„Das Zockerhaus“: Wie homophob ist diese ZDF-Kindersendung?

  • In der ZDF-Kindersendung „Das Zockerhaus“ wohnen sechs Jungs in einer WG und müssen Aufgaben lösen.
  • Die „Bestrafungen“ für die Verliererteams: Nägel lackieren und einem Freund sagen, dass man ihn liebt.
  • Nach Kritik von Aktivistinnen und Aktivisten beschäftigt sich der Fernsehrat mit dem Fall.
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Mainz. Stellen Sie sich vor, Sie wären noch einmal 15 Jahre alt. 15, männlich, Gamer, um genau zu sein. Was wäre Ihnen da besonders peinlich?

Irgendwie so könnte das Brainstorming begonnen haben, irgendwo in Köln, irgendwo in den Räumlichkeiten einer vom ZDF engagierten Produktionsfirma. Und irgendwann muss wohl irgendjemandem eine Antwort eingefallen sein: Pinke Fingernägel, pinke Bettwäsche – und einem Freund sagen, dass man ihn liebt.

Zugegeben, über das Szenario des Brainstormings lässt sich nur mutmaßen, vielleicht gab es auch nie eins. Fest steht aber: All das wurde im September wirklich genauso gesendet – und zwar im Kinderkanal von ARD und ZDF, dem Kika.

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Gamer machen Jungssachen

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„Das Zockerhaus“ heißt das Format, in dem die öffentlich-rechtliche Anstalt eine Gruppe von insgesamt sechs Jungs im Alter von 15 und 16 Jahren in eine WG einziehen lässt, die sich zuvor nur online kannten – und nun zum ersten Mal im sogenannten Real Life miteinander Zeit verbringen. Hinter der Sendung steht ein Experiment: Können Onlinefreundschaften auch im realen Leben Bestand haben?

So weit, so gut. Die Vorfreude der Teilnehmer scheint riesig, alle haben sichtlich Spaß an dem Format. Zunächst stehen alle Jungs in einer riesigen Halle und lernen sich kennen, später müssen sie gemeinsam verschiedenste Wettbewerbe absolvieren – mal Türme bauen, mal mit verbundenen Augen einen Parcours absolvieren, mal Bogenschießen. Vermeintliche „Jungssachen“ eben.

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Und das Ende der achtteiligen Realityshow ist sogar ziemlich rührend: Alle sechs Jungs erkennen nämlich, dass sie durch ihre gemeinsame Zeit noch enger zusammengewachsen sind und womöglich neue Freunde fürs Leben gefunden haben.

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Sexistische Rollenbilder

Doch es gibt da einen Haken. Denn zu jeder Episode und zu jeder absolvierten „Challenge“ hat sich das ZDF – beziehungsweise die beauftragte Produktionsfirma – eine Bestrafung für die Verliererteams ausgedacht. Und diese Bestrafungen strotzen nur so vor sexistischen und homophoben Klischees.

In Folge eins beispielsweise muss ein Verliererteam in pinker Einhorn-Bettwäsche übernachten (klar, weil das total unmännlich ist). In einer anderen bekommt es von seinen Mitstreitern die Nägel lackiert (klar, denn so was machen ja nur Mädchen).

Als vermeintliche „Bestrafung“ gilt für das ZDF tatsächlich auch, seinen besten Freund zu Hause mit einer Maulsperre im Mund anzurufen und ihm zu sagen, dass man ihn liebt. Im Verlauf der acht Folgen müssen sich die Jungs dann noch ein Kleid samt rosa Perücke anziehen, sich schminken lassen, Glitzertattoos ins Gesicht kleben, ihre Haare toupieren mit Haarspangen und Schleifen oder im Aerobic-Outfit ein Sexy Dance Workout machen. Zu den weniger problematischen Aufgaben gehören dann noch etwa das Müllsammeln in der Stadt und Insektenessen.

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Schwulenfeindliche Botschaften

Der Verein klische*esc war einer der Ersten, der auf die fragwürdigen Rollenbilder in der ZDF-Kindersendung aufmerksam gemacht hat. Der Verein verleiht einmal im Jahr den „Goldenen Zaunpfahl“ für sexistische Klischees in der Werbung. Dem ZDF haben die Vorsitzenden Floris Müller-Reichenwallner und Sascha Verlan einen offenen Brief geschrieben. Darin bezeichnen sie das Format als „zutiefst sexistisch“.

Das „Zockerhaus“ bediene „ungefiltert Geschlechterrollenklischees“, reproduziere „Bilder toxischer Männlichkeit“, verbreite „schwulenfeindliche Botschaften“ und genüge damit „in keiner Weise dem Bildungsauftrag einer öffentlich-rechtlichen Sendeanstalt“, findet der Verein. Auch die selbst auferlegten Richtlinien zum Jugendmedienschutz und zur Gleichstellung der Geschlechter sehen die Aktivistinnen und Aktivisten verletzt.

Acht der insgesamt 14 Bestrafungen – wenn man vom Müllsammeln und Insektenessen einmal absieht – seien sexistisch und hätten nur zum Ziel, „die Männlichkeit der jungen Protagonisten infrage zu stellen – indem sie gezwungen werden, Dinge zu tun, die als weiblich, ‚verweichlicht‘ bzw. schwul gelten“. Dadurch würden nicht nur die Protagonisten herabgesetzt, sondern Frauen und Homosexuelle insgesamt.

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Lob für die Protagonisten

Geht es nach dem Verein, reproduziert und legitimiert „Das Zockerhaus“ Diskriminierung, Sexismus und Homophobie im Alltag. „Viele Jugendliche stoßen in ihrer Identitätsfindung nach wie vor an einschränkende Grenzen, und der Normierungsdruck hat in den vergangenen Jahren weiter zugenommen – Ihre Sendung trägt dazu bei“, heißt es weiter in dem offenen Brief. Die Aktivistinnen und Aktivisten fordern das ZDF auf, die Realityshow einzustellen und aus der Mediathek zu entfernen.

Ganz ähnlich klingt die Kritik einiger weniger Nutzerinnen und Nutzer in den sozialen Netzwerken – einen großen Entrüstungssturm hat die Sendung bislang nämlich nicht ausgelöst. Der Slampoet und Buchautor Sebastian 23 beispielsweise schrieb auf Twitter: „Herrgott, welche Redaktion winkt das durch? Sitzt ihr alle auf dem eigenen Kopf? Das gucken Kids, hey!“ Ein anderer schreibt: „Immer wieder erstaunlich, wie verbreitet das 50er-Jahre-Weltbild bei vielen (wieder) ist.“

Doch es gibt auch gegenteilige Meinungen. Die Kulturjournalistin Jenni Zylka etwa erkennt in ihrem Kommentar beim rbb-Sender Radio eins zwar die fragwürdige Intention der Produktionsfirma – doch sie glaubt: „Jungs von heute (…) lassen sich ihre zarte Männlichkeit nicht so einfach infrage stellen, nur weil sie sich mal die Nägel lackieren sollen.“ Die Protagonisten würden auf die fragwürdigen Aufgaben der Redaktion eher cool reagieren. Die Jugend sei schließlich schon „viel weiter als die Macher:innen dieser Show“, meint die Kolumnistin.

Vorbildlich oder verantwortungslos?

Aber lässt sich das Thema damit einfach aus der Welt wischen? Es ist tatsächlich bemerkenswert, wie gelassen die sechs Jungs vor der Kamera auf die teilweise unverschämten „Bestrafungen“ der Redaktion reagieren. Der Liebesbeweis an den besten Freund scheint für die Protagonisten überhaupt kein Problem zu sein, die rosa Bettwäsche findet einer sogar „lit“ (also: super). Insofern könnte man argumentieren, die Jugendlichen zeigen tatsächlich einen vorbildlichen Umgang mit stereotypen Rollenbildern und könnten somit sogar als Vorbild für ihre jungen Zuschauerinnen und Zuschauer agieren.

Problematisch ist vielmehr, dass Dinge wie das Schminken von der Redaktion überhaupt als vermeintliche „Bestrafung“ ins Spiel gebracht werden. Und: Es gibt durchaus auch Szenen, in denen das vorgelegte Weltbild der Redaktion auch auf die jungen Protagonisten abfärbt.

In einer Szene in Folge eins beispielsweise ist zu sehen, wie sich einer der jungen Teilnehmer darüber ärgert, dass er im rosa Hasenkostüm durch die Stadt laufen muss. Ein anderer macht als Reaktion darauf eine Handbewegung, mit der klischeehaft schwule Männer dargestellt werden, und spricht mit ebenso affektierter Stimme: „Das wird doch halb so wild.“ An anderer Stelle reagiert ein Freund aus der Heimat per Whatsapp-Nachricht auf ein Fotoshooting eines Teilnehmers in pinker Bettwäsche: „Endlich stehst du zu deinen Vorlieben“, so die Nachricht – lautes Gelächter in der Runde.

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Was das ZDF zur Kritik sagt

Man kann den Jungs wohl kaum einen Vorwurf daraus drehen, sie sind schließlich noch Kinder. Aber hätte man sie nicht wenigstens schützen und die fragwürdigen Szenen aus der Sendung schneiden können?

Das ZDF lässt eine entsprechende Frage des RedaktionsNetzwerks Deutschland zu diesem Thema unbeantwortet, die zuständige Produktionsfirma E+U TV hat bislang gar nicht geantwortet. Die Kritik zur Sendung selbst habe man sich allerdings zu Herzen genommen, wie es in der Mailantwort der ZDF-Pressestelle heißt. „Wir nehmen die bei uns eingegangene Kritik (…) ernst“, teilt eine Sprecherin gegenüber dem RND mit. „Es war zu keinem Zeitpunkt unsere Absicht, negative Bewertungen vorzunehmen oder Gruppen unserer Gesellschaft abzuwerten.“

Die ausgewählten Aktionen sollten „vielmehr eine spielerische Form der Erfahrungserweiterung ermöglichen und gängige Klischees entkräften und nivellieren“, so das ZDF. „Die bei uns eingegangene Programmbeschwerde wird im ZDF-Fernsehrat bearbeitet, und wir nehmen diese Kritik zum Anlass, uns erneut mit der Vermittlung und Rezeption von Rollenbildern in unseren Formaten zu beschäftigen.“

Ein Gamingformat ohne Mädchen

Lohnenswert ist diese Auseinandersetzung mit den eigenen Jugendinhalten sicherlich. Zahlreiche Studien haben in den vergangenen Jahren belegt, dass auch die junge Generation noch nicht so frei und offen mit ihrer sexuellen Identität umgehen kann, wie sich das manch einer vielleicht ausmalt.

2019 fragte etwa das Deutsche Jugendinstitut mehr als 1700 lesbische, schwule, bisexuelle, transsexuelle und genderdiverse Jugendliche und junge Erwachsene von 14 bis 27 Jahren nach ihrer aktuellen Situation. Das teilweise erschreckende Ergebnis: Fast 90 Prozent der Befragten haben online schon einmal Diskriminierung aufgrund ihrer Sexualität erlebt.

Andere Befragungen zeigen, dass queere Jugendliche auch in der Schule, im Freundeskreis oder sogar Elternhaus noch immer häufig verbalen Angriffen ausgesetzt sind. Wenn dann in einer ZDF-Kindersendung die Liebe zu einem Mann problematisiert wird oder ein bestimmter Kleidungsstil, der vermeintlich nicht in die Norm passt, dann dürfte das wohl nicht sonderlich förderlich sein.

Eine weitere Auffälligkeit der Sendung haben übrigens bislang weder der Verein klische*esc noch Nutzerinnen oder Nutzer in den sozialen Netzwerken bemängelt. Warum muss eine Kindersendung zum Thema Gaming überhaupt sechs ausschließlich männliche Protagonisten haben? Das Thema, so scheint es zumindest, ist wohl einfach nichts für Mädchen. Die schlafen schließlich lieber in pinker Einhorn-Bettwäsche – oder machen sich die Nägel.

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