus.

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Im Kino der Mall läuft der Zeichentrickfilm “Robin Hood” von Disney. Der Freiheitsheld in Fuchsgestalt macht nun auch die erwachsenen “Ivan”-Streamer traurig, denn er weckt Sehnsucht nach dem lang vermissten freien Zugang zu Kulturevents. Im Schicksal des Mallzirkus scheint sich der Niedergang der Lichtspielhäuser in Corona-Zeiten zu spiegeln. Höchste Zeit, dass Kinofilme wieder im Kino laufen.

“Der einzig wahre Ivan”, Regie: Thea Sharrock, mit Bryan Cranston und den Stimmen von – im Original – Sam Rockwell, Angelina Jolie, Danny DeVito, Helen Mirren, 95 Minuten (streambar ab 11. September bei Disney+)

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