Das Schweigen der Avatare: So war “Die Sat.1 Comedy Konferenz”

  • Und wieder überbrückt das Privatfernsehen die Corona-Krise mit einer billigen Videoschalte.
  • Doch Obacht: Trotz Sexismusüber- und Frauenunterschuss, war “Die Sat.1 Comedy Konferenz – Promis in Quarantäne” recht unterhaltsam.
  • Aber: Ob sämtliche Komödiantinnen im Land zufällig keine Zeit hatten?
Jan Freitag
|
Anzeige
Anzeige

Avatar. Im uralten Sanskrit war das einst ein Wort für den Abstieg einer Gottheit, um auf Erden hienieden mal nach dem Rechten zu sehen. Auf Computerneudeutsch indes bezeichnet er den digitalen Platzhalter für Realitätsflüchtlinge für (leider oft viel zu lange) Zeit, um auf der Spielkonsole opulente Fantasiewelten zu simulieren. Bei Sat.1 hingegen steht Avatar seit gestern für den neuesten Twist im Schwall privater Videokonferenzen, mit denen das Fernsehen sich gerade durch die kontaktreduzierte Corona-Krise hangelt.

Während RTL, Vox und Pro7 seit Tagen schon bebilderte Podcasts in die Hauptsendezeit hieven, deren Sprecher von Thomas Gottschalk über Mark Forster bis Klaas Heufer-Umlauf dank der Kontaktsperre ohne Saalpublikum auskommen müssen, hat sich der Sender mit dem Ball nämlich eine Art Ersatzdroge des Selbstdarstellerentertainments auf die Sitztribüne gestellt: In seiner “Sat.1 Comedy Konferenz”, die gestern Abend ihr Debüt feierte, stehen einige Dutzend Schaufensterpuppen mit Tablets vorm Gesicht hinterm Moderationsduo, bewegen sich weit mehr als drei üppig überzogene Stunden lang keinen Millimeter, täuschen aber dennoch leibhaftige Zuschauer vor.

Die üblichen Verdächtigen auf einem Bildschirm

Weiterlesen nach der Anzeige
Anzeige

Bisschen irritierend, leicht morbide, schwer konstruiert, aber fraglos ein interessanter Gedanke in fleischloser TV-Unterhaltungszeit. Wäre da nicht das Personal. Denn wie so oft, wenn es um privaten Fernsehhumor geht, sind auf acht Bildschirmen die üblichen Verdächtigen zugeschaltet – nur eben aus dem eigenen Wohnzimmer. Wir präsentieren also so feierlich, wie es ein menschenleerer Saal eben zulässt: Chris Tall mit Radiator und Basecap im Nacken. Bülent Ceylan mit Konzerttapete und Ledersofa im Nacken, Markus Krebs mit Gummibaum und Billardqueues im Nacken, Guido Cantz mit Heimorgel und Likörettenbild im Nacken.

Dazu noch Olaf Schubert mit Weltkarte und Schnapsbatterie im Nacken, Matze Knop mit Kaminfeuer und Klopapier im Nacken, Wigald Boning mit Omakissen und Postkarten im Nacken, und falls sich Gleichstellungsbeauftragte nun kurz mal fragen, ob das für ein Ensembleformat der 2020er-Jahre nicht ein wenig männerlastig sei: Als einzige Frau im Oktett taucht die sehr feminine Popsängerin Sarah Lombardi ins Testosteronbecken von Sat.1 und muss anstelle der Stand-up-Einlagen ihrer Kollegen gleich mal die Frage beantworten, was denn ihr Sohn Alessio mache, während sie hier ihre Mutterpflichten vernachlässigt.

Ob sämtliche Komödiantinnen im Land zufällig keine Zeit hatten?

Ob sämtliche Komödiantinnen im Land zufällig keine Zeit hatten? Ob sie womöglich gar nicht gefragt wurden? Ob sich Sat.1 also um 100 Jahre im Datum geirrt hatte? Wenn die meisten Witze von Chris Tall auf sexistischem Mario-Barth-Niveau versanden und Guido Cantz allen Ernstes Klopapierpointen reist, würde sich jede Stand-upperin mit Niveau vermutlich vollumfänglich fremdschämen angesichts des Spaßniveaus. Aber wir wollen nicht ungerecht sein: Im Gegensatz zur “Quarantäne-WG” auf RTL oder “Live in der Forster Straße” auf Vox, hat die “Comedy Konferenz” durchaus Substanz. Und zwar aus mehreren Gründen.

Anzeige

Der erste Grund: Die berufseuphorische Ruth Moschner und der salonzynische Hugo Egon Balder harmonieren als Good-Cop-Bad-Cop-Gastgeber erstaunlich gut. Der zweite Grund: Das Comedybegleitprogramm aus Instagram-Videos ulkiger Krisenbewältigungsstrategien und Überlebensappellselfies erfrischend normaler Menschen sorgt mit heiterer Anteilnahme für Corporate Identity. Der dritte Grund: Kommerzielles Stand-up dieser Art mag nicht jedermanns, geschweige denn jederfraus Sache sein; sie zählt allerdings zur absoluten Kernkompetenz von Sat.1 und wird hier sogar vergleichsweise professionell inszeniert.

Dass Matze Knop wie eigentlich immer Jogi Löw persifliert, Olaf Schubert sein Programm der letzten “heute-show” nahezu wortgleich wiederholt und Sarah Lombardis Fitnessübungen mit Klopapierrollen sogar Guido Cantz’ Niveau noch unterlaufen – geschenkt. Denn ein Spanier, der im eingespielten Clip die heimische Teezeremonie seiner Freundin wie ein südamerikanischer Fußballreporter kommentiert, ist mindestens ebenso kurzweilig wie Wigald Bonings interaktiven Wohnzimmerteppichexperimente, mit denen er die Videoschalte schon rein physisch immer wieder mal aus der Agonie millionenfach repetierter Standardzoten reißt.

Anzeige

Naja, während die Avatare naturgemäß schweigen, lachen sich darüber wenigstens die “Promis in Quarantäne”, so lautet der Untertitel dieser (vorerst) einmaligen Veranstaltung, aus ihren Flatscreens ständig so kaputt, als liefe Monty Pythons tödlichster Witz aller Zeiten und nicht der allerbeste dieses ziemlich langen Abends. Vorgetragen von Hugo Egon Balder. “Ein ganz kurzer”, wie er ankündigt und damit das Pennälergiggeln seiner männlichen Gäste provoziert: “Heute Nacht um drei hat mein Nachbar bei mir an der Tür geklingelt. Mir ist fast die Bohrmaschine aus der Hand gefallen.” Bis auf die Schaufensterpuppen herrscht da kollektive Heiterkeit im Konferenzsaal. Wer’s mag.

  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen