Das Sterben der anderen: Die Thrillerserie „Die Toten von Marnow“

  • Erst stirbt ein Mann, dann folgen andere, und das Motiv Rache wankt schon bald.
  • Petra Schmidt-Schaller und Sascha Gersak spielen in der Thrillerserie „Die Toten von Marnow“ (ab 6. März, ARD-Mediathek) zwei angeschlagene Kommissare.
  • Sie bekommen es mit einem Fall zu tun, der sie in ein finsteres Kapitel der zwei Deutschlande zurückführt.
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Ein Toter sitzt im Zimmer, seine Gurgel ist nicht mehr unversehrt, die Insekten bemächtigen sich seiner schon in diesem heißen, insektenreichen Sommer. Als später dann die Polizei eintrifft, hängt der Leichnam allerdings plötzlich kopfüber im Badezimmer, in seine Haut ein wenig schönes Synonym für „Pädophiler“ geritzt. Für die Kommissare Frank Elling (Sascha Gersak, „Die Protokollantin“) und Lona Mendt (Petra Schmidt-Schaller, „Tatort“) ist die Sache erst mal klar. Sie wissen (noch) nicht, dass zwischendurch jemand an der Leiche „Nachbesserungen“ vorgenommen und zudem ein Gruppenfoto an der Wand entfernt hat.

Mendt und Elling versprechen schon zum Auftakt von „Die Toten von Marnow“ mehr zu sein als eindimensionale moralische Funktionsträger à la „Derrick“ oder Falllöser mit ein wenig „Waltons“-artigem Familienleben wie die Reagans in „Blue Bloods“. Wenn Sascha Gersak als Frank Elling zerknittert in die Kamera guckt, flitzt einem sofort das Wort „Drama!“ samt Ausrufezeichen durch den Kopf. Und wenn die blonde Petra Schmidt-Schaller als Polizistin mit dem vielsagenden Namen Lona Mendt (lebt in einem Wohnmobil) auf ihrem Krad durch Meck-Pomm knattert, denkt man sofort an Sofia Helin als Saga Noren in ihrem wirsinggrünen Porsche in „Die Brücke“. Und das ist schon mal kein schlechtes Zeichen.

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Angezählte Helden: Elling mit Geldsorgen, Mendt mit Geheimnis

Die Helden sind angezählt: Elling, den sogar seine Frau Elling nennt und nicht etwa Frank, Fränkie oder Frankieboy, hat ein nettes Haus mit Garten und Pool, in den unbedingt eine Gegenstromanlage soll. Er ist da wie ein Kind, will es sich selbst und allen anderen recht machen, der geliebten Gattin, deren erster Blick schon das unausgesprochene Geständnis „Ich habe eine Affäre!“ enthält.

Und der geliebten Tochter auch, die gerade 18 geworden ist und sich nichts mehr wünscht als ein cooles italienisches Autochen – ein Jahreswagen ginge in Ordnung. Dann ist da noch Ellings Mutter, dement und demnächst wohl reif für betreutes Wohnen. 3400 Euro Brutto reichen für all das nicht, was in der Miniserie später Maxifolgen für Elling haben wird.

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Die hochwirksame Erotik der Hände

Der Name Lona klingt schon nach „allein“, aber wenn sie mit einem kriminalistischen Nachwuchstalent wie dem süßen Sören-„ich bin verlobt“-Jasper doch der Zweisamkeit hallo sagen will, lässt sie herrlich belustigte Blicke blitzen. Schmidt-Schaller packt in ihre Hände, die sich über Jaspers T-Shirt schieben, mehr Eros als andere in minutenlange Splitternacktszenen.

Lona hat einiges auszustehen in dieser Geschichte, Jasper auch. Dass in ihrer Vergangenheit zudem ein finsteres Geheimnis wühlt, ahnt man anhand einiger extremer Reaktionen, offenbart wird es indes erst in der Showdownphase, wenn alles schon aufs große Sterben zugeht und eine seelentief erschütterte Person die Pistole zum letzten Schuss entsichert.

Nachdem früh aufgedeckt wird, dass das gefundene Kinderpornomaterial erst postum auf den Computer des toten früheren Stasi-Oberleutnants aufgespielt wurde, wird in der Miniserie „Die Toten von Marnow“ die Fährte gewechselt, ein Serienmörder gejagt. Eine geheime Staatssache aus den späten Tagen der DDR soll mit aller Macht geheim bleiben. Niemand soll das je aufdecken, also werden noch mehr Hälse durchschnitten.

Und die dunkle Seite der Macht hat auch Elling ratzfatz in seiner Gewalt, denn er hat sich bestechen lassen – für den Pool und die Mobilität der Tochter – und soll nun die Ermittlungen gefälligst ergebnislos abschließen. Die Tinte, in der er steckt, ist so tief wie die von Bryan Cranston in „Your Honor“, nie kommt Elling da wieder raus, denkt man sich, und wie er dann doch wieder rauskommt, verdankt er einer einzigartigen Konstellation von Zufall und unverhoffter Loyalität.

Der Drehbuchautor mit Schutzengelqualitäten

Dass in schier auswegloser Situation auch noch ein Reh zur rechten Zeit am rechten Ort ins richtige Auto läuft – da muss man Drehbuchautor Holger Karsten Schmidt schon fast Schutzengelqualitäten ankreiden. Aber dieses vermeintliche Ende kann nach 100 von 360 Minuten erst der Anfang sein. Und richtig: Ein Friedhof wird entdeckt, ein Polizist verschwindet spurlos. All das im schönen Meck-Pomm mit seinen blauen Seen, den grünen Wäldern, den erntereifen goldenen Feldern. Schöne Welt, böse Welt.

Die Spur führt zur Pharmafirma Santooval nach Hannover, wo gerade der Durchbruch in der Alzheimermedikation gefeiert wird. Kein Hirngespinst, die Geschichte gründet auf wahren Begebenheiten. Im Frühjahr 2013 wurde publik, dass westliche Pharmaunternehmen in 50 DDR-Kliniken mehr als 600 Medikamentenstudien in Auftrag gaben. 50.000 DDR-Bürger waren betroffen – oft ohne Wissen um Risiken und Nebenwirkungen. Für bis zu 800.000 Westmark pro Studie gab es zuweilen auch Tote. Zu retten war das Land auch mit solchen lukrativen Verbrechen gegen die Menschlichkeit nicht mehr.

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Auch wenn nicht immer alles mit logischen Dingen zugeht über die 360 Minuten dieses Thrillers und obgleich einige Figuren im Nebenpersonal recht skizzenhaft bleiben, gelingt es den Serienmachern um Regisseur Andreas Herzog doch, Atmosphäre aufzubauen und aufrechtzuerhalten wie selten im deutschen Spannungsfernsehen. Man muss sich diesbezüglich hinter der dänischen „Kommissarin Lund“ oder der Yorkshire-Polizistin Catherine Cawood aus „Happy Valley“ nicht verstecken. Und wenn Elling und Mendt am Ende der ersten Staffel nicht gestorben sind, würde man sich gern durch ein zweites Abenteuer mit ihnen bingen.

„Die Toten von Marnow“, ARD-Mediathek, acht Folgen, Regie: Holger Karsten Schmidt, mit Petra Schmidt-Schaller, Sascha Gersak, Anton Rubtsov (ab 6. März streambar, linear in der ARD ab 13. März)

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