Datenanalyse: Der Wirtschaftscrash beherrscht die Bestsellerlisten

  • Die derzeit meistverkauften Wirtschaftsbücher beschäftigen sich mit dem drohenden Kollaps.
  • Seit der Lehman-Pleite stapeln sich immer neue Bücher zum wirtschaftlichen Untergang in den Buchhandlungen.
  • Trotz guter Wirtschaftsdaten wird die Tonlage immer schriller.
Johannes Christ
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Hannover. Die deutsche Bestsellerliste führt derzeit einen beunruhigenden Titel auf dem ersten Platz. „Der größte Crash aller Zeiten“ heißt das neue Werk von Marc Friedrich und Matthias Weik. Die Vermögensberater sind geübt darin, die wirtschaftliche Lage in dunklen Farben zu malen. Mit dieser Methode schafften sie es bereits viermal auf Platz eins. Diesmal datieren sie den Zusammenbruch des Wirtschaftssystems spätestens auf das Jahr 2023. Auf Platz zwei schlägt der ebenfalls altbekannte Ökonom Max Otte in die gleiche Kerbe. „Weltsystemcrash” heißt sein viertes Buch zum wirtschaftlichen Niedergang.

Jedes Jahr eine neue Nummer eins

Die Lust am Untergang ist kein neues Phänomen, zeigt eine Datenauswertung des RedaktionsNetzwerks Deutschland auf Grundlage der wöchentlichen Bestsellerlisten der Fachzeitschrift Buchreport. Allein seit 2010 erreichten rund 100 Bücher mit pessimistischer Grundhaltung einen Platz unter den meistverkauften Wirtschaftstiteln. Knapp die Hälfte schaffte es sogar in die Top Ten. In fast jedem Jahr landete ein Buch zum ökonomischen Niedergang auf Platz eins. In Zeiten historisch niedriger Arbeitslosigkeit, steigender Börsenkurse und konstanter Wachstumsraten der Volkswirtschaft sind die Buchhandlungen dicht bestückt mit Alarmsignalen.

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In den Jahren vor dem tatsächlichen Einbruch der Weltwirtschaft 2008 war der Crash dagegen kein großes Thema. Weniger als zehn Titel unter den meistverkauften Wirtschaftsbüchern beschäftigten sich mit einem möglichen Kollaps. Die meisten davon schafften es nicht in die oberen Ränge. Ein Ausnahme bildete 2006 „Der Crash kommt“ von Max Otte (Platz fünf). Als die Finanzkrise bereits schwelte, landete „Der globale Countdown“ auf Platz zwei. Darin liegen die Autoren erschreckend nah an der Realität: „Die Finanzmärkte stehen vor dem Kollaps und bedrohen die Weltwirtschaft mit einer globalen Krise.“

Crashliteratur als neues Genre

Wenige Monate später war es dann tatsächlich so weit: Die Lehman-Pleite löste eine tiefe weltweite Rezession aus. Der Deutsche Aktienindex fiel innerhalb eines Jahres von 8000 auf 4000 Punkte. Seitdem versuchen Ökonomen, Politiker und Journalisten, das Geschehen einzuordnen. Mit Paul Krugman und Joseph Stiglitz machten sich gleich zwei Nobelpreisträger daran, die Wirtschaftskrise zu erklären. Währenddessen gab der deutsche Börsenmakler Dirk Müller seinen Lesern einen „Crashkurs“, wie sie auch in turbulenten Zeiten „das Beste aus Ihrem Geld machen“. Der Finanzratgeber blieb 38 Wochen in den oberen Verkaufsrängen. Noch länger hielten sich dort nur „Der Crash ist die Lösung“ (49 Wochen) und „Der größte Raubzug der Geschichte“ (73 Wochen), die beiden ersten Werke von Matthias Weik und Marc Friedrich.

Aus der weltweiten Bankenkrise wurde eine europäische Staatsschuldenkrise, die 2012 ihren Höhepunkt erreichte. In diesem Jahr brachten es 16 Bücher zur wirtschaftlichen Notlage zum Bestseller, mehr als in jedem anderen Jahr. Titel wie „Gebt uns unsere D-Mark zurück“ und „Die letzten Jahre des Euro“ verkauften sich prächtig. Volkswirt Hans-Werner Sinn versuchte, das Bedrohungspotenzial der Target-Salden einem größeren Publikum näherzubringen. Der spätere griechische Finanzminister Yanis Varoufakis zog Parallelen zwischen Amerika und dem Fabeltier Minotaurus, dem einst die Alten Griechen Tribute zollten.

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Seit ihrem bislang letzten Aufflammen 2015 ist die Euro-Krise kein bestimmendes Thema mehr. Die lockere Geldpolitik der Europäischen Zentralbank gibt aber weiterhin reichlich Stoff für Untergangsfantasien. „Der Draghi-Crash“ prophezeit „eine Katastrophe, deren Entladung historisch ihresgleichen suchen wird“. Das Buch „Die Inflationsfalle“ sagt eine Hyperinflation voraus, „die geradezu zwangsläufig zu dramatischen politischen Veränderungen führen wird”. Demgegenüber steht der Titel „Die Deflation kommt”. Darin heißt es: „Ein unvorstellbares Desaster droht, wenn erst die deflationäre Abwärtsspirale in Gang gekommen ist.“ Die Leser haben also die Wahl zwischen galoppierender Inflation und drastischem Preisverfall: Immerhin eine dieser beiden Prophezeiungen wird mit Sicherheit nicht eintreffen.