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Unsinn und Sinnlichkeit – Erotikthriller „Deep Water“ bei Amazon Prime Video

Eifersucht ist ein tödlicher Ratgeber: Melinda van Allen (Ana de Armas) und ihr Ehemann Victor (Ben Affleck) in einer Szene von Adrian Lynes Highsmith-Verfilmung „Deep Water“.

Der Mann fährt nicht einfach Rad, er tritt verbissen in die Pedale seines Mountainbikes. Dabei geht es nicht einmal bergauf. Zum triphoppigen Beat von Jillian Banks‘ „Before I Ever Met You“ kommt er zu seinem wunderschönen Haus. Auf der Treppe sitzt seine wunderschöne Frau. Und als sie barfuß die Stufen hochgeht mit einem spöttischen, verführerischen Blick, ist man der Überzeugung, dass dieser Mann ja wohl gesegnet sein muss. Eine süße, altkluge Tochter hat er auch. Die kleine Trixie (Grace Jenkins) lernen wir kennen, als sie die Sprachassistentin Alexa bittet, „Old MacDonald had a Farm“ zu spielen. „Du machst deine Mutter damit verrückt“, sagt Vater Vic. „Ich weiß“, sagt Trixie. Trixie ist ein Täuschungsmanöver. Sie lässt uns den Protagonisten erst mal auf den Leim gehen. Lässt uns glauben, dass Daddy und Mami nett sind.

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Aber „Deep Water“ ist kein Familienfilm, auch keine Komödie des Lebens, sondern ein Thriller. Gedreht hat ihn der Brite Adrian Lyne, dessen Karriere 1983 mit dem Tanzfilm „Flashdance“ begann. Und der mit dem Sadomaso-Skandalstück „9 ½ Wochen“ (1986), der Stalkerstory „Eine verhängnisvolle Affäre“ (1987) und dem Eat-the-Rich-Drama „Ein unmoralisches Angebot“ (1993) zum rangersten Regisseur für dezent abartige Leinwanderotika wurde. Ein „Lolita“-Remake (1997) und das Eifersuchtsdrama „Untreu“ (2002) – danach kam nichts mehr. Jetzt also eine Patricia-Highsmith-Verfilmung – die Krimimeisterin schrieb Klassiker wie „Zwei Fremde im Zug“ (1950) und „Der talentierte Mr. Ripley“ (1955).

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Die kubanische Schauspielerin Ana de Armas („007 – Keine Zeit zu sterben“) ist als Melinda der Inbegriff der Sinnlichkeit. Jede Bewegung der Frau mit dem Puppengesicht ist grazil, jeder Moment wird dazu genutzt, die eigene Attraktion ins beste Licht zu setzen.

Melinda genießt es, begehrt zu werden, und sie zieht Lust aus der Libido ihres Mannes Vic, aus der Gebanntheit von Liebhabern und – so will es mancher verstohlene Blick erscheinen lassen – auch aus dem Verhalten ihres Mannes zu jenen. Die van Allens führen eine offene Ehe, sie haben einen Deal, der ihre familiäre Dreisamkeit bewahren soll. Sex wird überschätzt.

Ruhestand schürt Zweifel – Eifersucht zieht herauf

Wird Sex überschätzt? Jedenfalls glaubt man, Vics Zähne mahlen zu hören, wenn Melinda mit Joel (Brendan Miller), einem adretten Reserve-Kurt-Cobain, auf die Tanzfläche zieht. Ben Affleck spielt einen Techmillionär, der sein Vermögen mit militärisch einsetzbaren Drohnen gemacht (nicht so sympathisch) und sich früh zur Ruhe gesetzt hat. Ruhestand schürt Zweifel – Eifersucht zieht in Vic herauf, zudem das Gefühl, von den Lovern seiner Gattin als ausgeglühtes Alteisen betrachtet zu werden.

So erzählt er dem fassungslosen blonden Romeo, was er mit dem vorherigen Nebenbuhler McRae angestellt hat: „I killed him.“ Und dann fragt er Joel noch, ob er sich jetzt bedroht fühle. Die Lüge wird die Runde machen, sie wird geglaubt werden, sie wird Zweifel an ihm wecken, sich gegen ihn wenden. Der Pulp-Schriftsteller Don (Tracy Letts), der mit seiner jüngeren Frau Kelly (Kristen Connolly) um die Ecke wohnt, glaubt jedenfalls bald, einer gut verkäuflichen True-Crime-Story auf der Spur zu sein.

Die Geschichte eines Mannes, der ein Mörder wird

„Deep Water“ ist die Geschichte eines traurigen Mannes, der angewidert und angetörnt zugleich dreinschaut und der dann tatsächlich zum Mörder wird. Mit einem fatalistischen Dreitagebartslächeln bewundert Vic, wenn seine Frau auf der Party betrunken auf dem Klavier steht, sich im kleinen Schwarzen in den Hüften wiegt und „It‘s wonderful“ singt. Er hasst den Klavierlehrer namens Charlie, der ungeniert mit ihr flirtet und sie küsst. Vics Blick wird finsterer, die Party wird, als es regnet, ins Haus verlegt. Und dann schwebt Charlie tot im Wasser des Pools. Who dunnit? Es wird uns schnell verraten.

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Wer die Buchvorlage „Tiefe Wasser“ der Krimikönigin Patricia Highsmith kennt, der kann hier trotzdem zuschauen. Lyne richtet seinen Film stärker an Michel Devilles französischer Filmadaption von 1981 aus, es gibt ein anderes Ende als im Buch. Damals waren Isabelle Huppert und Jean-Louis Trintignant das seltsame Ehepaar. Sie waren überzeugender, wirklicher, vor allem muss man sich wieder und wieder einreden, dass der smarte Affleck tatsächlich einem Menschen gefährlich werden kann – egal, ob er jetzt mal als Batman unterwegs war oder nicht. Und man darf es nicht albern finden, dass er sich hobbymäßig am liebsten mit glitschigen (giftigen?) Schnecken abgibt.

Lyne ist 20 Jahre nach seinem letzten Film relativ zahm

Gemessen an seinen früheren Werken ist Lyne 20 Jahre später zahm, alles Erotische bleibt Andeutung und Versprechen. Und weitgehend alles Psychologische auch. Wichtige Fragen übergeht der Regisseur. Wer zum Beispiel war jener tote Malcolm McRae, was bedeutete er Melinda und was ist ihm wirklich zugestoßen? Der Film ist eine Aneinanderreihung von gesellschaftlichen Zusammenkünften, dessen Klimax dann so holprig-stolprig ist wie die Kiesstraße durch den Wald, die der aufgeregte Schriftsteller entlangbrettert, der gleichzeitig versucht, sein Auto auf der Piste zu halten und eine Nachricht in sein Handy einzugeben. Was der Alte da macht, ist in der Nähe eines „Jackass“-Stunts und muss einfach schiefgehen.

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Das letzte Bild ist dann weit entfernt vom schockierenden Schlusspunkt, den Highsmith einst setzte. Der Kreis schließt sich, auch wenn es ein Kreis des Unfugs ist, die Fiktion jetzt fern ist von aller Wahrscheinlichkeit. Das letzte Lächeln ist tatsächlich eines der Wiederannäherung. Eine Frau erkennt an, dass ihr Mann wirklich „alles“ für sie getan hat. Trixie spielt auf dem Rücksitz des Autos. Fehlt nur noch der „Brady-Bunch“-Song: „Jetzt sind alle eine fröhliche Familie …“

„Deep Water“, Film, 115 Minuten, Regie: Adrian Lyne, mit Ben Affleck, Ana de Armas, Grace Jenkins, Tracy Letts, Kristen Connolly (streambar bei Amazon Prime Video)

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